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Der Israelit · 1900-05-23 · Heft 42 (23.5.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 42 (23.5.1900)
Date
1900-05-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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660 Feuilleton. Wcrch einer wahren Wegeben heit. 27, Von Friedrich Rott Frau Steinhart sah ihren Gatten zweifelnd an. „Brauchst mich nicht so ungläubig anzusehen," fügte er, ein Lächeln erzwingend, hinzu, „mit Gottes Beistand wird unser Kind uns noch heute unversehrt zurückgegeben werden —" „Das gebe Gott! — aber —" „Ich will mich nur rasch umkleiden und beten, dann mache ich mich sofort auf den Weg." „Zuerst mußt Du frühstücken," rief seine Frau, „ich glaube, Du hast seit gestern Mittag nichts gegeffen." „Das dürfte seine Richtigkeit haben. Nun, damit Du siehst, daß ich in Wirklichkeit ruhig bin, werde ich auch frühstücken, bevor ich wieder fortgehe." Sie blickte zwar etwas ruhiger, aber doch ängstlich fragend zu ihm auf. „Bist Du in Wirklichkeit ruhig?" „In Wirklichkeit —" erwiederte er. „Es ist zwar sehr sehr unangenehm, daß unser liebes Kind uns auf kurze Zeit entrissen ist, aber ich hoffe mit Zuversicht, es Dir noch im Laufe des heutigen Tages zurückzubringen." „Schau," fuhr er fort, als der angstvoll zweifelnde Ausdruck nicht aus ihren bleichen Zügen weichen wollte, „Du mußt mir glauben und Du darfst mir glauben, daß wir für unser liebes Kind nichts zu fürchten haben. Unser gescheidter Viktor hat den Nagel auf den Kopf getroffen, ich begreife nicht, daß ich nicht von selbst auf diese Idee gekommen bin, die Angst muß mir die Sinne verwirrt haben. Aber jetzt bin ich ruhig, vollkommen unbesorgt. Das kannst Du auch schon daraus ersehen, daß ich den Weg nach B. ... zu Fuß zurücklegen werde. Wäre unser Kind in Gefahr, so dürfte ich und würde ich trotz des Sabbats die Eisenbahn benützen. — Aber das werde ich nicht thun. — Ich kann Dir allerdings nicht versprechen, daß ich vor Abend hinkommen werde — ich glaube zwar, daß die Dörfer und Weiler zwischen hier und B.... so nahe zu einander liegen, daß ich die Sabbatgrenze nicht zu überschreiten brauche, aber gewiß weiß ich es doch nicht. Ich werde mich gleich nach dem Frühstück auf den Weg, machen — falls ich mich über den Weg nicht täusche, so hoffe ich, noch vor zehn Uhr bei unserm Kinde zu sein. Aber vor Nacht können wir doch nicht zurück fein, weil Marianne nicht so weit gehen könnte — ich muß mit ihr zurückfahren." Frau Steinhart athmete tief auf. „Freilich, freilich — vor Nacht ist es nicht möglich." „Ich könnte mit Dir gehen, Vater," fiel Viktor ein. „und sobald lvir Marianne gesehen haben, laufe ich nach Hause —" „Das geht nicht," versetzte Steinhart hastig, indem er den Knaben bedeutsam anblickte, „Du mußt bei der Mutter bleiben." „Das ist durchaus überflüssig," erklärte die Mutter, „da ich Dich so ruhig sehe, bin ich es auch und fühle mich wieder ganz wohl." „Gott sei Dank! — Aber wenn Du da wieder Stunden auf Viktor warten würdest, das könnte Dir sehr schaden. Nein, es ist besser, Du weißt im vorhinein, daß wir vor neun Uhr Abends nicht zurück sein können. — Und überdies wäre ich keine Minute ruhig, wenn ich Viktor nicht bei Dir wüßte." „Wenn das so ist, so muß ich mich wohl fügen," erwiederte sie seufzend. „Ja, ja, Du mußt Dich fügen," sagte er gezwungen lachend — und doch war er von Herzen froh, als er sah, daß seine zur Schau getragene Ruhe die Seinen vollständig beruhigt hatte. — Allerdings empfand er auch nicht mehr jene namenlose, aufreibende Angst, die ihm die grauenvollsten Schreckbilder unablässig vorgespiegelt, er hielt sich in Wirklichkeit überzeugt, daß Viktor mit seiner Vermuthung das Richtige getroffen, daß Marianne statt Elsa in die Hände der Baronin Waldstein gerathen war und er fürchtete auch nicht, daß dem Kinde unfreundlich begegnet werden würde, oder daß man es ihm für die Dauer werde vorenthalten können. — Aber er fürchtete allerdings, daß es ihm nicht so rasch gelingen werde, ihrer wieder habhaft zu werden. Die frohe Hoffnung, ihr Kind bald wieder zu sehen, hatte Frau Steinhart wunderbar gestärkt, so daß sie, während ihr Gatte das Morgengebet verrichtete, selbst das Frühstück auf dem Tische ordnen konnte und sogar die Absicht aussprach, ihn eine Strecke zu begleiten. Das gab er jedoch nicht zu, er wollte rasch ausschreiten, um möglichst bald nach B. . . zu gelangen. Rasch nahm er auch das Frühstück ein und machte sich dann auf den Weg, begleitet von den heißesten Wünschen der Zurückbleibenden. Wie erleichtert athmete er auf, als er sein Haus im Rücken hatte und nun auf der sonnigen Heerstraße raschen Schrittes vorwärts eilte. Jetzt brauchte er doch nicht mehr eine Sorglosigkeit zu heucheln, die er keineswegs empfand und im Gehen konnte er auch seinen Plan machen, wohin er in B. . . sich zunächst wenden wolle. Sich sofort an die Baronin zu wenden, hielt er nicht für geeignet, denn er fürchtete wohl mit Recht, bei der hocharistokratischen Dame nicht vorgelassen zu werden. Er hielt es für das Richtigste, stch vor allem an die Polizei zu wenden, die ihm doch auch in der Nacht so treu hatte suchen helfen. Freilich war es fraglich, ob die Polizeibeamten in B... . ebenso menschenfreundlich sein würden, wie die daheim. Doch er wußte nichts besseres und wollte das Beste hoffen. „Hilf! o hilf, mein Gott!" flüsterte er unaufhörlich, während er unaufhaltsam weiter eilte. — Eine un-

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