Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1893)
- Date
- 1893-07-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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m 1057 an Gott und an die Treue der Geliebten besaß. Und diesen letzten Glauben mußte sie ihm rauben, hatte sie ihm geraubt. — Es war an einem der ersten Tage des Monats Ellul, als eine mit zwei Pferden bespannte Droschke auf der Landstraße dahinrollte, welche von der Residenz am Fuße des Gebtrgs entlang nach H. führt. In der offenen Droschke saß ein junger Mann, der träumerisch in die Ferne blickte und trotz der offenen Augen wachend schlief. Er sah weder die Schönheit der herbstlichen Flur, noch bemerkte er die Leute, welche höflich grüßend an seinem Wagen vorüberschritten und verwundert auf den unhöflichen Träumer blickten, der ihren Gruß unerwiedert ließ. Von Zeit zu Zeit entwand sich ein Smfzer seiner Brust und dann setzte er sich in die andere Wagenecke, um nach kurzer Zeit wieder seinen früheren Platz einzunehmen. Der junge Mann besaß ein intelligentes Gesicht, welches die Spuren angestrengter geistiger Arbeit neben denen der Sorge und des Kummers trug. Es ist Curiel, der es endlich ermöglicht hatte, die Reise zu seiner Rahel zu machen, um sich eine Erklärung des letzten rätselhaften Briefes zu holen. Was wird er hören? Was wird ihn erwarten? Sind die Leiden, welche Gottes Vaterhand über ihn verhängt, noch nicht zu Ende? Soll ihm, dem man alles genommen hat, auch noch der Glaube an Liebe und Treue geraubt werden? Diese und ähnliche Gedanken erfüllen seine Seele und lassen ihn alles um sich her vergessen. Da raffelt der Wagen über die holperige Dorfstraße und weckt Curiel aus seinem Träumen. Verwirrt blickt er um sich; da hält auch schon der Wagen vor dem Wirthshause, der Kutscher springt vom Bock, öffnet den Schlag und spricht: „So, mein Herr, wir sind am Ziel; der Wirth wird Ihnen sagen können, wo der Mann wohnt, den Sie besuchen wollen." Curiel stieg aus. Der Kutscher spannte seine Pferde los und gab ihnen Futter. Curiel fragte ihn, wie lange seine Pferde ruhen müßten. „Zwei Stunden höchstens", entgegnete der Kutscher. „Gut", versetzte der junge Mann; „bin ich in zwei, sagen wir drei Stunden nicht zurück, so fahren Sie in Gottesnamen ohne mich nach Hause." Er gab dem Kutscher seinen Fuhrlohn und wandte sich dem Dorfe zu. Ein kleines Mädchen, welches er nach der Wohnung des Herrn Caro fragte, begleitete ihn bis vor das Hausthor. Klopfenden Herzen öffnete er das Thor und trat in den Hof. Hier traf er eine Magd, die er fragte, ob Herr und Fräulein Caro zu Hause sei. Diese führte sie in das Wohnzimmer und bat ihn, einen Augenblick zu warten. Wenige Minuten noch und Curiel und Rahel standen einander gegenüber. „Max — Rahel" tönte es wie aus einem Munde und wie mit Blut übergossen stand Rahel da und wußte nicht, was sie thun sollte. Wo waren all die Vernunftgründe hingekommen, die ihre erste Liebe, wie sie glaubte, erstickt hatten! Das Herz läßt sich nicht so leicht gebieten; wen es einmal liebt oder geliebt hat, den kann es nicht Haffen. Fraget nur jene Armen nnd Elenden, ob sie nicht das Land lieben, das sie barbarisch behandelt? ob sie nicht für das Glück dessen beten, für sein Wohlergehen zum Allmächtigen flehen, in dessen Namen man sie und ihre Brüder knechtet, unterdrückt und verfolgt! Das Menschenherz ist ein eigen Ding und seine Regungen sind unergründlich wie das tiefe Meer. Rahel reichte dem jungen Mann bewegt die Hand und mit leise vibrirender Stimme sagte sie: „Willkommen im Hause meines Vaters; Nach meinem letzten Brief habe ich nicht erwartet, Sie noch einmal zu sehen, doch da Sie gekommen sind — nochmals willkommen." Auf diese Anrede konnte der junge Mann zuerst keine Antwort finden. Wortlos stand er da und rang mit sich selbst. Endlich kamen auch ihm die Worte. Anfangs langsam und bedächtig, aber im Verlaufe der Rede immer fester werdend, sprach er: „Ja, ich bin selbst gekommen, um aus dem Munde, der mir vor noch nicht gar zu langer Zeit das Leben wiedergab — heute den Tod zu vernehmen. Denn, welchen Werth hätte mein Leben noch für mich, wenn das wahr wäre, was Du mir geschrieben hast. Ein jedes Leben hat ein Ziel, dem das ganze Streben des Lebens gewidmet ist. Heimath und Vaterland, Vater und Mutter habe ich verloren, ich habe es, wie ein Mann, wie ein Jude ertragen. Der Glaube an unseren himmlischen Vater, der den Verfolgten und Unterdrückten Schutz und Schirm ist, hielt mich aufrecht und die Hoffnung, daß auch für mich der Morgen einer neuen, besseren Zeit anbrechen werde, ließ mich alles Ungemach ohne Murren ertragen, Wäre ich in jener Zeit gestorben, so hätte ich den Tod als eine Erlösung betrachtet, da er die Prüfungen beendet hätte, die Gott über micb verhängt hatte. Da lernte ich Dich kennen und lieben, da erfuhr ich, daß Du meine Liebe erwiederst und ein neues Morgenroth des Glückes erschien am Horizonte meines Lebens. Eine neue Sonne war mir aufgegangen, die Sonne der Liebe, deren sanfte, heilige Strahlen die dunkle Nacht meines Unglücks erhellten, deren milde Wärme die starre Eiskälte, welches durch die Lieblosigkeit meines Vaterlandes mein