Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 30-31 (12.4.1900)
- Date
- 1900-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449079--50499-3519855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
663 links); denn jene Partei, deren Programm hauptsächlich in der Revision besteht, während die übrigen Theile des Programms nur Zugaben sind (Lärm bei der Volkspartei, lebhafte Zustimmung rechts), oder höchstens solche Dinge, die mit den Ansichten anderer Parteien übereinstimmen oder solche, die nur nebenher aufgestellt sind. . . . (Lärm bei der Volkspartei. Hört! hört!) Die Hauptsache ist die Revision. (Rufe bei der Volkspartei: Das hat niemand gesagt!) Der Herr Abgeordnete Graf Johann Zichy hat es gesagt. Er hat hinzugefügt, daß er Brücken bauen, Wunden heilen will. (Beifall rechts.) Wer den nach den kirchenpolitischen Kämpfen glücklicherweise hergestellten Frieden (Widerspruch bei der Volkspartei)dadurch stören will, daß er den Kampf wieder aufnehmen, die Brandfackel in das Land, in die Gefühle der Bevölkerung schleudern will, der mag von seinem Standpunkte davon reden, aber er sage nicht, daß er Brücken bauen und Wunden heilen will. (Langanhaltender lebhafter Beifall und Zustimmung von rechts.) Lärm bei der Volkspartei.) Denn, wenn man die Revision auf der Tagesordnung hält, so reißt man nur die vernarbten Wunden auf, so baut man keine Brücken, sondern schafft breite, gefährliche Klüfte. (Lebhafte Zustimmung.) Ich glaube, daß an diesen Schöpfungen nicht gerührt werden darf, und wir werden auch nicht daran rühren und sie nicht antasten lasten. (Stürmische Zustimmung rechts.) Ich glaube, daß selbst Jene, welche damals diese Schöpfungen bekämpft haben, nicht immer wieder auf diese Fragen zurückkommen sollten. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Wir, die wir hier — und ich darf mir einen Antheil vindiciren, denn ich habe jene Schöpfungen vom ersten Augenblicke angefangen unterstützt und in ernsten Augenblicken dafür gekämpft — aus dem Gesichtspunkte der Rechtsgleichheit, der Gewissensfreiheit, der gleichmäßigen und gerechten Beziehungen zwischen den Confessionen des Landes, aus dem Gesichtspunkte des modernen Rechtsstaates und des Ausbaues des einheitlichen ungarischen Nationalstaates jene Schöpfungen für nothwendig hielten: wir sollen daran rütteln und die Axt gegen diese Errungenschaften erheben, die wir als Errungenschaften des Fortschrittes und unserer liberalen Politik betrachten? Mit Verlaub, das kann man uns nicht zumuthen. (Lebhafte Zustimmung rechts und auf der äußersten Linken.) Wir haben gethan, was fast jeder europäische Staat längst gethan hat. Und wie in ganz Europa keine Kirche und keine Religion einen Schaden davon hatte, so ist es auch bei uns. Wir haben die Gewissensfreiheit gesichert, die Rechtsgleichheit der Confessionen gewährleistet, die Institution der Ehe in die Rechtssphäre der staatlichen Macht eingefügt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Und ich glaube, der Herr Abg. Graf Johann Zichy hat nicht Recht, wenn er sagt, daß dies die Protestanten beunruhigt und sie zwingt, ihre Stimmen zu erheben. Ich glaube, keine Confession im Lande hat Ursache, auch nur im Geringsten beunruhigt zu sein, ich glaube nicht, daß irgend eine Confession Unruhe fühlt, sie hat ja keinen Grund dazu. Gleichmäßig gerecht und objectiv behandeln wir alle Kirchen, alle Confessionen, mit Anwendung der Principien der Rechtsgleichheit. (Lebhafter Beifall rechts.) Uns kann weder die katholische noch die protestantische, weder die orientalische noch die jüdische Confession etwas vorwerfen; es soll auch keine etwas fürchten, wir versichern alle der gesetzmäßigen, gleichmäßigen Behandlung. Ich lege großes Gewicht auf Religiosität und Moralität; diese haben einen staatserhaltenden Werth. Aber ich stelle keine Kategorien nach Confessionen auf, sondern sage: „Jeder mag nach seinem Glauben und nach seiner Ueberzeugung selig werden. (Lebhafte Zustimmung.) Wir wollen diese Nation nicht zerstückeln; wir wollen Alle sie gleichmäßig schützen und stärken unter der Hut der Rechtsgleichheit und der Gewissensfreiheit. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Das kann Niemand zurückweisen, das kann Niemand fürchten, wer bei der Beurtheilung dieser Fragen sich auf einen unbefangenen Standpunkt stellt und die Ruhe des Landes am Herzen trägt. (Lebhafter Beifall.) Die Herren mögen keine Politik machen, die etwas enthält, was die ungarische Politik nicht enthalten darf. Es leben in diesem Lande Confessionen unter dem Schutze des Gesetzes; wir kennen nach dem Gesetze und auch nach unserer Auffassung „Confessionen": aber was wir nicht kennen, nicht kennen wollen, das ist der Confessionalismus, welchen die liberale Auffassung geradezu ausschließt. Dieser Confessionalismus zuckt in Ihr Programm hinein; ja, er ist sogar darin ausgenommen und wird dort sorglich gehütet. Sie können es nicht leugnen, denn der Herr Abgeordnete Graf Johann Zichy hat dem auch heute Ausdruck gegeben, indem er sagte, er hege Mißtrauen gegen die Regierung, weil er sieht, daß der Liberalismus in seinem Paroxismus die kirchenpolitischen Schöpfungen aufrecht erhält. Das ist kein Paroxismus, Herr Abgeordneter. Wir halten damit Wacht bei den Errungenschaften der liberalen Politik, des Fortschrittes und bei der Ruhe des Landes, und wir werden da stehen und sie Ihnen gegenüber vertheidigen. Bleiben Sie bei Ihrem Standpunkte, dann werden wir uns nicht verstehen. „Es gibt keinen größeren Segen, als die Ruhe zwischen den Confessionen, und kein größeres Unheil kann dieses Land treffen, als wenn diese Ruhe gestört würde." Dies zu sagen, hielt ich für nothwendig. Ich bitte das geehrte Haus, den Gesetzentwurf anzunehmen. (Langanhaltende lebhafte Zustimmung, Eljen-Rufe und Applaus rechts und auf der äußersten Linken. Redner wird von Vielen beglückwünscht.) Prag, 2. April. Der „Israelitische Nächstenliebe- Verein" hielt vor einigen Tagen im Altstädter Rathhause unter dem Vorsitze des Directors Herrn Dr. Bendiener seine Generalversammlung ab. Nach dem Geschäftsberichte beliefen sich die Einnahmen im Jahre 1899 an Jahresbeiträgen auf 2116 fl. 71 kr., an Spenden in Baarem: Zum Fonds 335 fl., zur Unterstützung 3384 fl. 80 kr., Kranzspenden 1695 fl., an