Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 54 (6.7.1893)
- Date
- 1893-07-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448367--36674-3519741- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
1030 Wenn es noch eines weiteren Beweises dafür bedarf, daß nicht die Juden und ihr Thun die Schuld an dem Anwachsen des Antisemitismus tragen, so liefert ihn ein Blick auf die sächsischen Reichstag-Wahlkreise, von denen die Antisemiten diesmal 6 eroberten. In Sachsen gibt es keinen „jüdischen Viehwucher," keine „jüdischen Güterschlächter" rc.; während die jüdischen Einwohner im Reiche über 1 % der Bevölkerung ausmachen, reduzirt sich in Sachsen ihre Zahl auf V^/o- Wenn die Antisemiten es dort dennoch auf 6 Mandate brachten, so beruht das einesthetls darauf, daß die Conservativen — ihre Vorgänger — ihnen trefflich vorgearbeitet hatten, so daß es für die Wähler von dem verschämten Antisemitismus der Friesen und Mehnert bis zu dem unverschämten der Zimmermann und Gräfe kein allzuweiter Schritt war. Wesentlicher aber ist der Umstand, daß die antisemitische Partei je mehr sie erstarkt, einsieht, daß sie von dem Kampfe gegen die „Verjudung" nicht zehren kann und deßhalb den Kampf gegen das Capital überhaupt eröffnet. Sie versteht es vortrefflich ihren zerstörenden Bestrebungen ein patriotisches und nationales Mäntelchen umzuhängen, und wird so zum Anziehungspunkt für alle wirtschaftlich Unzufriedenen, welche der Soctaltsmus durch seine antimonarchische und antireligiöse Spitze zurückstößt. — Diese Doppelnatur des Antisemitismus muß man in's Auge fassen, wenn man vom speciell jüdischen Standpunkte aus seine jüngst errungenen Erfolge richtig beurtheilen will. Mit diesen Zeilen möchten wir einer Ueberschätzung derselben entgegentreten, damit soll aber selbstverständlich nicht etwa gesagt sein, daß wir jetzt die Hände in den Schooß legen können. Im Gegentheil: Wir sind der Meinung, daß wir uns bisher in der Vertheidigung unserer bürgerlichen Rechte, in der Abwehr der wider uns erhobenen Beschuldigungen viel zu sehr auf die Thättgkeit unserer christlichen Freunde verlassen haben. Gewiß ist uns die Hilfe unserer hochgesinnten christlichen Mitbürger im Kampfe gegen den Antisemitismus überaus willkommen, aber in der Hauptsache müssen wir unsrer eignen Kraft vertrauen. Das ist bisher leider nur in sehr geringem Maße geschehen. Unter den jüdischen Anwälten, Aerzten, Kaufleuten u. s. w. sind gewiß eine große Anzahl, die bei allen möglichen Anlässen, in Vereinen, bei Hochzeiten rc. als hervorragende Redner glänzen, aber wie wenige von diesen haben es unternommen den antisemitischen Agitatoren öffentlich entgegenzutreten. Man sage nicht, daß eine Gegenrede von jüdischer Sette zwecklos sei; es handelt sich ja in diesen Fällen nicht um einen Austausch persönlicher Meinungen, sondern um die Widerlegung sachlicher Anschuldigungen, wie sie die Herren Antisemiten mit wenig Kenntniß und viel Frechheit in die Welt hinaus zu schleudern pflegen. Hat man erst einmal ein paar dieser Redner angehört und sich mit dem Material vertraut gemacht, so kann man, sofern man der Rede überhaupt mächtig ist, jedem dieser Hetzapostel ruhig entgegentreten, heiße er Böckel, Zimmeimaun oder wie immer, denn ihre Reden gleichen sich wie die Blätter am Baume. Also auf der einen Seite keine Furcht vor der antisemitischen ..Fraktion", auf der andern Seite kein Ausruhen bis zu den nächsten Wahlen, sondern Aufnehmen des Kampfes auf der ganzen Linie mit eigenen Kräften. N. L. Zeitungsnachrichten «nd Gorrefpoudeuzeu. Deutschland. Frz. Berlin, 3. Juli. Vergangene Woche wurde hier ein gewisser Ackermann, der sich als Rabbiner ausgibt, verhaftet. Am Versöhnuugsfest vergangenen Jahres entstand in der Nacht in einer von ihm geleiteten Privatsynagoge Feuer. Wie verlautet, steht Ackermann in Verdacht, der Brandstifter zu sein. Auch hat er von der Versicherungskaffe eine beträchtliche Summe für die verbrannten Thorarollen erhalten, welche er unterschlagen hat. Außerdem soll Ackermann falsche Zeugnisse auf seine Bettelfahrten in Schlesien von den Herren Rabb. Dr. Hildesheimer und Dr. Berliner vorgezeigt haben. F. J. Berlin, 3. Juli. (Warnung! — Ein Schwindler!) — Seit einiger Zeit treibt sich hier in Berlin ein russischer Schwindler umher, welcher angibt, ein Sohn des Petersburger Rabbiners Salomo n Landau, mithin ein Urenkel des weltberühmten „Nota bijehudah“ und zugleich der Schwiegersohn des weltbekannten Großhändlers S. Günzburg in Riga zu sein. Denjenigen wohlthätigen Glaubensgenossen, die er sich zu seinen Opfern auserkoren, erzählt er dann ein Märchen, daß er aus Rußland wegen eines gegen ihn eingeleitetep politischen Prozesses, in seine Hcimath zurückzukehren gedenke. Vor mir liegt ein Schreiben des Herrn S. Günzburg, Riga, welches derselbe in Beantwortung einer an ihn gerichteten Anfrage verfaßt hat. Dasselbe lautet: «Riga, 14./26. Juni 93. Herrn D. LexandrowiH, Berlin. Ihr Geehrtes vom 22. brachte mich in Bestürzung. Ich bin erstaunt und bestürzt darüber, daß sich in Berlin ein solcher Schwindler aufhält, dessen hochstablerisches Umhertreiben nur dazu angethan ist, das tExil des Judenthums zu verlängern. Ebensowenig, wie er ein Sohn des Rabh. Salomon Landau in Petersburg, ist er auch mein Schwiegersohn. Meines WiffenS lebt zwar in Harazow Gouv. Mohilew, ein Sohn des Petersburger Rabbiners. Jener