Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 42 (23.5.1900)
- Date
- 1900-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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yyy‘''ff‘?r&s*Fr***\ > 859 ,{ii tvün scheu übrig, die Discussionen gingen vielfach über das Mast des parlamentarisch Zu lästigen hinaus, und die Beschlüsse entsprachen nicht immer der Empfindung des Voltes und dem thatsächlichen Bedürfniß. In diesen 22 Jahren hat sowohl die politische und nürthschaftliche Stellung der Juden zu den anderen Parteien im Lande, als auch das innere Gefüge des Judcnthums selbst eine sehr wesentliche Aenderung erfahren. Und diese zweifache Umwandlung gab denn auch dem Gemeindetage sein Gepräge. Die Gegensätze stießen bei den ersten zwei Punkten der Tagesordnung aneinander, welche Gelegenheit boten. die Frage der Zweckmäßigkeit der von den führenden Persönlichkeiten der galizischen Judenschaft seit langen Jahren beobachteten Politik aufzurollen. Es half dem Abgeord. Dr. Byk wenig, daß er für die ökonomische Nothlage der Inden in Galizien die Chassidim und Strengorthodoxen verantwortlich machte. Die jugendlichen Wortführer des Zionismus, denen der or'thodore Rabbiner Lewin namens seiner Gemeinde Rohatyn, wie der orthodoxe Nedacteur Taubes aus Kolomea sich anschlossen, machten für diese entsetzliche Nothlage, für das grauenhafte Elend der jüdischen Bevölkerung die jüdischen Neichsraths- und Landtagsabgeordncten verantwortlich, denen sie Liebedienerei und Preisgebung der jüdischen Interessen gegenüber der herrschenden Partei zum Vorwürfe machten. Die Assimilationspolitik, die von der ständigen Commission des ersten Gemeindetages verworfen, von ^eren Nachfolgern aber mit verdoppeltem Eifer wieder t'Ufgenommen worden war, erfuhr durch die Herren Toctor Salz, Stand und Doctor Kornhäuser die schärfste Verurtheilung. Noch stürmischer gingen die Wogen der Leidenschaft, als der greise Dr. Bernhard Goldmann, der consequenteste und energischste Verfechter der Assimilationsidee, an den Referententisch trat, um den Antrag auf Einführung der polnischen Amtssprache in den galizischen Cultusgemeinden zu begründen, als ob wir heute keine anderen Sorgen hätten. Die Zionisten hatten versucht, diesem Anträge ein Paroli zu bieten, indem sie verlangten, daß im internen Verkehre der Eultusgemeinden die hebräische Sprache verlvendet werde. In diesen beiden Motionen standen sich beide gegnerische Richtungen, die national-jüdische und die assimilatorisch-polnische, schroff gegenüber. Kein Wunder, daß es in der Debatte zu harten Zusammenstößen kam. Es gab Augenblicke, in denen der Gemeindetag in eine regelrechte Schlacht auszuarten drohte. Das war insbesondere der Fall, als ein Redner dem Abgeordneten Dr. Byk vorwarf, daß er und feine Abgeordneten-Collegen dazu beigetragen hätten, dem jüdischen Glauben Viele seiner Bekenner zu entfremden, als ferner bei einer Rede des Delegirten von Stryj, Abgeordneter Dr. Fruchtmann, ein Zionist auf die Bemerkung des Redners: „Sie nennen sich Zionisten, und wir — ich weiß nicht, wie wir heißen . . ." das Schimpfwort: „Meschumodim" in den Saal schleuderte. Die Versammlung schäumte auf und der unbesonnene Zwischenrufer entging nur durch schleunige Flucht einer standrechtlichen Behandlung. Die Atmosphäre war so schwül geworden, die vereinigte Opposition der Orthodoxen und Zionisten schien so gefahrdrohend, daß in später Nachmittagsstunde der Abgeordnete Dr. von Rapoport in die Debatte eingriff und in mächtiger Erregung, die sich bis zum Ausbruch von Thränen steigerte, den erhobenen Anklagen entgegentrat und zu Frieden und Eintracht mahnte. Die Bedeutung dieser Rede lag in der Anerkennung der auf die Stärkung des jüdischen Selbstbeivußtseins gerichteteil Bestrebungen lind darin lag ztveifellos auch als stillschweigendes Belenntniß, daß den Angriffen auf die assimilatorische Richtung unter den jetzigen, so traurig veränderten Zuständen, Berechtigung nicht abzusprechen sei. Die Rede des Abgeordneten Rapoport hat es ermöglicht, daß die Verhandlungen des Gemeindetages in leidlichem Frieden zu Ende geführt werden konnten, sie hat in der Folge auch die Vehemenz der zionistischen Angriffe gemildert, aber die vorhandenen Gegensätze hat sie nicht überbrückt und die Theilnehmer am Gemeindetag haben den Eindruck mit nach Hause genommen, daß die galizische Judenschaft in zwei feindliche Lager gespalten ist, und daß die Taktik der Führer in der großen Masse des Volkes keinen Anklang findet. Dieser Eindruck würbe nod) durch einen Zwischenfall beim Festbankett verschärft, bei welchem der orthodoxe Taubes die Assimilation mit einer Wassercur verglich. Auch diese neuerliche Anspielung auf die Entfremdung vom Judenthum wirkte wie eine platzende Bombe, und der Abgeordnete Dr. Goldmann, der sich persönlich getroffen fühlte, gerieth in einen wahren Paroxysmus. Es ist hier ein Bild der äußeren Vorgänge des Gemeindetages gegeben, das nicht sonderlich erfreulich ist. Während die Mehrzahl der Gemeinden ihren Jndifferentismus durch völlige Abwesenheit bekundete, traten in der Versammlung selbst so tiefgehende Gegensätze?.u Tage, daß der ständigen Commission, die nun als Executiv-Organ die Sache der galizischen Judenschast weiter zu führen haben wird, die größten Schwierigkeiten erwachsen werden. Man hat in diese Commission üvei Zionisten, den Herren Dr. A. Kornhäuser und Stand, und dem orthodoxen Rabbiner N. Lewin, Sitze eingeräumt. Das Gros der Commission revräsentirt aber die bisherige Richtung der unbedingten Gefolgschaft hinter dem antisemitischen Schlachzizenthum. Sie besteht aus folgenden Herren: Dr. Leon Horowitz und Hirsch Landau aus Krakau, Dr. Emil Bvk. Dr. Simon Schaff. Dr. Heinrich Gottlieb, Emil de Mises, Rabbiner Dr. Caro und Dr. Bernhard Goldmann aus Lemberg, Dr. Adolf Ringelhain aus Tarnow, Dr. Philipv Fruchtmann aus Strhj, Dr. N. Ehrlich aus Skalat, Lazar Bloch aus Brodh, Dr. A. Kornbäuser au? Gorlice, Rabbiner N. Lewin aus Rohatyn, W. Badian aus Grivmalow und Adolf Stand aus Lemberg. Es sind durchwegs die alten Männer! Werden diese den neuen Aufgaben gewachsen, die an sie herandrängen? lDr. Bloch's Wochenschrift.) ]' i- I i-i ii