Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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443 diese Auszeichnung, die er anscheinend nicht verdient hätte, nur deßhalb erlangt, weil er doch einmal eine gottgefällige That ausgeübt hat. Der Allgerechte, der Niemandem seinen Lohn vorenthält, ließ ihm denselben schon auf Erden zu Theil werden, und zwar durch ein freudenreiches Leben und durch ein solch prachtvolles Leichenbegängniß, aber nur deßhalb, damit er dort im Jenseits auf Lohn keinen Anspruch mehr habe, und so von der ewigen Glückseligkeit ausgeschlossen bleibe. So schied er nun aus diesem Leben, baar aller Verdienste, und darum wird auch die Hölle als Strafe für sein lasterhaftes Leben sein Erbgut sein." „Könnte ich nicht erfahren, o Herr!" sprach der Träumende, „durch welchen Fehler mein Freund sich diese Strafe zugezogen, und durch welches Verdienst jener Böfewicht diese Auszeichnung erworben hat?" „Dein Freund", belehrte ihn das Traumgesicht, „hat sich des Vergehens schuldig gemacht, das Anlegen der Kopftefilin *) früher vorzunehmen, als das der Tefilin an der Hand. So unbedeutend dieser kleine Verstoß auch scheinen mag, so liegt doch hierin die Darlegung einer nicht ganz lobenswerthen Denkweise. Er hatte nämlich durch's Nachdenken, dargestellt durch die Thefilin am Kopf, dem Sitze des Denkvermögens, zuerst im Geiste die Gottheit erkennen und auffassen und dann erst zum thätigen gottesdienstlichen Wirken, dargestellt durch das Anlegen der Thefilin an der Hand, schreiten wollen. Allein das religiöse Leben darf nicht erst von der Forschung abhängig gemacht werden. Am Siuaiberge hat Israel zuerst gesprochen. „Wir wollen ausüben das Gesetz" und dann erst ausgerufen : „Wir wollen es verstehen und auffassen." Dem Sohne des Stadthauptmannes kam aber eine einzige tugendhafte Handlung zu Gute, wenn auch die Ausübung derselben gar nicht seine Absicht gewesen ist. Er ließ nämlich eines Tages alle Armen der Stadt an seiner reichbesetzten Tafel in seltener Freigiebigkeit theilnehmen. Dieses kam nämlich so: Er hatte dieses Gastmahl eigentlich für die Großen der Stadt bestimmt; als diese aber seiner Einladung nicht Folge geleistet hatten, da dachte er sich, bevor die Speisen verderben sollen, so mögen sich lieber die Armen daran erquicken. Als Lohn dafür, wurde ihm dieses prunkvolle Leichenbegängniß zu Theil." Nach dieser Erscheinung erwachte der Gelehrte und schlief wieder ein, und im gottseligen Traume sah er seinen verstorbenen Freund lustwandeln im Paradiese, mit freudestrahlendem Angesichte. Duftige Auen und Fluren, durchschlängelt von rauschenden Bächen, umrahmt von schattigen Bäumen und *) Gkbetriemen. eine von Myrthenduft durchwürzte Luft, kennzeichnete ihm eine wunderberrliche Landschaft als das zum höchsten Wonnegenusse einladende Paradies, und stellten ihm die himmlische Seligkeit seines dahingeschiedenen Freundes auf irdische Weise dar. Hierauf stellte sich ihm ein Traumbild entgegengesetzter Art dar. Er erblickte nämlich den Sohn des Stadthauptmannes in einem höchst beklagenswerthen Zustande, verzerrt und verunstaltet, gleich einem Schmachtenden und von quälendem Durst Gefolterten, lechzend nach einem frischen Labetrunk. Hierdurch wurde ihm wohl sinnbildlich dargestellt, wie die während ihrer Vereinigung mit dem Körper an das Fröhnen der Leidenschaften gewöhnte Seele, nun da ihr der Leib, der ihr die Mittel hiezu bot, fehlt, vergebens nach Befriedigung der au ihr noch haftenden Sucht nach irdischem Genüsse ringt. Der endlich durch diesen Traum besser belehrte Fromme erwachte nun und freudig fühlte er den ihn beengenden Geist des Zweifels an Gottes Allgerechtigkeit von sich weichen, und frei von jedem nagenden zerwühlenden Kummer, jauchzte seine Seele wieder froh auf. Das Walten Gottes. Daß Gott in seinem Wirken und Walten stets gerecht sei, dieses leuchtet nicht nur aus obiger Erzählung hervor, es stellt sich diese Wahrheit auch im Leben klar und deutlich heraus. Diese Lehre, sie ist ausgesprochen und begründet in der heiligen Schrift, und zwar mit den Worten des Psalmisten: Gott ist immerhin der Gerechtigkeit übende Weltenrichter, und soll stets als solcher anerkannt werden, wenn wir auch sehen, daß der Allmächtige so manchen Frommen seinen Zorn fühlen läßt. Allein nicht Zorn, nicht Ungerechtigkeit ist es, die sich bei diesen Anlässen kundgibt, sondern die liebende, wenn auch strafende Vaterhand. Ja Gott ist der wahre Weltenrichter, heißt es wieder, wenn er auch den Hochgestellten erniedrigt, und den Niedrigdenkenden zu hohen Würden kommen läßt. Darum, mein lieber Leser, solltest Dü es auch wahrnehmen, daß der Würdige zurückgesetzt und ihm die gebührende Achtung und Anerkennung nicht zu Theil wird, hingegen der Unwürdige im vollen Glanze sich erhebt, so soll dennoch kein Zweifel Dich beschleichen, so darf in Deinem Innern die irrige Behauptung nicht Platz greifen, als entspräche Gottes Walten nicht seiner Allgerechtigkeit. Nein, gerecht sind alle seine Wege. An diesem beseligenden Glauben halte fest, wenn auch die Ursache so mancher Ereignisse Dir verborgen ist und unterm Siegel der Unergründlichkeit als Geheimniß Deinem forschenden Geiste sich entzieht. Denn nur der Allweise kann es wissen.