Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-07-10 · Heft 55 (10.7.1893) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 55 (10.7.1893)
Date
1893-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448368--36704-3519772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1053 den Idealen unseres Lebens und Strebens, wie schwer gerade ihnen der Gedanke an das Gottesgericht auf die Seele fiel, davon sind uns ergreifende Züge überliefert. „Als Rabbi Jochanan ben Sakkai erkrankte, kamen seine Schüler, ihn zu besuchen. Als er sie sah, fing er zu weinen an. „Meister," sprachen sie zu ihm, „Licht Israels, Du wahre Säule, Du mächtiger Hammer, warum weinst Du?" Er antwortete: „Führte man mich vor einen irdischen König, der heute hier und morgen im Grabe ist, dessen Zorn, wenn er mir jetzt auch zürnt, doch nicht ewig dauert, dessen Fessel, mit der er mich fesselt, nicht ewig währt, dessen Tod, den er über mich verhängt, kein ewiger Tod ist, den ich mit Worten besänftigen und durch Geschenke für mich gewinnen könnte, so würde ich dennoch weinen. Und jetzt führt man mich vor den König aller Könige, den Heiligen, gesegnet sei Eder lebt und besteht für alle Ewigkeit. Zürnt (?*r über mich, so ist sein Zorn ein ewiger Zorn, fesselt er mich, so ist seine Fessel eine ewige Fessel, verhängt er den Tod über mich, so ist sein Tod ein ewiger Tod und ich kann ihn nicht mit Worten besänftigen und nicht mit Geschenken für mich gewinnen! Und nicht nur das; vor mir liegen zwei Wege, einer führt zur ewigen Strafe und einer zum ewigen Lohn und ich weiß nicht, welchen man mich führen wird, und ich sollte nicht weinen?" (Talmud Berachoth, fol. 28.) So gewiß wir wissen, Tny «in», daß Gott einst Gericht über Alle und Alles halten wird, so ist uns doch alles, was damit zusammenhängt, in tiefe, unlösbare Räthsel gehüllt. Alle Vergleiche, die wir aus unserem richterlichen Verfahren dafür anwenden, reichen nicht hin an das, was hier veranschaulicht werden soll. Diese Unzulänglichkeit dürfte in der Reihenfolge angedeutet sein, die hier eingehalten wird. Während bei jedem uns bekannten richterlichen Verfahren zunächst der Ankläger auftritt, dann die Zeugenaussage folgt und zuletzt der Richter spricht, wird hier Gott zuerst als Richter, dann als Zeuge und zuletzt als Ankläger aufgeführt. Diese vollständige Umkehrung des ganzen Vorgangs ist, wie nichts sonst, geeignet, uns zu sagen, daß alle diese Vergleiche eben nur Vergleiche sind, welche lediglich das Aeußere des Verglichenen treffen, den eigentlichen Kern der Sache aber nicht berühren. Aber wenn cs etwas gibt, das uns im Hinblicke auf den furchtbaren Tag, an dem Gott sein Weltgericht hält, mit ernster Scheu zu erfüllen geeignet ist, so ist es die Unergründlichkeit dieses einzigen Vorgangs. Diese über alles menschliche Denken erhabene Hoheit des einstigen Gottesgerichtes ist der mächtigste Sporn zu heiliger Pflichttreue, .np-jsa ttnpj ampn 'wn rosas 'n ran (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wericht. Die ethische Bewegung im Judeuthmn Ernste Gedanken eines Modernen. — 16 Seiten. — Verlag von Hugo Schildberger, Berlin. Ein Schüleraufsatz nach Styl und Inhalt. Der anonyme Verfasser, unfähig in die Tiefen des Judenthums und der Judenheit sich zu versenken, bemüht sich mit balbverdauten Spinoza-Reminiscenzen und in einer Manier, die lebhaft an das kürzlich an dieser Stelle gewürdigte „Volks- oder Salonjudenthum" erinnert, Aufsehen zu machen. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß jedweder Scribent sich vermißt, gleich die höchsten Probleme lösen zu wollen. Run gibt es schon längst nicht mehr höchste Probleme genug, um für alle berufenen und unberufenen Schriftsteller auszureichen. So brütet man irgend eine querköpfige Idee aus, erfindet einen hochtrabenden Titel dazu, versteht sie mit einigen wirklichen oder zu denkenden Frage- und Ausrufungszetchen und der Knoten ist geschürzt, das Problem ist fertig. Run kann seine Lösung beginnen. Diese verursacht am wenigsten Schwierigkeiten, da sie in der Regel vor dem Problem vorhanden ist, und das Problem erst gesucht werden muß, um die Lösung mit Anstand an den Mann zu bringen. So wie es auf jeder Jeschiwa Käuze von Bachurin gibt, die das Hirn nach einer Kaschjo für anständige Unterbringung ihrer Teruztm zermartern, so wimmelts heute von Literaten, die nach Problemen fahnden, um mit ihren diversen Lösungen losschlagen zu können. Nun wird die Bescheerung dem Publikum in geschmackvoller, buchhändlerischer Ausstattung vorgclegt und der Lesewelt zugemuthet, die wässerigen Phantasiegebilde eines eingebildeten Anonymus zu lesen und für Ernst zu nehmen. Aber das Publikum ist bereits so dickfellig gegen hochtrabende Titel geworden, daß es blasirt an ihnen vorübergeht. Seine Blasirtheit ist seine Rettung, und gleichzeitig der Untergang dieser Literatur-Eintagsfliegen. Das vorliegende Schriftchen ist ein Typus dieser Sorte von Preßerzeugnissen. Der „Moderne" kommt vom Hundertsten ins Tausendste, ist unfähig einen einmal erfaßten, sogenannten Gedanken festzuhalten, und schöpft überall nur an der Oberfläche, die er noch dazu durch die spinozistische Brille betrachtet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.