Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 42 (23.5.1900)
- Date
- 1900-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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861 nenn bare Angst zog ihm das Herz zusammen, erschwerte ihm das Athmen — oder war es vielleicht die übermäßig rasche Bewegung, die seinen Athem oft hemmte? — Aber er mußte eilen, als wären die Furien ihm auf den Fersen, er vermochte feinen Schritt nicht zu mäßigen, wenn er sich sein kleines, schüchternes Kind ganz allein unter fremden Menschen vorstellte, wie es verlangend die Arme nach den Eltern ausstreckte und wohl auch schluchzend ihren Namen rief. — Er hoffte, daß cs auch die Nacht geschlafen haben werde, aber der Tag schritt vor, wenn es noch nicht wach war, mußte es sehr bald erwachen. Endlich, nach mehr als zweistündigem Dauerlauf, langte er in V. . . . an, vollständig in Schweiß gebadet und derart außer Athem, daß er kein lautes Wort hervorzubringen vernwchte. Er erkannte die Nothwendigleit, seinen Schritt zu mäßigen, sonst würde er nicht im Stande sein, dem Beamten, an den er sich zu wenden beabsichtigte, sein Anliegen vorzutragen. Endlich hatte er das Polizeigebäude erreicht und >var zu dem Commissär geführt worden. Er bemühte sich nun, seine Erregung zu bezwingen, um in möglichst ruhigen Worten den Verlust seines Kindes und seine diesbezügliche Vermuthung zu schildern. Kopfschüttelnd hörte ihn der Beamte an. „Ihre begreifliche Aufregung scheint Ihnen jede ruhige Erwägung unmöglich zu machen, sonst wären Sie nicht auf die absurde Idee gerathen, die Baronin Waldstein habe Ihnen Ihr Kind entführen lassen. Aber selbst >venn ich diese Annahme nicht so absurd finden würde, ivie ich sie thatsächlich finde, so wäre ich doch nicht im Stande, auf Ihre Vermuthung hin ohne stichhaltige Verdachtsgründe, bei einer Persönlichkeit vom Range der Frau Baronin, eine Haussuchung vornehmen zu lassen. — Wenn Sie ruhiger wären, würden Sie selbst dieses einsehen." Steinhart lvar aber in der That keiner ruhigen Ueberlegung fähig, ein halblaut unterdrücktes Aechzen entrang sich seiner Brust, gegen die er beide Hände mit Ö^eiualt preßte. Der Beamte begann ungeduldig zu werden, viel» leicht cmvfand er auch Mitleiden mit dem Unglücklichen. „Wenden Sie sich an Ihre Glaubensgenossen, vielleicht hat Einer derselben einen Bekannten, der im Hause der Baronin Zutritt hat, dadurch könnten Sie der Sache vielleicht eher auf die Spur kommen." Steinhart fuhr zusammen. „Dank," murmelte er, griff nach seinem Hute und rannte davon. Lachend blickte ihm der Commissär nach. „Armer Tropf —" Aber Steinhart kam sich in diesem Augenblicke durchaus nickt arm vor, seine Hoffnung, seine Energie lvar auf's Neue erwacht und ohne sich um die Leute zu kümmern, die dem Dahinrennenden verwundert nachschauten, eilte er weiter und hatte in unglaublich kurzer Zeit die Wohnung des ihm wohlbekannten Dr. Kühn erreicht. „Ist der Herr Doctor zu Hause?" streß er, nach Athem ringend, hervor, als ein Dienstbote auf sein Pochen die Wohnungsthiire öffnete. „Der Herr Doktor ist gerade im Begriffe fortzugehen — doch da kommt er selbst." In Wirklichkeit trat der Doktor eben aus seinem Ordinationszimmer, um seinen ärztlichen Rundgang anzutreten. „Ach, grüß' Sie Gott, Herr Steinhart!" rief er, demselben die Hand entgegen streckend, „wo kommen Sie denn her? — heute, am Sabbat? — Aber wie scheu Sie aus!? — ist Jemand krank bei Ihnen? — Nicht? — Sie sind ja vollständig ohne Athem — kommen Sie, kommen Sie — Sie müssen sich vor allem ausruhen." Er führte ihn wieder zurück in sein Arbeitszimmer, drückte ihn mit freundlicher Gewalt in ein Fauteuil nieder und reichte ihm dann ein Beruhigungsmittel. „Das müssen Sie nehmen, früher höre ich Sie nickt an, denn Sie sind ja fürchterlich abgehetzt und aufgeregt. — So, nun halten Sie sich noch zwei Minuten ruhig und dann können Sie mir mittheilen, was Sie zu mir fiihrt und in welcher Beziehung ich Ihnen Helsen könnte." Die freundlich theilnehmenden Worte des Arztes, sowie das Beruhigungsmittel, verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht, schon nach wenigen Minuten war Steinhart im Stande, dem seinen Worten aufmerksam Lauschenden das ihn betroffene Unglück schildern zu können und die Vermuthungen, die er über dasselbe hegte. Hier fand Steinhart anderes Verständniß, als auf dem Polizeiamt. „Elende Seelenjäger!" rief der Arzt, die Hand ballend, „ich theile vollständig Ihre Vermuthung, vorausgesetzt, daß Ihre Angaben richtig sind. Aber der Comniissär hat im Grunde recht, Demjenigen, dem die obwaltenden Verhältnisse fremd sind, muß Ihre Vermuthung so absurd erscheinen, daß das Eingreifen der Behörde so ohne Weiters hier nicht am Platze erscheinen könnte. — Hier kann nur Graf Edgersdorf rathen, der auch dem Verwalter den Wink bezüglich seines kleinen Schützlings gegeben hat. Ein Glück ist's, daß Sie mich noch zu Hause getroffen haben, sonst hätten Sie bis um 4 Uhr hier vergebens warten können — denn was Sie allein ohne den Grafen anfangen könnten, wüßte ich nicht so rasch zu sagen. Aber jetzt lassen Sie uns eilen, hoffentlich treffen wir ihn zu Hause." Rascken Schrittes begaben sie sich zu der unfern gelegenen Wohnung der gräflichen Familie. „Wenn wir ihn nur in der Stadt treffen, seine Frau sagte mir in der vorigen Woche, daß sie in einigen Tagen in ihre Villa übersiedeln würden, die liegt allerdings auch nicht gar so weit, in einer Stunde könnten wir dort sein — aber bequemer wäre es jedenfalls, wenn wir ihn gleich hier treffen würden." Steinhart erwiderte nichts, in der unaufhörlichen Anstrengung und Aufregung lvar es ihm nicht möglich,