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Der Israelit · 1893-07-10 · Heft 55 (10.7.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 55 (10.7.1893)
Date
1893-07-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1060 die Lagerstätte eines Passagieres 1,83 Mtr. lang und 50 ctmtr. breit sein. Jedes Einwanderer führende Schiff muß mit der im Verhältniffe zur Paffagierzahl erforderlichen Anzahl Rettungsboote und Schwimmgürtel versehen sein und muß einen Arzt, einen Apotheker und alle nothwendigen Medikamente an Bord haben. Aus diesen Bestimmungen geht zwar hervor, daß sich die argentinische Regierung hat angelegen sein lassen, Vortheile und Begünstigungen für die Einwanderer zu schaffen, aber unsere geehrten Leser werden gerade aus diesen Bestimmungen ersehen, daß ein dreißigtägiger Aufenthalt im Zwischendeck, mit Kind und Kegel, mit einer Vergnügungsreise nichts gemein hat. Während dieser langen Ueberfahrt haben unsere russischen Auswanderer kein Fleisch gegessen und sich während der ganzen Reise mit Thee, Brod und Hülsenfrüchten ernährt. Einige der späteren Transporte waren in sofern glücklicher als ihnen mehrere Füßchen Heringe in Hamburg refp. Bremen mitgegeben wurden. Aber was sind die Blühen uud Strapazen einer solchen Reise, was alle Entbehrungen, wenn man mit jedem Tage sich seinem Ziele näher weiß, wenn jeder Tag, jede Stande den Heimathslosen dem gastlichen und freien Lande näher bringt! Schisfscapitain und Officiere gaben unseren Einwanderern glänzendes Zcugniß über ihr Verhalten an Bord. Gleichwie ein Sonnenstrahl zuweilen die schweren Wolken durchbricht und das verzagende Gemüth hoffnungsvoll wieder aufrichtet, war auch unseren Auswanderern manch' fröhliche Stunde während der Ueberfahrt beschieden: man feierte Geburten, Verlobungen u. s. w. Capitain nnd Officiere nahmen Antheil an diesen Festlichkeiten, bei welcher Gelegenheit diese Herren die Feststimmung durch Verabreichung von Getränken erhöhten. In Buenos-Aires hatte man nunmehr die Sorge, Unterkunft für die neu Angekommenen zu schaffen. Die argentinische Regierung, bemüht die Einwanderung zu ermuthigen, errichtete im Jahre l886 ein Jmmigranten- Hotel in Buenos-Aires, später auch in andern Städten und es existiren heute 12 solcher Hotels in Argentinien. In diesen Ho!els findet jeder neue Einwanderer Aufnahme und , ist während der ersten 5 Tage auf Kosten des Staates logirt und beköstigt: wünscht jemand in diesen Hotels länger zu verbleiben, so muß er 50 Centavos pro Tag (Kinder die Hälfte) zahlen. Der um die Einwanderungsgesetze sehr verdiente Herr Samuel Navarro, General-Commissar der Immigration, veranlaßte auch die Gründung dieser Hotels. Im Buenos-Airer Jmmigranten-Hütel wurden auch unsere Einwanderer unterbracht. Dem ersten Transport folgten bald andere und in kurzer Zeit waren mehrere Hundert Juden im Jmmigranten-Hotel vereinigt. Hier hatten sie freilich mehr Bequemlichkeit wie am Schiff, aber die Kost war so ziemlich dieselbe geblieben: noch immer kein Fleisch — denn in Buenos-Aires wurde z. Z. noch nicht koscher geschlachtet. Erst in der Folge veranlaßte die jüdische Gemeinde in Buenos-Aires einen der aus Rußland gekommen Schächter in der Hauptstadt zur verbleiben. In Folge dieser andauernd schlechten und ungenügenden Nahrung sind unsere Einwanderer herabgekommen und erregte ihr Anblick Mitleid. Das Wohlthätigkeits-Comita lieferte der Hotelverwaltung Thee, Zucker und verdoppelte die Rationen des Brodes; auch Tabak ließ das Comite den Männern vertheilen. Die Gäste im Immigranten- Hotel erweckten die allgemeine Aufmerksamkeit und die russisch-jüdische Einwanderung bildete das Tagesgespräch aller Kreise. Diese Bemerkung könnte der Hauptstadt Buenos-Aires leicht den Anschein einer Kleinstadt geben und wir beeilen uns deshalb zu erinnern, daß Buenos-Aires eine Stadt von 600,000 fleißigen und rührigen Einwohnern ist. wir bezweckten blos „Interesse" und „Ereigniß" zu betonen. Nach Feierabend—tagsüber geht jedermann seinen Geschäften nach - sah man ganze Menschengruppen nach dem Jmmigranten-Hotel pilgern. Nicht uninterffanteBemerkungen konnte ein stiller Beobachter hier machen: im Vorbeigehen konnte man die argentinischen Arbeiter auf spanisch sagrn hören: „also das sind die Russen! wie unpraktisch doch diese langen Salon röcke sind! und im Lager der Angegafften konnte man im reinsten und unverfälschtesten polnisch-jüdischen Jargon die heiterste Bekrittelung der bunten Kappen und der Shawls vernehmen, den sich die argentinischen Arbeiter um die Hüften drapiren. „Also das sind die Russen" hieß es allgemein und weder die „langen Salonröcke" noch die „Original-Locken" vermochten eine andere Apostroph irung hervorzurufen. Zur besseren Characteristik Nachstehendes: Wir hatten auf der Colonie den Besuch einiger Nachbarn, und als einer unserer Gäste im Laufe des Gespräches statt „Russen" — „Juden" sagte, hörten wir einen der Herren ganz überrascht ausrufen: „Ist das möglich, das sind Juden! aber das sind doch gerade solche Menschen wie wir; einen Juden dachte ich mir anders,dachte ich mir mit einem Schweif." — Die „langen Salonröcke" mußten unbedingt abgcschafft werden. Diese Tracht ist für die Arbeit unpraktisch. Wir schlugen blaue Arbeiter-Blousen vor, für welche man sich auch entschloß. Der große Theil der jüdischen Einwanderer und insbesondere die ersten Transporte waren sehr dürftig gekleidet, sie erhielten alle in Buenos-Aires, Frauen und Kinder, Wäsche, Schuhe und Kleider und machten die so neu Uniformirten einen viel günstigeren Eindruck. Der Aufenthalt im Jmmigranten-Hotel dauerte 3 Wochen lang — denn erst, den 21. August hatte Dr. Loewenthal den ersten Landkauf abgeschloffen. (Fortsetzung folgt.)

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