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Der Israelit · 1900-04-12 · Heft 30-31 (12.4.1900) · page 46

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 30-31 (12.4.1900)
Date
1900-04-12
Page
– (sequence 46)
Language
German
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6 daß der in dem in Rede stehenden Grundsätze ausgesprochenen, unbegrenzten Wohlthätigkeit ein großer Antheil gebührt am Fortbestände Israels im Laufe der Jahrtausende, inmitten der größten Gefahren. Was ein wahrhafter Jude, der diesen Grundsatz stets zur Ausführung zu bringen bestrebt ist, für sich und die Gesammtheit Großes leistet, ist gar nicht zu sagen. Und solche Juden hat es zu allen Zeiten gegeben und gibt cs G. s. D. heute noch. Ihre Herzen sind eine unerschöpfliche Quelle des Wohlthuns und ihre Hände sind stets geöffnet, um die köstliche Saat der merkthätigen Menschenliebe auszustreuen. Sie bewähren in ihrem ganzen Leben das große Wort der Hagadah: ‘wi 'rr peanfe. „Jeder, der hungrig ist, komme und esse!" nvL'i *p-ijn bi „Jeder, der bedürftig ist, komme und feiere das Peßachfest." Es genügt nicht, daß wir dem Hungrigen Bwd zu effen geben, wir muffen ihn auch mit allem andern Zubehör des Festes versorgen. So lehren auch unsere Weisen, daß selbst der Allerbedürftigste ':v rnonn [c an diesem Abende nicht weniger als vier Becher Wein trinken soll. .pT-n nxin ~:wb /-oy xntrn «y*s*r ,xan xntyn „Jetzt hier, im künftigen Jahre im Lande Israel, jetzt Knechte, im künftigen Jahre freie Männer. Es muß erörtert werden, warum dieser Wunsch an die Spitze der Hagadah gestellt ist worden, noch bevor mit der eigentlichen Erzählung begonnen wird. Der berühmte Magid Rabbi Jakob aus Dubna, macht uns das an einem Gleichniffe klar: Ein armer Mann, der so wenig zu erwerben vermochte, daß er nur von Brod und Wasser leben mußte, gelangt plötzlich in den Besitz großer Reichthümer. Er etablirt ein bedeutendes Handelsgeschäft, kauft Waaren und versendet sie nach allen Weltgegenden. Jahre lang lebt in Glück und Reichthum. Damit aber sein Herz nicht übermüthig werde und er niemals vergeffe seines früheren Elends, gewöhnt er sich, jeden Mittag, nachdem er sein aus köstlichen Speisen bereitetes Mahl zu sich genommen, ein Stückchen Brod in Waffer zu tunken und es zu essen. Es soll ihn dies an die Zeit erinnern, in der er gezwungen war, vom Brode der Armuth zu zehren Unglückliche Spcculationen berauben den Reichgewordenen des größten Therls seines Vermögens. Haus und Waarenlager werden ihm verkauft, und der Erlös reicht kaum aus, seine Schulden zu bezahlen. Zwar hat er noch große Ausstände; aber diese gehen nicht ein, so daß er gezwungen ist, wie ehedem, in ärmlicher Weise zu leben. Eines Tages wird er von einem vornehmen Marine zu Gaste geladen. Die köstlichsten Speisen werden aufgetragen, und der Arme hat einmal wieder Gelegenheit, sich nach Herzenslust zu laben. Am Schluffe der Mahlzeit erbittet er sich ein Stückchen grobes Brod und ein Glas Waffer. Erstaunt fragte ihn der Hausherr, was das zu bedeuten habe, und der Gast erzählt, daß er gewohnt sei, nach jeder großen Mahlzeit, Brod und Waffer zu genießen, um sich an sein einstiges Elend zu erinnern. — Thörichter Mann, spricht lächelnd der Andere, bedarf es in Deiner jetzigen Armuth der Erinnerung an Dein einstiges Elend? So lange Du reich warst, Haft Du recht daran gethan; aber jetzt, nachdem Dein Reichthum wieder verschwunden, was soll Dir da diese Erinnerung. Bist Du doch arm wie zuvor. — Nicht doch, Herr, entgegnete der Gast, ich bin nur augenblicklich in einer bedrängten Lage. Große Posten habe ich ausstehen, und ich weiß sicher, daß sie einkommen werden, wenn der Zahlungstermin fällig ist. Dann bin ich wieder ein reicher Mann. Wie diesem Manne ergeht es auch uns. Wir waren arm und elend in Mizraijm, und unsere Unterdrücker, für die wir Sklavenarbeit verrichten mußten, gaben uns das Brod des Elends zu effen, das ungesäuerte Brod, das sobald nicht schimmelt, und für lange Zeit für eine große Volksmenge im Voraus gebacken werden kann. Dann befreite uns Gott aus dem Sklavenjoche und gab uns das herrlichste Lan) der Welt zum Erbtheil und machte uns groß und vornehm. Wir aber haben unser Land, unseren Staat, unsere Freiheit wieder verloren. Was, könnte man fragen, soll uns jetzt noch die Erinnerung an die Sklaverei Egyptens? Alles, was wir bei der Erlösung aus Mizraijm erlangt haben, ist ja wieder verloren! Der Besitz des heiligen Landes, die Freiheit und Selbstständigkeit des Staates, das erhabene Haus unseres Gottes — Alles ist uns wieder genommen worden! Doch nicht Alles. Wir besitzen noch die heilige Lehre und ihre weisen Gebote. Das ist ein Document, das uns die höchsten Güter in sichere Aussicht stellt. Wenn erst der Zahlungstermin gekommen, so wird es uns wiederum an nichts fehlen. .pTin '2z nxnn p-~y xnrn ^xtoh xjrxs rrxsn ,xsn xwrr „Jetzt hier, im künftigen Jahre im Lande Israel, jetzt Knechte, im künftigen Jahre freie Männer." Ja, das Fest der Befreiung ist wohl ein Freudenfest, aber auch ein Fest der wehmuthsvollen Erinnerung. Einst, als unsre Väter noch im heiligen Lande weilten, da war es ein Fest der ungetrübten Freude. Aus allen Stä ten und Dörfern, von Norden und Süden, von Osten und Westen zogen die Stämme Gottes hinauf nach Jerusalem, der heiligen Stadt, und am Rüsttage des Festes sammelten sich Hunderttausende der Söhne Israels am Tempelberge, ein jeder sein Opferthier mit sich führend. Dann öffneten sich die Pforten des heiligen Hauses und die Opfernden strömten hinein in den Vorhof, wo lange Reihen der Priester standen, um in goldnen und silbernen Gefäßen das Blut der Opferthiere aufzufangen und zum Altäre Gottes

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