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Der Israelit · 1893-07-06 · Heft 54 (6.7.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 54 (6.7.1893)
Date
1893-07-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgaxg. Erste Beilage M M 54 -es „Israelit^. Leitende Artikel. Aus der antisemitischen Arena. □ Berlin, 4. Juli. Fünfzehn Abgeordnete, die zu derselben Partei sich bekennen, bilden allenthalben eine Fraktion. Bet den Antisemiten aber ist es anders. Da genügen fünfzehn Mandate keineswegs zur Fraktionsbildung, wie die „Staatsbürgerzeitung" sich von Dr. Böckel im „Reichsherold" sagen lassen muß. Als die erste Kunde von den antisemitischen Wahlerfolgen ihm durch den Telegraphen zugetragen wurde, setzte Dr. Bachler von der „Staatsbürgerzeitung" sich hin und schrieb flugs einen Leitartikel, in welchem er mit leuchtenden Farben die antisemitische Fraktion an die Wand malte und des Näheren ausführte, wie dieselbe nunmehr das Geschäft der Volksbeglückung aufs Wirksamste zu betreiben habe. In seines Herzens keuscher Einfalt hatte Dr. Bachler geglaubt, daß es möglich sein würde, fünfzehn oder gar siebenzehn Hauptantisemiten politisch und parlamentarisch unter einen Hut zu bringen. Diesen Zahn muß sich nun der antisemitische Zeitungsdoktor ziehen lassen, nachdem Böckel klipp und klar erklärt hat, daß die parlamentarischen Vertreter seiner „Partei" von einer Verschmelzung oder von einem politischen Handinhandgehen mit andern antisemitischen Abgeordneten Nichts wissen wollen. Das alte Sprüchwort: „So viel Köpfe, so viel Sinne" — trifft hier zu, nur muß es heißen: „So viel Köpfe, so viele besondere Formen des antisemitischen Unsinns." Die großen Wahlerfolge der Antisemiten erklären sich zum Theil dadurch, daß der Antisemitismus keine feststehende politische Form ist, sondern daß er je nach Ort, Zeit und Umständen der widersprechendsten Wandlungen fähig ist. Der Antisemitismus ist demagogisch Er wurzelt nicht in einer gefesteten politischen oder sozialen Überzeugung, wie dies bet anderen Parteien mehr oder weniger der Fall ist, sondern er richtet seine Anschauungen und Forderungen stets so ein, daß er damit bei der noch unaufgeklärten Menge Geschäfte machen kann. Besonders lehrreich ist die Haltung, welche Dr. Böckel und Liebermann v. Sonnenberg während der Wahlbewegung beobachteten. Bekanntlich hatte Böckel im aufgelösten Reichstage gegen die Militärvorlage gestimmt, da er damals behauptete, daß das deutsche Volk eine weitere Belastung weder in der Form der Blutsnoch in der der Gutssteuer zu ertragen vermöge. Mit dieser Parole war er auch in den Wahlkampf eingetreten. Nun gewann es aber mit einem Male den Anschein, als ob in seinem Wahlkreise die Stimmung nicht so durchweg gegen den Militarismus gerichtet sei. Die Regierungspresse und die Conservativen arbeiteten mit den bekannten Darstellungen, wonach die äußere Sicherheit des Reiches ernstlich bedroht sein sollte, und hier und da gewann es den Anschein, als ob diese Darlegungen auf ängstliche Gemüther doch einigen Eindruck gemacht hätten. Dem guten Dr. Böckel stand ein halbes Dutzend Candidaten gegenüber. Eine weitgehende Zersplitterung der Stimmen war zu befürchten — die Gefahr der Stichwahl rückte näher und näher. Da verfiel der Hess. Oberantisemitendistanzwettfahrer auf eine kühne Idee. Ihm kam es vor allen Dingen darauf an, Stimmen zu fangen, beziehungsweise zu verhüten, daß ihm Stimmen verloren gingen, alles Uebrige war ihm Nebensache. Er begann nunmehr auch mit den Anhängern der Militärvorlage zu rechnen, indem er seine bisherige Haltung schlankweg verleugnete und erklärte, er sei für di eMilitärvorlage unterderBoraussetzung, daß die Mehrkosten nur von den wohlhabenden Klaffen getragen würden. „Das Volk stellt die Soldaten, die besitzenden Klaffen die Geldmittel." So lautete das abgcänderte Schrboleth, mit dem er von nun ab die Wahlagitation betrieb. In Marburg aber, wo der Herr Doctor sich keineswegs eines besonderen Ansehens erfreut, heißt seit jenem Tage Meister Böckel nur noch: „Der Fahnenschwenke r", — weil er mit so großer Eleganz zu den Militärfrommen eingeschwenkt ist. Daß er in der Stichwahl doch noch gewählt wurde, wird ihn hoffentlich nicht übermüthig machen. Den elendesten demagogischen Kniffen hat er seine Wahl zu verdanken, sowie ferner dem Umstand, daß ein Theil seiner Wähler meinte: „Wenn wir ihn jetzt nicht wieder wählen, so blamiren wir uns ja, weil wir ihn früher gewählt haben." — Das ist freilich auch ein Standpunkt. Ganz ebenso gesinnungslos-demagogisch war die Agitation, welche Ltebermann von Sonnenberg zu Wahlzwecken betrieb. Zunächst trat er dem Bunde der Landwirthe bei, indem er selbst Gutsbesitzer zu sein erklärte. Er veröffentlichte ein Flugblatt, in welchem er die sämmtlichen Forderungen des Bundes der Landwirthe anerkannte, um sich die Stimmen aus diesen Kreisen zu sichern. Da nun

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