Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 28 (1.7.1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Der Israelit. 1. Juli 1915 .H-' t .! ' •X ■? Sette 4 No. 28 tür, als gerade eine Kompanie Infanterie vorbeimarfchierte Ein völlig betrunkener Soldat trat plötzlich aus Reih und Glied heraus und versuchte, meinen Vater mit dem Bajonett zu durchbohren. Da der Angegriffene rechtzeitig zurücksprang, verlor der Betrunkene das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Ein Unteroffizier half ihm mit Fußtritten auf. Das Alkoholverbot wurde zwar streng gehandhabt, aber die Soldateska wußte sich zu Helsen. So trank sie in der, Viethfabrik zu Janow alle Fässer aus, ein andermal entdeckte sie ein vergrabenes Schnapssaß und leerte es. Das Mobiliar der von den Eigentümern verlafienen Wohnungen betrachteten die Rufien als vogelfrei und verschickten ganze Möbelwagen voll nach Rußland. Eines Tages eröffnelen sie unter der erlogenen Behauptung, es sei auf sie geschossen worden, hinter den Budenreihen des Krakauer Platzes Schnellfeuer auf alle vorüber kommenden Juden und plünderten die jüdischen Häuser der Borstädte Zamarstynow und Zolkiewski. Die Not war groß. * Die Tatkräftigeren halsen sich, wie sie konnten. Damen handelten mit Backwerk, Zuckerwaren, Lebensmitteln, ihre Männer mit Kohle und Holz, wobei sie das Holz oft selber hackten; die Söhne schlugen sich als Zeitungsverkäufer, Kellner, Musiker, Trambahnführer durch. Vornehme Leute gingen in abgerifienen Kleidern und sättigten ihren Hunger in den von den Russen errichteten Volksküchen, während Halbweltdamen und ehemalige Dienstmädchen in Seide rauschten und in den teuersten Restaurants soupierten. Die Lebensmtttelpreise stiegen. Das Kilogramm Zucker kostete anderthalb Kronen, das Kilogramm Butter sechs Kronen. Da es an Bargeld mangelte, wurden Zweikronenscheine der Stadt Lemberg ausgegeben, die aber nur den Handelswert ven einer Krone hatten." Mrrgarn. Hus Sen OemetnOen- Nagyszombat (Tyrnau). Am 20. ds. Mts. wurde hier das älteste Mitglied der hiesigen Kultusgemeinde, Herr Moritz Rosen bäum, im 88. Lebensjahre zur ewigen Ruhe gebettet. Der Heimgegangene war der Sprosse einer weitverzweigten berühmten ungarischen Rabbinerfamilie und Sohn des einstigen Rabbiners in Bresowa (Ungarn) Rabbi Jisroel Bzalel Rosenbaum Nachdem er sich auf verschiedenen Jeschiwos ein nicht unbedeutendes talmudisches Wißen angeeignet hatte — er war ein Schüler des R. Menachem Prustiz (Zehleml, R. Feivel Horovitz (Papa), und R. I. A. Landesberg Freistadtl — führte er eine Tochter aus einer Gelehrtenfamilie heim, ließ sich in der hiesigen Stadt als Kaufmann nieder und wirkte viele Jahre sowohl als Präses der hiesigen isr. Kultusgemeinde, als auch als Obmann der hiesigen Chevra Kadischa. Im Trauerhause widmete Herr Rabbiner Eduard Reich dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf, der auf alle Anwesenden tiefe Wirkung machte, rvsiun Tzent-Gevrgen, Honvedseldrabbiner Dr. Samuel Lemberger erhielt, in Anerkennung seiner aufopfernden Tapferkeit vor dem Feinde, das goldne Berdienstkreuz mit der Tapferkeitsmedaiüe. Dr. Lemberger ist ein junger orthodorer Rabbiner, der seit Jahren eine reiche Tätigkeit für das thoratreue Judentum entfaltet. Die ihn ehrende Auszeichnung wirft einen Hellen Strahl auf den weiten Kreis derer, die mit ihm im orthodoxen Judentum di«'. Seele ihres Lebens Seele finden. L. ist ein Schüler des Tapolcsanyer alten Rabbiners Schlesinger. Z. B. A. Mattersdorf. Diese Woche starb h»er im Alter von 5X Jahren die würdige Gattin unseres allverehrtcn Bezirksrabbiners S. - B. Ehrenfeld. Die Dahingeschiedene war eine np-tit in buchstäblichem Sinne, die n*D3 in würdigster Weise übte. Die Beerdigung fand unter großer Beteiligung von Nah und Fern statt. Trauerreden hielten außer dem gramgebeugten Gatten die Söhne und Schwiegersöhne, wie auch mehrere Rabbinen. Möge '"VN unserem ehrwürdigen Rabbiner und seiner Familie Trost spenden und ihnen Kraft verleihen, diesen herben Schlag zu überwinden. n"S5t:n. Schwede n. Das Hüfsmerh in Sdiroeöen- Malmö, 23. Juni. Unter dem Vorsitze des hiesigen Rabbiners Dr. Josef Wo h ist ein hat sich hier ein Hilfskomitee gebildet, um die furchtbare Notlage der unglücklichen Flüchtlinge in den kriegführenden Ländern durch tatkräftige Unterstützung einigermaßen zu lindern. Die Teilnahme für diese schwergeprüften Glaubensbrüder, die so plötzlich und unverschuldet von Wohlstand und Reichtum oder auch nur von einer bescheidenen, aber sorgenfreien Existenz, in bittere Not, in tiefes Elend geraten, ist eine große und allgemeine. Das Mitgefühl der schwedischen Juden regt sich mächtig, die Gaben fließen reichlich und werden mit freudigem Herzen gebracht. Die Hoffnung ist daher eine begründete, daß die Sammlung ein recht günstiges Resultat erzielen wird als Beitrag zur Linderung der furchtbaren Not, als Ausdruck innigen, brüderlichen Mitgefühles. England. Das jüdische tMswerk in London. London, i. Juni. Die englische Judenheit entwickelt seit Kriegsausbruch eine ungemein rege Hilfstätigkeit. In den Gemeinden, den Vereinen und in der Presse feiert die jüdische Philantropte wahre Triumphe. Der „Jewish Chrontcle" sammelte allein 40.000 Pfund, das Haus Rothschild spendete ansehnliche Summen für die belgischen und polnischen Juden, sowie für Palästina. Die Zahl der heimatlosen Juden aus Belgien und Frankreich, die vollständig unterstützt werden müssen, beläuft sich auf 7000. Sie sind alle in Gebäuden, welche zu Friedenszeiten wohltätigen Zwecken dienen, so gut es geht, untergebracht. Eine große Anzahl von Flüchtlingen fand in Privatfamilien gastliche Aufnahme. Das Htlfswerk für Polen liegt in der Hand von Mr. Landau, )er gleich nach Bekanntwerden der Not, Baron Ginsburg in Petersburg 50.000 Rubel überweisen konnte. Später galt es noch, den serbischen Juden zu Hilfe zu kommen und Leben, das. auf den Ruinen von Kalisrh zu blühen beginnt, von Bollsküchen, Teehatlen u.s.w.. Doch dies ein anderes Mal. Heute sei nur der Mmsch geäußert, daß die Agudah diesem schönen Unternehmen in Kalisch viele andere folgen lassen möchte in den übrigen hartbedrängten Städten und Orten der okkupierten Gebiet e. Nur wer es mit eigenen Augen gesehen, weiß den Segen dieser Art jüdischen Wirkens ganz cinzuschätzen. Vrotkarten und Schemittogesetz. Von Rabb. Dr. Ansbacher in Heilbronn. Zu den genialsten und nützlichsten Einrichtungen, die der Krieg uns gebracht, und die uns mit Gottes Beistand die ernste Zeit glücklich überstehen helfen werden, gehört die im gesamten deutschen Reiche organisierte Brotkarieninstitution und die damit verbundenen „Vorschriften über Brot- und Mehlverwendung." Es dürfte von Interesse sein, daß unser biblisch-talmudisches Gesetz — bestätigend den Satz: „Wende die Thora hin und her, du wirst alles in ihr finden" — auch eine Paralelle zu dieser wirtschaftlich hervorragenden Einrichtung besitzt. Im Schemittajahr war bekanntlich jede Feldarbeit verboten, und der Ertrag an Obst (und Getreidenachwuchs) war als herrenloses Gut jedermann, insbesondere den Armen, zu überlassen, der Besitzer durfte sich nur ein seinem Hausbedarf entsprechendes Quantum entnehmen. Nach Mischna Schewtith V, 7 war als Höchftbezug für «inen Haushalt das Matz von 5 Krügen Oel und 15 Krügen Wein (mit bestimmtem Inhalt) vorgesehen, und durften selbst die Töpfer an eine Person »lirfit irrfjv («rfnfoc als die hierzn nötigen verkaufen (Maimon. Hilch. Schemittoh 5,24). *) Da der Ertrag wohl ausreichend, aber immerhin beschränkt war, so sollte er möglichst gleichmäßig an alle Volksgenossen verteilt werden. Auch ein Ausfuhrverbot aus Palästina bestand bereits (Mischn. VI, 5), und an den Grenzen stellte man Wachen auf, um einen Einfall feindlicher Nachbarn zu verhüten (ib. 4M). Anderseits war durch mannigfache, strenge Vorschriften ein naturgemäßer, die Verwendungsmöglichkeit voll und ganz ausnützender Verbrauch geboten, ganz ähnlich unseren gegenwärtigen Vorschriften bezüglich der Verwendung von Nahrungsmitteln. (So interessant und dankenswert der Hinweis unseres gesch. Mitarbeiters ist, möchten wir doch hinzusügen, daß bei einer ganze Reihe der angeführten Bestinlmungen lediglich ethisch-religiöse, aus der Idee der Schemttta fließende Motive, nicht aber wirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend sein dürsten. Red.) <Jm Zeichen des Burgfriedens.) Wir lesen im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel": Am 2. März 1915 hatte das (bayr.) Kriegsministerium, Armee Abteilung I, München, an die Geschäftsstelle des Börsenvereins das Ersuchen gerichtet, darauf hinzuwirken, daß die Mitglieder des Börsenvereins von dem Vertriebe der im Berlage von Hugo Schmidt in München vor Kriegsausbruch erschienenen Schrift von Robert Müller, „Was erwartet Oesterreich von seinem jungen Thronfolger?" bis zur Beendigung des Krieges Abstand nehmen möchten, da sie schwere Angriffe auf die Juden enthalte und geeignet sei, den Frieden zwischen den Konfessionen und Roligions- *) Um Verwechslung und Mißbrauch der Geräte zu verhüten, waren dieselben auch von v e rschiedener Beschaffenheit. (Sk*W» JVKqä). 6400 Flüchtlinge in Alexandrien zu versorgen. 150/0 der gesammelten Gelter wurden von vornherein für Palästina bestimmt. Sfvankreidy. Die ruffifcfien „Drückeberger* in Paris Waris, 10. Junt (indirekt) Auf der Jagd nach den Drückebergern wußte man auch diejenigen zu treffen, die man schon von früher her mit etwas scheelen Augen angesehenste man aber seit Kriegsausbruch gar als Freunoe und Verbündete behandeln mußte. Wir meinen die hier zu Tausenden ansässigen russischen Juden. Seit Jahr und Tag geht in einem Teil der Pariser Presse eine lustige Hetze gegen diese „Fremden", die „die schöne Stadt verpesten, die französische Sprache korrumpieren" u.s.w. Man setzte, etwas gelinde, die Hetze auch während der Krtegszeit fort. Nun aber kommt den Pariser Stadt- und Sprachreinigern das Kesseltreiben gegen die Drückebergersehr zugute. Alle in Frankreich wohnenden russischen Juden — die ihre Rechnung mit der russischen Heimat längst abgeschloffen und, soweit die dienstpflichtige Jugend in Betracht kommt, sogar auf französischem Boden geboren sind — seien samt und sonders Feiglinge und Verräter, weil sie nicht nach Hause zu den Waffen geeilt sind. Die Preßhetze hatte den Erfolg, daß ein Gesetz alle dienstpflichtigen russischen Juden in Frankreich vor die Alternative stellt, entweder nach Rußland zurückzukehren öder sich in die französische Fremdenlegion ein reihen zu lassen. Die sozialistischen Blätter treten mit scharfen Protesten gegen diesen unerhörten Akt der Gewalt und Unduldsamkeit hervor. Die Aufregung in der russischjüdischen Kolonie ist begreiflich. f&\\rkei. Die Ausländer in 9er Cürftei. Betritt, 3. Juni. Wie die Zeitung „La Bourse Egyptienne“ mitteilt, hat der Walt von Beirut den Erlaß der türkischen Regierung betreffs der Naturalisation der ausländischen Juden wie folgt veröffentlicht: 1. Alle Juden aus den feindlichen Ländern müssen sich bis Ende Mat ottomanisieren. 2. Diejenigen, welche das ottomanische Bürgerrecht nicht anmehmen wollen, müssen das Land verlassen. 3. Die Polizei wird genau kontrollieren, wer im Besitze der türkischen Staatsangehörigkeit ist, und die übrigen werden anfangs Mat ausgewiesen werden. 4. Alle Juden, welche das türkische Bürgerrecht annehmen wollen, erhalten dieses taxenfrei. 5. Die Aufnahme erfolgt gemeinschaften zu stören. Diesem Ersuchen ist durch Abdruck des Schreibens des Kriegsministeriums in Nr. 55 des Bbl. entsprochen worden. Wie uns nunmehr von derselben Stelle mitgeteilt wird, hat der Verlag die Genehmigung erhalten, eine Neuausgabe des Werkes unter Weglasfung des beanstandeten Abschnitts über die ostjüdische Frage herzustellen. (Ein Gruß ans Sibirien.) Aus einem Gefangenenlager in Sibirien erhielt eine Frankfurter jüdische Familie dieser Tage folgendes Schreiben ihres dort internierten Sohnes: Tschita, 8. April 1915. (Transbaikalien-Rnßl.) Meine Lieben! Gewiß gehr cs Euch noch ganz aut. Dasselbe kann ich von mir auch mitteilen. Wie sind die Osterfciertage bei Luch verlaufen? Gewiß gut. Ich war an den beiden ersten Feiertagen zur Synagoge und habe koscher gegessen. Das hat mich sehr gefreut. Bei Euch wird man wohl fleißig in Garten und Feld arbeiten. Das Wetter ist hier auch sehr schön. Wie geht es E. und I.? Grüßt sie von mir. Wie geht es den anderen Verwandten, welche im Felde stehen? Will schließen, erwarte doch sicher aus diesen Brief Antwort. Lebet wohl und seid viel tausendmal gegriißt von Eurem I. Hoffentlich ist bald Frieden, daß wir wieder nach Hause kommen. D. O.