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Der Israelit · 1900-04-12 · Heft 30-31 (12.4.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 30-31 (12.4.1900)
Date
1900-04-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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625 hängig machen wollte, ob er seine Herrin wecken lassen solle. In gewisser Beziehung hielt er sich allerdings verpflichtet, sie ungesäumt von der eingetretenen Aenderung benachrichtigen zu lassen, aber er glaubte wahrgenommen zu haben, daß ihre Anwesenheit dem Kranken nicht wohlthat, namentlich ihr schroffer Ton dem Arzte gegenüber, schien ihren Sohn zu irritiren, deßhalb zögerte er. Und da hörte er auch schon wieder einen Wagen Heranrollen, er hielt vor dem Hause. „Das wird der Doktor sein," flüsterte der Alte, „Gott sei Lob und Dank!" — Gleich darauf trat Doktor Kühn ohne anzuklopfen leisen Schrittes in das Krankenzinuner und begab sich sofort zum Bette. Im Flüsterton erstattete der Bediente seinen Bericht. „Ich hatte es vorausgesehen," sagte der Arzt leise, „schläft der Herr Baron schon längere Zeit?" „Ich schlafe gar nicht," flüsterte der Kranke, „ich bin nur erschöpft — furchtbar erschöpft. — Aber was ist's denn? — Iva s haben Sie vorausgesehen, Herr Doktor?" Gr hob bei diesen Worten die Rechte, als wolle er sich mit derselben über die Stirn fahren, doch erschreckt starrte er die wohlgepflegte, sonst blendend weiße Hand au, die, ivie in Blut getaucht, ihm nicht zu gehören schien. Der Arzt lächelte: „Ich hatte es vorausgesehen, daß^ die Diagnose des Herrn Barons sich bestätigen „Meine Diagnose? — Aha, ich weiß schon — ich habe mir den Scharlach von meinem kleinen Liebling geholt." „So ist's, Herr Baron. Aber ich hoffe, der Herr Baron werden sich ebenso rasch wieder erholen, wie die Kleine, die schon voll Lust und Uebermuth herumspringt." Der Kranke athuiete tief auf. „Ich bin nie krank gewesen," sprach er leise und mit sichtlicher Anstrengung, „ich erinnere mich nicht, auch nur einen einzigen Tag im Bette zugebracht zu haben —" „Daran werden sich der Herr Baron allerdings gewöhnen müssen, den Scharlach überwindet man nur durch mehrwöchentlichen Aufenthalt im Bett." „Ich weiß, ich weiß. Das würde sich ja wohl auch ertragen lassen. Aber einmal als Kind, ich weiß nicht mehr, was mir war, ich bin auf dem Ruhebett gelegen und mein Vater und der Sanitätsrath Berger sind vor mir gestanden. Da sagte der Letztere: „Es hat nichts zu bedeuten, morgen wird das Kind wieder hergestellt sein. Aber ivenn der Junge 'mal von einer ernsten Krankheit befallen wird, so geht er drauf, denn er hat eine schlechte Natur." „Und darüber machen sich der Herr Baron jetzt Gedanken," fiel der Arzt lachend ein. „Es ist mir nur so eingefallen," murmelte der Kranke, „aber —" „Nein, das hätte ich nicht für möglich gehalten — ein Eavallier —" „Ich fürchte den Tod nicht," unterbrach ihn Hugo heftig, indem er die Augen weit aufriß und wild um sich blickte. „Ruhig, ruhig, Herr Baron, kein Mensch zweifelt an Ihrem Muthe. — Obgleich ich offen gestehe, daß ich kein Berständniß habe für die Behauptung eines jungen Mannes, daß er den Tod nicht fürchte. Weshalb den Tod nicht fürchten? — Nur im Leben und durch das Leben können wir unserer Aufgabe entsprechen. Darum erkläre ich ungenirt, wenn mir der Tod vorzeitig drohen wiirde, so würde ich ihn fürchten. — Das ist nun wohl eine schwer plebejische Auffassung —" „Ich bitte sehr um Entschuldigung, Herr Doctor." „Weshalb bitten der Herr Bacon um Entschuldigung^" fragte der Arzt lachend. „Da müssen Sie wohl Arges über mich gedacht haben, denn keines Ihrer Worte bedarf der Entschuldigung. Doch revenos ä nos montons, die Behauptung des Herrn Sanitätsrathes, wenn der Herr Baron dieselbe nämlich richtig verstanden, ließe weder aus bedeutendes medizinisches Wissen, noch aus die allergewöhnlichste Theilnahme des Hausarztes schließen lassen. Wenn der Herr Baron nie krank gewesen sind, durch was hat sich denn Ihre sogenannte schlechte Natur kundgegeben? — Doch wenn der Arzt auch von dieser.80i schlechten Natur überzeugt gewesen wäre, ivie hätte er sich einem Vater gegenüber in der erwähnten Weise äußern können?! Der Herr Baron haben sich vermuthlich geirrt —" „Ich glaube mich nicht geirrt zu haben — obgleich ich allerdings —" „Wollen der Herr Baron für heute nicht weiter darüber grübeln, die Sache ist ja vollständig irrelevant — selbst wenn der Sanitätsrath die erwähnte Aeußerung damals mit Berechtigung gethan hätte, so galt seine Bemerkung doch nur der schlechten Natur des Kindes, nicht der des Mannes. Doch nun wollen wir dieses unerquickliche Thenia ruhen lassen und selbst ruhen. — Gute Nacht, Herr Baron! ich hoffe, Sie werden jetzt ununterbrochen bis zum Morgen schlafen und sich morgen frischer fühlen." Er traf noch einige Anordnungen für den Fall, daß sich das Uebelbefinden von vorhin wiederholen sollte, dann entfernte er sich. Schon in den Morgenstunden des folgenden Tages hielt die Equipage der Gräfin Edgersdorf vor der Wohnung ihrer Freundin; die Gräfin eilte hinauf und ohne de'n ibr die Wohnungsthüre öffnenden Diener Zeit zu lasten, sie der Baronin zu melden, begab sie sich in das Boudoir derselben. Sie fand die Freundin in schmerzlichster Aufregung im Zimmer auf und niederwandelnd, die gerötheten Augenränder zeigten von vergossenen Thränen. „Guten Morgen, liebe Emma! Verzeihe, daß ich Dich so frühe und unangemeldet überfalle, aber es ließ mir zu Hanse keine Ruhe, ich mußte mich persönlich nach

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