Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 28 (1.7.1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette S Nr. 28 Der A-raeltt. 1. Juli im „Der elende polnische Jude ist erfüllt von einem unzerstörbaren, fast wunderbaren Idealismus. Mit rührender Treue hängt er an seinem Glauben, dem er unsagbare Opfer bringt, für den er selbst den Tod erleidet. Wie für die soziale Frage eine individuelle Lösung durch Raub und Diebstahl vorhanden ist, so gibt es fine die Judenfrage eine solche durch die Taufe! Aber wie unendlich wenige im Verhältnis zur ungeheuren Gesamtmenge sind jenseits der Grenze trotz aller Bedrückung diesen Weg gegangen. — Auch in der Achtung vor Wiffen und Wissenschaft, von der bereits die Rede war, kommt dieser Jdealismns zum Ausdruck. Die religiöse, wissenschaftliche Arbeit des Judentums in traditionellem Sinne wird heute noch im wesentlichen von den Juden Polens geleistet, und es sei hervorgehoben, daß die hohe Intelligenz, welche auch der Judenfeind an ihnen anerkennt, im wesentlichen der gründlichen Beschäftigung mit dem talmudischen Schrifttum zu danken ist, das unzweifelhaft eine vorzügliche Schule des logischen Denkens darsteüt. Und wenn auch die neueste Zeit, besonders in den Industriestädten einen sichtlichen Rückgang des Studiums gebracht hat, kann man doch behaupten, daß Lernen und religiöses Wissen noch immer ein Gemeingut aller Schichten bilden. Wo gäbe es aber in der Weltgeschichte sonst noch ein Beispiel für eine Gemeinschaft, die in so drückender politischer und wirtschaftlicher Not lebt und trotzdem in den großen Massen des Volkes die Kraft und das Interesse bewahrt hat, die oft sehr abstrakten Probleme der Religion zu erforschen und zu meistern? Es verbindet sich in diesen polnischen Juden mit ihrem Idealismus eben, auch eine lebensfreudige Zähigkeit und eine Energie, die sich heute in oft recht unfruchtbaren abstrakten Streitigkeiten erschöpft, die sich in kulturfördernde Arbeit umsetzt, sobald der Jude den Hexenkessel Polens verlassen kann. So leben die Juden des Ostens ein Doppelleben. Aeußerlich sind sie elend und arm, und im Innern tragen sie den Schatz eines lebendigen, idealen Strebens. Ihr Leib ist mit häßlichen Fetzen behängt, ihr Antlitz ist bekümmert und verzerrt, aber ihr Herz ist niutig, und ihre Seele ist erfüllt von Kraft und Zukunftshoffen." Das ist nicht alles neu, kann aber heute, bis auf eine vom religiös radikalen Standpunkte aus erklärliche Entgleisung, auch im eigenen Lager nicht oft und eindringlich genug wiederholt werden. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß auch die Annäherung und Verständigung zwischen Ost und West, wie sie hier Goldmann wünscht, mancherlei Gefahren für die Ostjuden und gerade für den hier so gerühmten Thorageist im Osten birgt. So sehr man ein Fallen der alle Freiheit unterbindenden Schranken für unsere Brüder in Polen wünschen muß, so muß man doch andererseits hoffen, daß die freie Türe nicht in die Kulturatmosphäre des Reformjudentums hinaussührt, wo man zwar den Geist der Thora lobt und die Glaubenstreue rührend findet, aber im Thorastudium eine „Erschöpfung der Kraft in unfruchtbaren abstrakten Streitigkeiten" sieht. Die Heuschreckenplage in Palästina. Wetach-TiKway, 10. Mai Nun ist das, was man schon lange gefürchtet hat, zur Wahrheit geworden. Die von dem zuerst angekommenen Schwarm Heuschrecken zurückgelassenen Eier sind ausgekrochen und die jungen Tiere, die zusehends wachsen und mit furchtbarer Gier fressen, sind eine unabsehbare Gefahr. Wir leiden aber in den Kolonien weniger durch die hier zurückgelassencn Eier resp. die junge Generation Heuschrecken als durch die von unbebautem angrenzenden arabischen Boden gekommenen. Wenn die Heuschreckenschwärme, die uns seiner Zeit heimgesucht haben, schrecklich waren, so ist das, was wir jetzt zu sehen bekommen das Schrecklichste der Schrecken. Wenn mir jemand das, was ich mit eigenen Augen wiederholt gesehen habe, erzählt haben würde, ich würde es kaum glauben. Ein Mandelgarten, in dem auch freie Stücke Land mit Kartoffeln und sonstigen Strauchgewächsen bepflanzt waren, war morgens 12 Uhr noch frei von Heuschreckenals ich um 5 Uhr wiederkam da war von dem Grün der Kartoffel- und Strauchgewächse nichts mehr zu sehen, auch war an einzelnen Mandelbäumen von Blättern keine Spur mehr, die Mandeln hingenan kahlen Zweigen. Als zweites Beispiel sei der Garten erwähnt, der das Haus umgibt, in dem ich wohne. Es sei hierin bemerkt, daß es ziemlich nahe sowohl der Südals auch der Westgrenze des Petach-Tikwaher Gebiets liegt. Der Garten, der Gemüsepflanzen, Weinstöcke, einzelne Fruchtbäume und auch Zierpflanzen enthält, stand morgens 7 Uhr noch im schönsten Grün, mittags war nur mehr der kahle Boden zu sehen und nur die Stauden, die den Heuschrecken zu hart waren, starrten wie die Eisengerüste eines abgebrannten Hauses in die Luft; von Rosenstöcken haben sie Blätter und Knospen abgefressen. Fenchel, der an einer Hauswand so dicht wuchs, daß man die Wand nicht sah, ist spurlos verschwunden als wäre er nie gewesen. Noch größer tft aber der Schaden in den Weinbergen — an eine Weinernte ist wohl kaum mehr zu denken — und den jungen Orangengärten, wo sie Blätter und selbst die Rinde der noch jungen Zweige gefressen haben. Ob die angefressenen Weinstöcke nicht absterben, ist, da die Plage -in ihrer jetzigen Stärke neu ist, auch früher noch weniger angepflanzt war, noch eine ungelöste Frage, aber die jung gegrcfften Orangenbäume und die Neuanpflanzungen scheinen vernichtet zu sein. Zuerst zeigten sich die jungen Heuschrecken in den Orangerien, jetzt aber sind sie auch in die Kolonie selbst gekommen — wir sind anfangs Mai. In langen Heerzügen die ganzen Straßenbreiten einnehmend, so dicht, daß die Erdfarbe kaum mehr zu sehen ist und alles schwarz ist, marschieren sie ohne Aufhören, sich in die angrenzenden Gärten ergießend. Geht man durch einen solchen Garten, der von den Heuschrecken besetzt ist, so erinnert das Geräusch, das sie beim Springen verursachen, an das Prasseln eines starken Gewitterregens. Als Kampfmittel gegen die Heuschrecken gräbt man jetzt tiefe ca. 30 cm breite Graben, quer zu ihrer Zugrichtung, füllt sie mit Wasser, und durch Schwenken mit Tüchern und Eukalyptuszwetgeu verhindert man sie daran ihre Zugrichtung zu verlassen, sodaß sie in den Graben springen müssen. Nachher schöpft man sie aus und vergräbt sie. Ich brauche wohl kaum den entsetzlich ent" mutigenden Eindruck zu schildern, den ein solcher wandernder Heuschreckenzug macht und noch mehr ein abgesressener Garten, der noch wenige Stunden vorher eine Augenweide, war. Wir können uns aber dem nicht verschließen, daß die Heuschreckenplage, deren Ende noch nicht abzusehen ist, nicht nur eine augenblickliche Gefahr, sondern eine Gefahr auch für die Zukunft ist. Es sind viermal Heuschreckenschwärme hier gewesenwenn jetzt alle Gier hinterlassen haben und die jungen Tiere alle ihre Freßgier befriedigen bis sie flügge werden, was soll dann übrig bleiben? Was wird aus dem Viehbestand werden? Wird genügend hier sein, um die Ernährung der Bewohner zu gewährleisten? Bange Sorgen bedrücken uns für die Zukunft. So ziehen unaufhörlich seit ea. 10 Tagen unzählbare Scharen von jungen Heuschrecken durch die Straßen und Anpflanzungen von Petach-Tikwah, alles Grüne vernichtend, und wie es hier ist, so ist es in der ganzen Ebene bis hoch ins Gebirg. Je länger die Plage anhält, desto größer wird der Schaden sein, wenn keine Gemüseqräser und junge Blätter mehr da sind, Krauen. Non Rabbiner Dr. M. Lewin in Wrefchen In einem schönen und sinnigen Midraschwort rühmen die alten Lehrer das von Treue und Hingebung zeugende Verhalten der jüdischen Frau während der Wüstcnwanderung. Sie hatte keinen Anteil an der Jugendsünde Israels, s i e hielt sich in edler Selbstzucht von allen Empörungen fern, die den aus Mizraim befreiten Männern die Pforten des heiligen Landes verschlossen, sie hatten nur das eine Ziel und Sehnen, die Stätte zu schauen, die Gott dem Volke verheißen. All das führen die Alten zum Beweise an für ihre Behauptung: „onwanp ne nn-n; ">.i dw *vnn uns f'X-ne, In jenem Geschlechts bauten die Frauen wieder auf, was die Männer im sträflichen Leichtsinn niedergerissen". Ein höheres Lob kann dem Weibe nicht gezollt werden. Wie muß gegenüber solchen Ausführungen die Anklage verstummen, die so häufig gegen unser Judentum erhoben wird, als ob es die Bestimmung und das Wesen der Krau nicht würdige! Nicht genug können vollends dieselben Weisen die Töchter Zelofchods preisen, die mit offenem. freimütigem Sinn ihre Rechtsangelegenheit Moses vortragen. Sie nennen diese r.ranro nigan „klug und gesetzesbeflissen", indem sie gerade im 'rechten Augenblick, wo über die Landesverteilung Bestimmungen getroffen werden, ihre Wünsche Vorbringen, sich nicht ausdrängen, sondern bescheiden, wenn auch zielbewußt, auftreten. Sie nennen jene auch nvjpnx „fromm und tugendhaft", da ihr Verlängert in dem Glauben an den wurzelt, „der gütig ist gegen a l l e", iwb bi bv vcmi „und dessen Erbarmen sich auf alle seine Geschöpfe erstreckt". Sie erkennen endlich ihre idealen Beweggründe an, daß es den Töchtern Zelofchods nicht um Hab und Gut zu tizn ist, wenn sie als die einzigen Nachkommen ihres Vaters als defien Erben eintreten wollen, daß sie vielmehr der innige Wunsch leitet: „■.nnetro “jir.o LN jnj» nCr, Warum soll der Name nrferes Vaters aus feiner Familie schwinden?" Die Töchter Zelofchods galten in Israel imrner als Beispiel für den großen segensreichen und wirkungsvollen Einfluß, der von der jüdischen Frau auf ihre nächste und ferne Umgebung ausgehen kann. Auf die Treue und Pietät der Frau bauten wir immer, wo sich die Söhne unserer religiösen Gesamtheit von der allgemeinen Zeitströmung mit fortreißen ließen und der Anbetung der Tagesgötzen alles Jüdische schnöde opferten. Diese Hoffnung hat nicht getrügt. Das jüdische Haus ist durch das züchtige von Gottesfurcht getragene Wirken des Weibes unsere Burg geblieben. Das ist auch unsere Hoffnung für alle Zukunft. Die Töchter Zelofchods haben nach der Meinung der Rabbinen den gesetzlichen Teil der Thora «m ein inhaltvolles Kapitel vermehrt, Hhnen ist es Vorbehalten geblieben, den Fall zur Erörterung zu bringen, daß keine männlichen Erben der Bater besitzt. rwa p „man nnvnrr, Ganz recht reden die Töchter Zelofchods", fr billigt Gott selbst deren BerlaWen und verkündigt ■ i^aSäim die Ergänzung zum Erbfolgegesetz. — In diesem großen gervaltigen Völkerringen wird „die Frau im Kriege" ein bedeutsames Kapitel für sich bilden. Wer wirb nicht seine volle Teilnahme für die Frau empfinden, die als Gattin oder Mutter jetzt die schwersten Opfer zu bringen hat? Wir rühmen — und dies mit vollem Rechte —den Heldenmut der Männer unseres Volkes, die täglich und stündlich den sicheren Tod vor Augen tapfer und mutig ohne Zagen für die Größe und Würde unseres Vaterlandes kämpfen. Nicht geringer aber ist das Heldentum der Frau anzuschlagen, die daheim ihr Jamiliengtück entbehren muß und diese Entsagung im stillen und ergebenen Tragen übt, die nicht selten sich die notwendigsten Beschränkungen aufzuerlegen hat, um durchzuhallen, doch Kraft genug besitzt, um anderen, die weniger als sie haben, zu helfen und mit ihrer Kraft und Fähigkeit für die Gesamtheit zu wirken. Wieviel Liebe hat die deutsche Iran in diesen langen und bangen Kriegsmonaten ausgestreut und welches Heil ist aus dieser Herzenssaat aufgegangen! Wahrlich, wir können auch von den deutschen Frauen sagen: „rvnni: '\n, Sie bauen auf, sie heilen oder lindern mit ihren Händen und Herzen!" Daß die jüdische Frau nicht abseits vom Wege steht, beweist vollends, daß auch in unseren Tagen die Töchter Zelofchods ihr Vorbild geblieben sind. Ist erst der Steg uns beschieden und beglückt wieder sicherer Frieden die Welt, dann wird es vielleicht an der Zeit sein festzustellen, wieviel zum Gelingen des Ganzen die Frau beigetragen hat. Möchten die jüdischen Frauen und Mütter sich nun noch auf ihre besondere Pflicht besinnen, daß sie mehr denn je gerade jetzt sich als Wächterinnen und Hüterinnen des heiligen Erbgutes unserer Ahnen bewähren, daß das jüdische Haus unser Schutz und Wall bleibe. Dan« werden sie Mich den Töchtern Zeloßhods