Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1893)
- Date
- 1893-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mentioned entities
- Vilnius 2× ep/1000947
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
1055 Pater Grünwald das Wort nahm, ist der in der Matzleinsdorferstraße Nr. 28 befindliche neue Kindergarten, der aus den Mitteln des Ersten Wiener Volks Kindergarten errichtet wurde. Unter Assistenz des Cooperators Moser nahm Pfarrer Grünwald die Einweihung des Gebäudes vor und hielt sodann eine Ansprache, in welcher er Folgendes sagte: Wenn man die Tagesblätter zur Hand nimmt, so ist es geradezu entsetzlich, wie häufig man über Ausschreitungen von Kindern im schulpflichtigen Alter, welche Diebstähle, Raubenfälle und Selbstmorde begehen, liest. Diese fürchterliche Thatsache wird bald der modernen Schule, bald der Kirche vorgeworfen. Doch weder die Schule, noch die Kirche tragen die Schuld. Schuldig allein sind die Eltern, welche es unterlassen, ihre Kinder in dem zartesten Alter, in dem ihr Herz noch weich wie Wachs und gleich empfänglich für Gutes und Böses ist, zu erziehen. Wenn heute in Bezug auf Lehre und Wissenschaft auch sehr viel geleistet wird, so muß man doch eingestehen, daß es mit der Erziehung sehr traurig steht. Wenn ein Kind aus der Schule kommt, und es hat eine wohlverdiente Strafe erhalten, so geben die Eltern der Strafe nicht etwa den gehörigen Nachdruck, sondern sie laufen zum Bezirksgericht und zum Arzt, um etwas herauszufinden, womit sie den Lehrer in seiner Existenz schädigen können. Wir leben in einer Zeit, in der einer den anderen haßt, weil einer ein paar Gulden mehr besitzt, oder ihn verfolgt, weil er anderer Confession oder Nationalität ist. Dies war aber nicht die Absicht des edlen Stifters unserer Religion, vor welchem alle Menschen gleich waren und der das Princip der Carität und Liebe gegen jedermann aufstellte." Schließlich drückte der würdige Pfarrer die Hoffnung aus, daß aus den anwesenden Kindern einst nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden, um in gleichem Sinne wie die Stifter dieses Vereines zu wirken. Afrika. Tunis. Der Bey von Tunis hat der Schule der „Alliance Israel. Univ." in Tunis eine Subvention von 6000 Frcs. bewilligt. Die Schule in Tunis ist außer der jüdischen Freischule in London und der jüdischen Schule in Manchester vielleicht das größte jüdische Erziehungs-Institut der Welt. Rußland. Aus Rußland. Es ist den Juden schon mehrmals derVorwurf gemacht worden, daß sie die schweren Arbeiten fürchten und körperliche Anstrengungen fliehen. Wie weit aber die Verleumdung von der Wahrheit steht, können wir in Odessa, Warschau, Kowno und Wilna rc. sehen. In ^Odessa und Kowno am Hafen ist die Zahl der jüdischen Lastträger sehr groß, so daß ihre christlichen Arbeitsgenoffen sie neidisch ansahen und schließlich sie vom Platze zu verdrängen beabsichtigten, was ihnen aber nicht gelungen. Besondern Neid erweckte bei den christl. Lastträgern der jüdische Fleiß; während der Ruffe in dem zweiten halben Tage in dem Kabak (Kneipe) den ^Verdienst des ersten halben Tages verzecht, bleibt der Jude dem Trünke ganz fern, arbeitet fleißig bis zum Abend und eilt dann zu seiner Familie, welche ihn mit Sehnsucht erwartet, das Abendbrod in Frieden zu verzehren. Ihre Nüchternheit ist überall mehr oder weniger bekannt und werden sie deßhalb bei Ein- und Ausladung von Vielen bevorzugt. ^Ebenso ist die Zahl , der jüdischen Handwerker bei uns, wie die Statistik zeigt, verhältnißmäßig sehr groß. In dem Rayon, wo Juden und Christen zusammen wohnen, besonders in den Gouvern. Minsk und Wilna ist ein christlicher Handwerker fast eine Seltenheit. In meiner Heimathstadt N., wo 4000 Juden und ebensoviel Christen wohnen, steigt die Zahl der jüdischen Schneider, Schuhmacher, Zimmerleute, Maurer, Dachdecker, Steinsetzer, Lastträger, Wafferführer, Holzhauer in die Hunderte, während die Christen nur zwei Schuhmacher aufzuweifen haben. Wir wollen noch auf eine hochinteressante Thatsache aufmerksam machen. Der Obstbau wird in Weißrußland, Polen, fast ausschließlich von den Juden besorgt. Die Bauern dieser Ortschaften geben sich mit Getreidebau ab und scheinen für elfteren keinen Sinn zu haben. Biele von den Juden besitzen selbst solche Obstgärten, andere pachten von den benachbarten Bauern Land, woselbst sie Obstbau betreiben. Eine jede Stadt hat eine Klasse von Juden, die mit dem Name Ogorodniki (Gärtner) bezeichnet werden; ja in manchen Städten bilden sie besondere Vereine, so besitzen sie in meiner Heimathstadt eine eigene Synagoge und haben einen besonderen Religionslehrer, der ihnen jeden Tag zwischen Minchah und Maariv Midrasch oder En Jakob vorträgt. Bei dem Obstbau zeigen die Juden einen unbeschreiblichen Fleiß, welchen Obstgärten, wie bekannt, auch fordern; während Getreideäcker nur zwei bestimmte Zeiten im Jahre Arbeiterhände fordern, braucht der Obstbau dieselben den ganzen Sommer hindurch. Aber auch Getreidebau wird von den Juden betrieben; die jüdischen Colonien in den Gouver. Cherson und Jekaterinoslau, über welche ich nächstens ausführlich zu schreiben gedenke, können uns davon Zeugniß ablegen. Zur Zeit der Ernte werden noch andere jüdische Kräfte herangezogen, die sich als vorzügliche Arbeiter auszeichnen.