Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-06-24 · Heft 27 (24.6.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 27 (24.6.1915)
Date
1915-06-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448533--67558-3519795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

/ «fette 8 Nr. 27_ Die Staatsregterung steht diesen Dingen wohl ferne. JnÖesterretch gibt Wien den Ton an und dieses ist nach wie vor von der christlich - sozialen Partei beherrscht und antisemitisch verwaltet. — Wie das niedrige Volk denkt und verhetzt ist, dafür ein lebendiges, erlebtes Beispiel. Vor einem Bethause strht am Sabbatnachmittag vor Minchah eine Gruppe von etwa 30 bis 40 polnischen Flüchtlingen, des Beginnes des Gebets harrend. — Einige Burschen gehen vorüber,- einer von ihnen ruft: „Diese Polaken wären das richtige Kanonenfutter, die sollte man vor unseren Truppen einherjagen, wie cs die Russen machen". — Für alles werden die Juden verantwortlich gemacht/ die Teuerung, der Brot und Mehlmangel, an allem seien sie schuld — Die Preßzensur läßt nach dieser Richtung nur allzuviel durch, während sie berechtigte Beschwerden unerbittlich streicht. Daß nicht nur in bürgerlichen Kreisen an den Juden gesündigt wird, sondern auch dort, wo man es im Kriege am wenigsten erwarten würde, ist geradezu unglaublich. Und doch ist es so. Angebereien und Verleumdungen sind häusig: Die Juden seien Drückeberger. Dabei steht es fest, daß die Juden, di v-zu vielen Taufen den im Felde stehen, sich durch große Tapferkeit auszeichnen. Wie soll das alles anders werden, wenn es den Juden selbst an Führern fehlt, die mutig und beherzt auftreten, den Bösewtchten die Zähne stumpf zu machen? „Wo es an Männern fehlt, sei bestrebt ein Mann zu sein". Das sagt sich mancher. Dies Bürgschaftsbewußtsein jedes Sohnes Israels ist nicht wach genug hierzulande. Und einen großen nichtjüdischen Anwalt für Menschenrecht und Menschenwürde haben wir selbst im Kriege nicht. „Auf weil sollen wir uns stützen, wenn nicht auf unseren Vater im Himmel?" W eder richtet sich unser Auge nach Deutschland, wo angeblich trotz Chamberlain die Judenseindschast vorläufig ihr Ende gefunden hat. Für das so weit verbreitete Haßlied gegen England macht dieser abstruse Kopf das Judentum verantwortliche er kennt den biblischen Satz von der Seibstverantwortung nicht und gefällt sich in ' Ausfällen gegen den biblichen Rachegeist. Diesem Geist wäre der Weltkrieg nie und nimmer entstammt. Er hat seine Wurzeln in der Verleugnung biblischen Geistes und in der Umkehrung der Lehren von Menschenrecht und Menschenliebe, die ganz andere Religionen als die Israels zum Lebensprinzip der Völker erhoben haben. Wo sind die Träumereien von christlicher Nächstenliebe? Wir wollen gar nicht betonen, was Hunderttausendmal gesagt worden ist, daß diese Nächstenliebe die heilige Verkündung unserer Thora, unserer Propheten ist. Wollte der Allmächtige, sie wäre ,_Der ISraeltt._ Gemeingut aller gesitteten Volker. In Oesterreich, der Hochburg christlich sozialer Politik, sollte man wisien, daß Tun und Lassen der Parteivertreter dieser Richtung weder christlich noch sozial, sondern nur unsittlich, unpatriotisch, staatsgefährlich sind. Noch einmal rufen wir den führenden Männern zu: Seid auf der Hut, die Reaktion ist auf dem Wege, der Antisemitismus will auf den blutgetränkten Gefilden seine Saaten säen! Hier ist das tägliche Gebet am Platze: „Alle, die Böses sinnen über mich, deren Plan zerstöre und vereitle deren Absichten." D. F. MchtlingSfiirsorge in Oesterreich. Der von der Israelitischen Allianz anläßlich ihrer am 17. Mai l. I. abgehaltenen Generalversammlung zur Ausgabe gelangte Jahresbericht enthält unter anderem eine eingehende Darstellung der vom Verein seit September 1914 geleiteten Flüchtlingsfürsorgeaktton und eine Statistik aller jüdischen Flüchtltngsgruppen in Oestreich. Danach sind außer den in Wien weilenden etwa 100.000 die staatliche Unterstützung genießenden Flüchtlingen zur Zeit der Abfassung des Berichtes im April d. I. in Prag zirka 13.000, in Brünn 6520, in Graz 1?00 Flüchtlinge gewesen. Bonden drei bekannten Konzentrationslagern in Mähren, Nikolsbürg, Pohrlitz und Gaya, welche vorübergehend einen Stand von je 6000 bis 7000 Flüchtlingen hatten, werden folgende genaue Daten angegeben: JnNtkolsburg sind jetzt nur 4112 Flüchtlinge, davon 3102 in Baraken; in Pohrlitz 4280, davon 2500 in Baraken,' in Gaya und Umgebung (in 13 Ortschaften) zusammen 3997 Flüchtlinge. Fn Böhmen sind größere Flüchtlingsgruppen: In den politischen Bezirken um Pilsen zirka l-'.OOO, in den Bezirken um Budweis 5042, in Karlsbad und Umgebung 4500, in Saaz und Umgebung 2700, in Reichenöerg 2400, in Marienbad 1364 und weitere Gruppen von je etwa 1000 Flüchtlingen in A us s i g, Bilin, Bodenbach, Brüx, Chrudim, Dux, Falkenau, Elbogen Franzensbad, Kaaden Kolin, Komotau, Rumburg und Teplitz. Jnsgesammt sind in Böhmen etwa 60.000, in Mähren 22.000 gallzische Juden untergebracht. In Ungarn waren Anfang April etwa 30.000 jüdische Flüchtlinge, wovon 20.000 in Budapest. Die Flüchtlinge aus der Provinz sind jedoch alle und die von Budapest zu einem Teile in der letzten Zeit nach Oesterreich übersiedelt. Der Schwerpunkt der Hilfsaktion liegt selbstverständlich in der staatlichen Fürsorge, welche sämtlichen armen _24. Juni 1915 Flüchtlingen ohne Ausnahme eine tägliche Unterstützung pro Tag und Kops gewährt und auch Kleider, Wäsche und Schuhe nach Bedarf beistellt. Der Ministerialerlaß vom 13. April 1915 über das den Flüchtlingen von den Behörden zu erweisende freundliche Entgegenkommen und die Ausdehnung der Fürsorge zugunsten derselben wird ein unvergängliches Denkmal der Humanität der österreichischen Regierung bleiben. Zür Ergänzung der staatlichen Fürsorge haben fast alle jüdischen Gemeinden in Westöfterretch, in deren Bezirk galizische Juden untergebracht wurden, Spendensammlungen veranstaltet. Das Zentralkomi'ee in Brünn hat für die Flüchtlinge in ganz Mähren 200.000 K. aufgebracht. Nikolsburg separat 41.000 K., Pohrlitz 40.000 K. Ansehnliche Ergebnisse haben auch Prag, Pilsen, Budweis, Saaz und Karlsbad erzielt, so daß die Israelitische Allianz durch ihren fast allen jüdischen Gemeinden und Hilfskomitees geleisteten finanziellen Beistand nur ergänzen und regulierend einzugretfen hatte. Dasselbe gilt von den sehr zahlreichen speziellen Hilfskomitees, Vereinen und besonderen Wohlfahrtsetnrichtungen in Wien, welche eigene Spendensammlungen veranstaltet haben und denen die Allianz zur Erhaltung der verschiedenen Ausspeisungsstellen, Volksküchen und andere humanitärer Veranstaltungen für die Flüchtlinge Subventionen gewährt. Der Verein hat ferner Schulgelder für arme jüdische Schüler an den in Wien eröffneten provisorischen Polnischen Schulen gezahlt und dem Leiter der Zentralstelle der Fürsorge für Unterstützungen in besonders berücksichtigenswerten Fällen monatliche größere Subventionen gewährt. Insgesamt hatte die Israelitische Allianz für die Unterstützung der galizischen jüdischen Flüchtlinge bereits mehr als 300.000 K. verwendet. An der Zeichnung der Kriegsanleihe bis Anfang Mai hat sich der Verein mit 150.000 K. und zwar mit 100.000 K. der österreichischen und (als Eigentümer des Gutes Kossuth) mit 50.000 K. der ungarischen Kriegsanleihe beteiligt. Roter Balbmonö- Werkin- 23. Juni. Das im Einvernehmen mit dem „Deutschen Sorrespondenzen und AachrWen äteiäi Rleams Segen. Non Rabbiner Dr. M. Löwin in Wi eschen. Dreimal versucht Bileam nach dem Willen seines mächtigen Auftraggebers Israel zu fluchen, dreimal wandelt sich aber das Wort des Fluches in seinem Munde in Segen und er mutz es bekennen: „-p2 n;n '*3' »jinpV, Siehe, ich habe das Segnen empfangen. Er sGott) hat gesegnet, ich kann es nicht wenden." Aus diesem Bekenntnis leuchtet keineswegs Freude und Befriedigung über die Eindrücke, die er empfangen, die ihm das Segenswort über die Lippen gedrängt. An Anstrengungen hat es auch Bileam nicht fehlen lasten, um den versprochenen seilen Sold sich nicht entgehen zu lasten. Er nennt sich selbst py.n an? ->2H1 „den Mann geöstneten Auges", er hat mit dem Späherauge eines gar erfahrenen und weitsichtigen Beurteilers seinen Blick auf Israel gelenkt, dreimal — immer an verschiedenen Orten — es beobachtet, vielleicht datz sich seinem „klaren" Auge doch ein Makel zeigt und er dann seinem Herzensdrange folgen kann. Aber immer bietet sich ihm dasselbe Bild dar. Ob er die mos, „die Höhen des Baal" aussucht und von hieraus gleichsam die physische Macht überschaut, die Israel zum Fluche werden konnte, — oder ob er sich zu einem höheren Standpunkt aufschwingt und sich auf das rvnp D’eiX begibt, auf das „Gebiet der Schau", um hier einen geistigen Fehler am Volke zu erspähen, oder ob er schließlich noch eine dritte Anhöhe ersteigt? den “nyen pto „den Gipfel des Berges Peor", jene Stätte, die unseren Weisen als das Symbol der rohen Sinnlichkeit galt, — Israel trägt die Quellen seines Segens in sich. Keine Gew alt vermag Israel zu vernichten, solange spruy u'? snaa', |w» ny es gesondert bleibt und unter die Völker sich nicht rechnet. Sein Geist bleibt rege und ein unendlicher Segensquell ihm, 12 ibc nym :oy ”7, da Gott sein Gott mit ihm ist und die Begeisterung für den König in ihm lebt. Bor dem Innern Versall schützet es sein Familiensinn, der wie ein Quell alle seine Glieder immer von neuem labt und belebt, so daß sich Jakobs Wohnungen gleichviel, ob es „stolze Paläste", oder „schlichte Zelte" sind, als die Pflanzstätten der heiligsten Triebe und lautersten Gesinnungen, als die Wälle gegen die stürmenden Fluten der feindlichen Angriffe bewähren. Ein treffendes Midraschwo.t charakterisiert den Segen Bileams als den Geist, der das Böse gewollt und das Gute erwirkt hat, nrn yen um bv rn:2*i2ö -.2^2 'rs no „Aus den Segnungen jenes Bösen kannst du erkennen, welchen Wunsch er im Herzen trug " Der Wunsch, den Israels Feinde immer im Herzen tragen, hat auch Bileam schon beseelt. Er hat für alle Zeiten es klar gezeigt, datz man Israel nur beikommen könne, indem man seinen Familiensinn trübt, seiner geistigen Regsamkeit Schranken zieht und Hindernisse in den Weg legt und die Beobachtung der seine Eigenart und seine Sonderheit erhaltenden Satzungen auf alle Weise erschwert. Aber nicht nur Israels Feinde waren gelehrige Schüler Bileams, — Israel hat auch selbst gelernt, — es hat voll begriffen, was unsere Weisen 'hervorheben: ay^2 ise: nco rna Mose hat nicht nur die Thora geschrieben, sondern auch den Abschnitt Bileams nach dem Willen des Herrn mit ausgenommen. Dieses Kapitel sollte unserer G laubensgemeinschaft gleichsam die kleine Bibel werden, die es sich mit jenem Schilde wappnen lehrte, an dem die feindlichen Geschosse zunichte wurden. So ist der e v - zw un ge ne Segen Bileams uns zum wahren Segen geworden. Wir haben aus seinen Worten den Quell unserer Kraft schätzen und würdigen gelern^ so datz des Herrn Wort für alle Zukunst in seiner vollen Kraft bestehen bleibt: „Du wirst dem Volke nicht fluchen, es ist vielmehr gesegnet." Bor dem Spiegel der Geschichte Israels ivird auch so manches uns voll verständlich, was uns der Ernst der gegenwärtigen Zeit gebracht hat. Wir haben es mit Schmerz wahrgenommen, daß sich zu unfern vielen Feinden noch eine Macht hinzugesellt hat, die Lüge, die ihre giftigen Pfeile gegen uns schleudert, um unsere Sittlichkeit und Kultur vor der großen weiten Welt anzugreifen. Wie Valak nicht den redlichen, ehrlichen Kampf gegen Israel wagte, weil er dessen Anssichtslosigkeit im vorhinein voraussah, wie er. sich da auf das Mittel besann, um teures Geld einen Propheten aus fernein Lande sich zu bestellen, der da an Israel sittliche und geistige Schwächen erspähen sollte, so scheut man auch jetzt gegen unser deutsches Volk nicht den Versuch, durch den Mund des Lügengeistes uris unsere Vorzüge aberkenn, n zu lassen. In diesem erfolglosen Streben gibt sich aber nur Schwäche und Mutlosigkeit kund Auch hier mutz sich der Fluch für uns in Segen wandeln. Nicht nur, datz unsere Kraft sich stählt und sich der Wille zum Durchhallen und Siegen da steigert. Wir erfahren auch, worum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.