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Der Israelit · 1915-07-01 · Heft 28 (1.7.1915) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 28 (1.7.1915)
Date
1915-07-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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i. Juli 1916 Der JSraeltt. No. 38 Sette 8 werden die Tiere sich an die Bäume machen und dort Rinde und Blätter abfreffen. Man arbeitet hier mit aller Kraft an der Vertilgung der Heuschrecken, aber wenn noch so viele in den Gräben umkommen, immer wieder kommen neue endlose Züge, so dicht und unaufhaltsam, daß die Erde in Bewegung zu sein scheint. An ein Bekämpfen mit dem Endersolg einer völligen Vernichtung, glaube ich nicht mehr, uur Gottes Hilfe kann uns retten. Lorrespondenzen und Nachrichten rot* Sdiülerfpeifung und lwtkllclien in Jerusalem. Ara«kf«rt a. W., 22. Juni. Die Deutsch-Holländische Palästina- Verwaltung erhielt vonFrl. Therese Dreyfuß, welche vor einigen Moniten nach Jerusalem zurückgekehrt ist, um die geplanten Not-Suppenküchen zu. errichten und zu leiten, folgendes Schreiben vom 20. Mat. „Dieser Tage empfing ich die aus Amsterdam telegraphisch überwiesenen 10,000 Frs. Ich bin so sehr dankbar dafür, denn es kam gerade zu einer Zeit, wo ich mich gezwungen sah, die Küchen zu vergrößern. Die Buchführung und Kontrolle mußte ich Ihrem Palästinabüro überlassen, denn meine Arbeit wächst täglich, und es ist mir unmöglich, auch die Buchhaltung zu führen. Ich nehme an, daß dies in Ihrem Sinne ist. Es werden zur Zeit gespeist: 1. in der Küche am Deutschen Platz in der inneren Stadt 155 Kinder der städtischen Talmudthoraschulen, 40 Kinder der Marokkanerschule, 100 sesardische Kinder, 20 Jemeniten, 40 Waisenkinder, 20 Portionen an Familien und 70 Essen an jüdische Straßenkehrer. 2. Irr der Küche Mea Schearim außerhalb der Stadt 150 Zöglinge der städtischen Talmudthoraschulen, 50 minder der Jemenitenschule, 35 Kinder der fefardischen Doresch Zionschule und 50 Kinder der Grusischen Gemeinde. Das tägliche Essen besteht aus einer kräftigen Suppe mit Brot. Für die innere Stadt haben wir einstweilen die Räume der „Armen-und Pilgerwohnungen" aus dem Deutschen Platz als Speisezimmer eingerichtet, und gekocht wird im Freien. Hoffentlich kommen Sie bald in die Lage, die Notküchen zu vergrößern und auch räumlich besser anszugeftalten." Inzwischen sind weitere größere Beiträge zur Erweiterung der Küchen seitens der „Deutsch¬ Holländischen Palästina-Verwaltung" zur Verfügung gestellt worden. NotprMungen. Kok«, 24. Juni. Am hiesigen Jüdischen Lehrerseminar fand unter Vorsitz des Königlichen Provinzialschulrats Volkmer die zweite Notentlassungsprüfung im Kriege statt, 5 Schüler des obersten Kursus, 3 in Uniform und 2 Kriegsfreiwillige, die in den nächsten Tagen eingestellt werden, nahmen an ihr teil und bestanden sie mit gutem Erfolge. Gesteweich. Die Befreiung Lembergs. Wie«, 26. Juni. Anläßlich der Wtedereinnahme Lembergs werden auf Verfügung des Präsidiums der Wierrer Israelitischen Kultusgemeinde in sämtlichen Synagogen Wiens Fe st gottesdien st e abgehalten. Der Hauptfestgottesdienst fand bereits am 24 d. Mts. im Stadttempel in der Seitenstettengasse statt. Dem Festgottesdienste ging eine öffentliche Festsitzung des Vorstandes voran, an welcher der gesamte Vorstand unter Führung des Präsidenten Dr. Alfred Stern teilnahmen. Der derzeit in Wien amtierende Vorstand der Lemberger Kultusgemeinde war durch seinen Präsidenten, Oberrabbiner Dr. Caro, vertreten. Nach Eröffnung der Festsitzung hielt Präsident Dr. Alfred Stern eine Ansprache, in der er unter anderm sagte: „Zwei Millionen der loyalsten Bürger der Monarchie, zwei Millionen Juden, die mit jeder Faser ihres Seins an der heimatlichen Scholle hängen, mit jeder Fiber ihres Herzens dem geliebten, gütigen Herrscher dieser Lande ergeben sind, jauchzen auf, da es ihnen nun zur Gewißheit wurde, daß unser schönes Vaterland von dem Erzfeinde aller Freiheit, jeder kulturellen Regung, befreit wird, um niemals — so hoffen und vertrauen wrr — wieder diesen mit dem Blute unserer Besten und Edelsten getränkten Boden zu entweihen. Tausende jurrger heidenmütiger Juden, die für die Ehre des Vaterlandes ihr Leben ließen, die Tausende, die in heißem Ringen jeden Fußbreit des heimatlichen Bodens mit ihrem Blut verteidigen, die Tausende, die von Hof und Herd verrrieben, die Tausende, die selbst unter Qualen und Leiden, mit dem Tode bedroht, von ihrer Treue zum Vaterlande und ihreni heißgeliebten Kaiser nicht lassen wollten, die nach Sibirien verschleppt, die gemordet, hingerichtet wurden, sie alle ftnd glänzende, bis ans Ende der Geschichte leuchtende Zeugnisse dafür, daß wir Juden dieses Reiches in allen Schicksalsfügungen uns eins fühlen mit den Lebensinteressen der Monarchie, eins mit allen unseren Mitbürgern, eins mit unserem heißgeliebten Kaiser." Die Festversammlung begab sich dann in die festlich beleuchtete Synagoge, welche von den Festgästen dicht gefüllt war. — Nach einem einleitenden Psalm hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann eine Festpredigt, der Gesänge folgten. Wie«, 24. Juni. Das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde in Lemberg hat an den Kaiser ein Danktelegramm gerichtet, in dem es unter anderem heißt: „9! ach Monaten schwerster Prüfung, in denen grausame feindliche Gewalt vergebens versuchte^ die Bevölkerung und insbesondere die Juden Galiziens in ihrer unerschütterlichen patriotischen Treue für Kaiser und Reich wankend zu machen, begrüßt die jüdische Bevölkerung Lembergs jubelnd unsere siegreichen heldenhaften Truppen, die nach hartem Kampf wieder in unsere heißgeliebte Heimatstadt etnztehen. Wie während der ganzen düsteren Zeit der grausamen feinUichen Bedrückung im stillen Gebet, so stehen wir auch in dieser erhebenden freudigen Stunde im beglückenden Bewußtsein heißerstrittenen Sieges Gottes reichsten Segen auf das erlauchte Haupt Eurer Majestät herab. Gott schütze, Gott erhalte Eure Majestät und verleihe ihr vollen Sieg über alle feindlichen Mächte." Auch an Erzherzog Friedrich wurde eine Dankdepesche gerichtet. Wie«, 28. Juni. Ein großes Aufatmen geht durch die befreite Stadt, die zehn Monate unter dem Drucke der Ruffenherrschaft geseufzt. Und nun ist die Untersuchung der Vorgänge so weit abgeschloffen, daß sie ein Bild der Letdenszeit ergiebt. Eine polnische Dame, welche die ganze Zeit in Lemberg mltgemacht hatte, erzählte einem Vertreter des B. T. u. a.: „Als die ersten Gerüchte Ende August auftauchten, daß die Stadt geräumt werden müsse, waren wir alle wie gelähmt vor Entsetzen. In strammer Ordnu.ng durchzogen Infanterie, Train und Kavallerie die Straßen nach Grodek zu. Tausende armer Juden hängten sich jammernd an das Militär, das ihnen gutmütig zu essen gab. Danach lag die Stadt tot zwischen den beiden Fronten, bis die weiße Fahne aus dem Rathaus der russischen wich. Mit klingendem Spiel rückten die Russen ein. Die Kosaken hatten unterwegs geplündert und begannen sogleich einen seltsamen Handel. Sie wechselten Banknoten zu hundert und selbst tausend Kronen gegen fünfzig, sechzig, siebzig Kronen in Silber ein und verkauften Kisten zu je hundert Trabucozigarren, die sie aus der Tabakfabrtk Winntki geraubt hatten, für zwei Kronen. Andere Geschäfte freilich waren weniger vorteilhaft für die Bevölkerung. Auf offener Straße packten Soldaten friedliche Bürger am Bein, wodurch die Betreffenden zu Fall kamen, und zogen ihnen die Schuhe aus. Darauf erkundigten sie sich nach der Zeit und enthoben den Gefragten der Antwort, indem sie seine Uhr an sich nahmen. Auf der Straße zeigte ich mich möglichst selten, seit die Kosakenwache hinter mir hergeschoffen und sich lachend an meinem Schreck geweidet hatte. Mein vierundsiebzigjähriger Vater stand in der Hausin der Erinnerung aller Zeiten fortleben als die, die der» „Namen unseres Vaters" im Himmel Stattender Anbetung und Verehrung in ihren Häusern geschaffen und eine heilvolle Zukunstssaat ausgestreut haben. Kleines Auillelon. Wischer Eindrücke. Von Rabbiner vr. Nenhau4 in Ostrowo. Nur mählich und noch ganz furchtsam erhebt sich Kalisch aus dem Schutte. Aber schon beginnt ein anderes Bauen, zu dem die Bausteine aus der früheren Zeit hcrübergercttet wurden. In Kalisch wird wieder gelernt. Nock> starren die schwarz-gebrannten Mauern gespenstisch in die Lust, noch wagt sich nicht der Verkehr in den verödeten Straßen recht zu regen, und schon erschallt, wie aus den Trümmern einer versunkenen Welt, die Stimme der Thora. Die Chedarim werden geöffnet und frisch geht man an die Arbeit, am Neubau der jüdischen Zukunft. In einem gemieteten Raum sitzen 80. Knaben und lernen unter der Anleitung bewährter Lehrer die Anfangsgründe des hebräischen Schrifttums. In einem anderen Raume finden wir deren 60, die schon in Chumisch und Rasch: ganz zu Hause sind. Das Wissen eines siebenjährigen Knirpses geht so weit, daß er mir sogar den Mann aus der Rotte Korachs namhaft machen kann, der der vorbauenden Weisheit seiner Frau sein Leben verdankte. Der Kleine hat es mit Rasch: schon gelernt^ zwischen den Zeilen der heiligen Schrrft zu lesen... Diesem Cheder gliedert sich eine Talmud-Thora an, die noch im eigenen Hause, das wie ein Wunder aus allen Kanonaden unversehrt hervorging, ihr Werk sortsetzen darf. In der ersten Abteilung obliegen 80 Schüler intensiv dem Talmudstudium. Es lvird der erste Abschnitt vom. Bobo Mezioh gelernt und die Promptheit, mit der die Zehnjährigen die von rnir gestellten Fragen beantworten, ist geradezu erstaunlich. In der zweiten Abteilung werden schon Tausfaus mit Mephorschim gelernt. Die Oberklasse, gewissermaßen eine Fortbildungsklasse für 14—17 jährige, ist aber schon eine richtige russische Jeschiwoh mit allen erfreulichen Merknralen einer solchen Thoralehranstalt. So Vertieft sind die Lernenden in ihr Studium, daß sic meiner gar nicht gewahr werden. Hier gibt es weder Lehrer.noch Schüler im eigentlichen Sinne, sondern alle sind Lehrer und Schüler zugleich, jeder gewillt, von jedem zu lernen und jeden zu icgien. Der Anblick ist so herzcrhebend, daß man Die Not Da draußen gänzlich vergißt, so wie sie, die Lernenden selbst, Völkerkrieg, Kanonendonner und Verwüstung gänzlich vergessen zu haben scheinen... Daß Lehrer und Schüler trotz Kriegsnot ringsumher der materiellen Sorge so ganz enchoben sind, dafür bat die , Agudas Jisroel" in Würdigung des Satzes: mm px nop px cx bestens gesorgt. Um Mittags- und Abendzeit wird Lehrern und Schülern ein reichliches Mahl kostenlos verabreicht. Es ist eine wahre Freude, vieren „Schulchan Aruch", die in gedeckte Tafeln sich rasch verwandelnden Lerntische zu beobachten. Nur die Wenigen wissen, woher diese Hilfe kommt und diese können sich in Danksagungen garnicht genug trm. Leider fehlt es an Sforim, da „die heiligen Bücher von Kalisch" zum allergrößten Teile ein Opfer der Flammen geworden sind. Denn hier sah man den Weltbrand im eigentlichen Sinne des Wortes. Und die ihn miterlebten, sprechen mit tiefem Schaudern davon. Im Beth Hamidrasch allein wurden 10,000 Bände, kostbare Exemplare, verbrannt. Es muß Ersatz geschaffen werden, wozu die Agudoh bereits mit ihrer Büchersammlung, von der ein großer Teil Kalisch zugute kommen dürfte, den Ansatz gemacht hat. Es herrscht eine tvahre Ssorimsehnsucht. Daß fünf bis sechs Jungen sich mit einer Gemoroh' behelfen müssen, kann kaum zur Steigerung der Lernfreude beitragen. Auch für die Mädchen wird in entsprechender Weise gesorgt. Und wiederum ist es die Agudah, die die nötigen Mittel zum Teil hergibt. Fein säuberlich gekleidet — was für einen Segen haben doch unsere Kleidersammlungen gebracht, die uns errnöglichten, 5000 Kg. Kleidungsstücke zur Verteilung zu bringen — sitzen die Mädchen und singen und spielen und lernen unter Aussicht von ehrenamtlich wirkenden Lehrerinnen und jungen Damen. Alles ist so nett und zweckmäßig eingerichtet, daß man sich in einen Fröbel'schen Kindergarten in: tiefsten Westen versetzt fühlt. Ein wunderschöner Park lädt die Kinder zum Spazierengehen und Spielen ein. Bei der liebevollen Behandlung und Verpslegung, die vollkommen unentgeltlich geschieht, haben die jungen Seelen bald alle Not der Zeit gänzlich vergessen; ein gut Teil der Last wird aber dadurch auch den Eltern abgenommen, die ihre Kinder in?o guten Händen wissen. Es sind jetzt in beiden Mädchenheimeu 460 Mädchen untergebracht. Und täglich kommen neue Anmeldungen. die die Hilfe neuer Freunde und Wohltäter nötig erscheinen lassen. Wir könnten noch vieles erzählen vom neuen

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