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Der Israelit · 1893-07-06 · Heft 54 (6.7.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 54 (6.7.1893)
Date
1893-07-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1656 aber der Bund in der Person des Oberamtmanns Oldenburg einen eigenen Kandidaten ausgestellt hatte, begann der Edle von Sonnenberg diesen Kandidaten dadurch zu verdächtigen, daß er in allen seinen Versammlungen erklärte, die Kandidatur Oldenburg solle, wie ihm von glaubwürdigen Leuten versichert worden sei. auf dem Comptoir des jüdischen Großhändlers Herrn Sandel Katz in Kassel „gemacht" worden sein. Daneben schmeichelte er in der unwürdigsten Weise den kleinen Leuten, den Strecken-, Straßen- und Fabrikarbeitern, sowie den kleinen Bauern, indem er sie im Gegensatz zu den Großgrundbesitzern über das Bohnenlied lobte, ob ihres seinen politischen Verständnisses, ihres Pflichtgefühles und ibrer Ueberzeugungstreue. In den Ortschaften, die einen starken Prozentsatz Katholiken aufzuweisen haben, wie z. B. in Fritzlar, warf Liebermannn den katholischen Wählern ein besonders fettes Stück Speck als Köder vor. Hier erklärte er feierlich, daß er ein Gegner des Ausnahmegesetzes gegen die Jesuiten sei, weil er überhaupt für Ausnahmegesetze nicht zu haben sei — mit Ausnahme freilich der Ausnahmegesetze gegen die Israeliten. Er erklärte ferner, daß er für die Wtederzutassung der Jesuiten stimmen werde, fügte aber gleichzeitig, um es mit den Protestanten nicht zu verderben, hinzu, daß in den nächsten zehn Jahren diese Frage schwerlich auf die Tagesordnung des Reichstages kommen werde. Dieses Verhalten des wackeren Volksmannes muß um so auffälliger erscheinen, als seine engeren Parteigenossen, die Deutschsozialen in Halle a./S., den Dr. Alexander Meyer zu der Erklärung veranlaßten, daß ergegen dieWiederzulassung der Jesuiten stimmen werde. Nur unter dieser Bedingung waren sie bereit, ihm ihre Unterstützung gegen den Sozialdemokraten Kuhnert angedethen zu lassen. Die Thatsache, daß hier also die deutschsoziale Partei sich auf einen Standpunkt stellte, den im Wahlkreis Fritzlar-Homberg-Ziegenhain der Hauptführer dieser Partei weit von sich wies, ist gewiß bezeichnend für die Prinzipienlosigkeit, die bei den Antisemiten herrscht. Die beste Agitationsarbeit scheint immer noch Ahlwardt geleistet zu haben. Er wurde doppelt gewählt, nachdem zu Pfingsten die Deutschsozialen sich am Hermannsdenkmal im Teutoburger Walde entschieden von ihm losgesagt hatten. Professor Dr. Förster war damals auch bet dem Rummel. Er sprach einige schüchterne Worte, um Ahlwardts Verirrungen in milderem Lichte erscheinen zu lassen; energisch für ihn etnzutreten wagte er aber nicht und nun trägt er kein Bedenken, aus der Hand dieses Mannes ein Mandat entgegenzunehmen — nämlich das in Neustettin. Von Rechtswegen hätte Ahlwardt zu Gunsten Stöckers auf das Neustettiner Mandat verzichten müssen. Stöcker hat vieles für ihn gethan. Und nun ist er im Wahlkreis Siegen mit Pauken und Trompeten durchgefallen, ohne daß sich ihm die Aussicht böte, anderswo gewählt zu werden. Und das mußte Stöcker geschehen, für den, wie sein Leiborgan, das „Volk" meint, ein Ehrensitz im Reichstag hätte bereit gehalten werden müssen. Mit den Ehrensitzen ist das so eine ganz eigene Sache. Für Ahlwardt steht auch schon einer parat — Mtnlid) in Plötzensee. Er ist wieder einmal der frivolsten Beleidigung an G-'richtsstelle überführt und zu drei Monaten Gefängniß verurthetlt worden. Sein Freund Paasch hat es leider noch nicht so weit gebracht. Er wird, nachdem er am Tage der Hauptverhandlung einen Selbstmordversuch gemacht hat, auf seinen Geisteszustand untersucht. Es wäre gewiß nicht wunderbar, wenn die irrenärztlichen Autoritäten zu dem Resultat kämen, daß der Mann nicht zurechnungsfähig ist. Jammerschade ist es, daß Schwennhagen nicht in den Reichstag gewählt wurde. Er hätte so hübsch zu Ahlwardt gepaßt. Der Mann ist zu bescheiden gewesen. Statt irgendwo im Reiche zu candidiren, ist er nach Rumänien gereist, um dortselbst Material gegen den Finanzminifter Miguel zu sammeln. Als die Kgl. Staatsanwaltschaft einen Steckbrief hinter ihm her veröffentlichte, wußte sie anfangs nicht, daß Ludwig Schwennhagen ein Ehrenmann ist und ein Mann von Muth und von Charactcr. Er wird sich seiner Zeit dem Gerichte schon stellen, sobald er erst seine Beweise gegen Herrn Miguel zusammen hat. Als vorsichtiger Mann hätte er allerdings keine Anschuldigungen erheben sollen, für die er die Beweise nicht bereits in Händen hatte. Jndeß solche kleinen Abweichungen von den Regeln ehrenhafter Kampfesweise darf man einem Antisemiten nicht allzu hoch anrechnen. Wollte man so rigoros sein in seinen Anforderungen, dann wäre dem Antisemitismus ja die^Lebensader unterbunden. Zeitrrngsrrachrichten nnd Corresponderrzerr. Deutschland. Berlin, 3. Juli. Der zweimal in den Reichstag gewählte Rektor Ahlwardt ist, wie nicht anders zu erwarten war, von den Antisemiten wieder in Gnaden ausgenommen worden. Er hat am Freitag an einer Sitzung des Agitationsverbandes der antisemitischen Partei theilgenommen und sich damit einverstanden erklärt, daß in Neustettin, wo

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