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Der Israelit · 1900-04-12 · Heft 30-31 (12.4.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 30-31 (12.4.1900)
Date
1900-04-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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628 Zeitungsnachrichten und Correspon-enzen. Deutschland. Worms. Der Jahresbericht des „Israel. Holzvereins" und des „Vereins zur Ausstattung bezw. Ausbildung israel. Mädchen" zu Homburg v. d. H. für das Jahr 1899 ist erschienen. Wie freute man sich alljährlich, wenn man diesen Bericht zu Gesichte bekam. Er präsentierte sich ganz anders als seine vielen Kollegen. Ein poetischer Schmelz war über das Ganze ausgegoffen und man fühlte sich unwillkürlich zu dem Manne hingezogen, der mit dem warmfühlenden Herzen sein ganzes Leben in den Dienst dieser Vereine stellte und sie poetisch zu verklären suchte. So sehr Louis Lehmann, denn so heißt der edle Mann, von allen Seiten für sein uneigennütziges, wahrhaft aufopferndes Wesen, Anerkennung entgegengebracht wurde, so trat diese doch am deutlichsten hervor bei der Feier seines 70. Geburtstages am 4. Juli v. I. Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, Zeuge dieser Feier sein konnte, der mußte sich sagen: „Das ist ein Mann ’rya sie b-vn jn Kacojn mxi L'pbrr Von allen Seiten sandte man dem edlen Philantropen Telegramme und Briefe und wie kindlich-glücklich fühlte sich der Greis, sein bescheidenes Wirken so anerkannt zu sehen und wie wurde seine Freude erhöht, als eine Anzahl Freunde diesen Tag nicht besser feiern konnten, als eine Spende „seinen geliebten Vereinen" zuzuwenden. Heute, wo der Bericht in unsere Hände gelangt, durchzittert ein elegisches Gefühl unser Herz, denn unser Freund ist nicht der Verfasser des diesjährigen Berichts, weil er leider seit längerer Zeit krank darniederliegt. Während auf dem Krankenlager „seine Vereine" sein ganzes Denken in Anspruch nahmen, mußte er doch dem Drängen seiner Angehörigen und Freunde nachgeben und sich von der Verwaltung zurückziehen; aber die Hamburger hatten die Ueberzeugung, daß der Name Louis Lehmann innig mit den Vereinen verwachsen sein müsse und so riefen sie ihm zu: ':n2i2 nx '2 und ernannten ihn zum Ehrenpräsidenten und zum immerwährenden Ehrenmitgliede. Möge der Allmächtige demjenigen, der ein nur»’ moxai irpnat rm gewesen, ein mrsn xt2 sein, damit der Freund noch lange, recht lange sich seiner Schöpfungen freuen könne. — Der Holzverein hat im vergangenen Jahre 851,66 Mk. für Holz und Kohlen ausgegeben; 178,34 Mk. für auswärtige Arme. An Geschenken gingen ein 1251 Mk.; das Vermögen beträgt 10 206,19 Mk. Der „Verein zur Ausstattung isr. Mädchen" hat an Geschenken erhalten 1007 Mk.; sein Vermögen beträgt 22 456,88 Mk. R. Sti»1tgart, 10. April. Der „Jsraslitische Landes- Asyl- und Unterstützungsverein für Württemberg" veranstaltete vorige Woche in dem schönen Saale „Zum Königsbau" eine Unterhaltung mit Konzert, Gabenverloosung etc. und vereinnahmte dabei über 4000 Mk.; auch Ihre Majestät die Königin spendete dem Verein aus diesem Anlasse 1O0 Mk. Der Verein hat jetzt ein Grundstocksvermögen von ca. 60,000 Mk. und zählt hier 254, auswärts 504 Mitglieder, mit einem Jahresbeitrag von 4880 Mk. Vorstand des Vereins ist Kaufmann Spiegelthal hier. Am 8. d. M. fand die diesjährige Generalversammlung des Vereins statt. Frankreich. Carpentras, 9. April. (Der gegenwärtige Aufenthaltsort von Dreyfuß.) Jn verschiedenen Ländern und Landestheilen gab es schon im Mittelalter Gemeindeverbände, die gemeinschaftliche Institutionen besaßen und zur Erhaltung derselben sich eng aneinander anschlossen. Die b"iip rupn das sind die Verordnungen der Gemeinden Speyer, Worms und Mainz, sind allgemein bekannt. Auch Frankreich besaß einen derartigen Verband in den rrbnp die bis auf die neueste Zit sich erhalten haben; es sind dieses die Gemeinden Avignon, Cavaillon, Lisle und Carpentras, von denen die letztere an Ansehen und Bedeutung am meisten hervorragte. Carpentras, das wahrscheinlich schon im 10. Jahrhundert von Juden bewohnt war, wird zum ersten Male im jüdischen Schriftthum gelegentlich einer Synode erwähnt, die unter dem Vorsitze von Rabbenu Tam stattfand und deren Beschlüsse u. a. von den Gelehrten in Carpentras unterzeichnet wurden. Die dortigen Juden waren im 13. Jahrhundert die Lehnsleute des Bischofs, der dort seinen Sitz hatte. Die Stadt gehörte zum Kirchenstaat Venaissin, der unter der Herrschaft des Pabstes von Avignon stand. Am Anfang des 13. Jahrhunderts wurden die Juden aus Carpentras vertrieben, aber im Jahre 1263 wieder dort ausgenommen. Bischof Peter III. schloß mit ihnen 1276 bei seinem Amtsantritt einen neuen Vertrag. Derselbe ist von 64 jüdischen Familienvätern, die einen Personenstand von 300 Seelen bildeten, unterzeichnet und enthält Einzelheiten über die verschiedenen Lasten und Steuern, die die Juden dem Bischof zu leisten hatten. Hierdurch wurden sie bischöfliche Vasallen und genossen den bischöflichen Schutz. Jn diesem nicht ungünstigen Verhältniß trat mit dem Jahre 1320 eine Aenderung ein, als zwischen Pabst Johann XXII. und dem Bischof Otto von Carpentras ein neuer Vertrag abgeschlossen wurde. Carpentras wurde durch diese Bulle zur Hauptstadt der Grafschaft Venaissin und die Juden wurden der päpstlichen Gerichtsbarkeit unterstellt, blieben aber in gewisser Hinsicht Lehensträger des Bischofs. Aber auch dieser Zustand war von kurzer Dauer. Papst Johann XXII., der die Juden a. 1320 bei den Metzeleien der Hirten (owr in Schutz genommen hatte und der sie um dieselbe Zeit, als sie, der Brunnenvergiftung beschuldigt, aus dem nördlichen und südlichen Frankreich verjagt wurden, in seine Staaten aufnahm, änderte plötzlich seine Gesinnung. Die Juden wurden 1322 aus Carpentras vertrieben; ihre Synagoge wurde niedergerissen und eine Kirche an ihrer Stelle erbaut.

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