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Der Israelit · 1892-03-17 · Heft 22 (17.3.1892) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 22 (17.3.1892)
Date
1892-03-17
Page
– (sequence 27)
Language
German
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442 Die beiden Gelehrten und der Sohn des Sladlhauplnmimes? (Eine Erzählung aus dem Talmud.) Die auf Bibelstellen gestützte Behauptung unserer Weisen, daß Gott in seiner Wnltung nur in Geradheit und Gerechtigkeit mit dem Menschen vorgeht, ist eine unumstößliche Wahrheit. Ja gerecht und redlich ist Gott in seinem Wirken, und wenn es uns auch anders scheint, so müssen wir das nur unserem kurzsichtigen Verstände zuschreiben und in Demuth uns beugen vor der erhabenen unergründeten und von uns nicht erfaßten Weisheit unseres Schöpfers und Schicksallenkers. Die Wahrheit dieser Behauptung finden wir in folgender Erzählung bekräftigt. „Wie schön, wie lieblich ist's, wenn Brüder, wenn Freunde friedlich mit einander leben". Es ist dieser Psalmspruch ein alter bewährter Satz, dessen Wahrheit jedes fühlende Menschenherz oft zu erfahren Gelegenheit hat. Von dieser Lehre durchdrungen, hatten auch einst zwei fromme Gelehrte ewige Freundschaft sich zugeschworen. So ward denn Freundschaft das innige Band, das fest aneinander sie kettete. Die Liebe zur Wissenschaft, zur Forschung in der heiligen Schrift, beseelte Beide zugleich, und so von gleichen erhabenen Gesinnungen erfüllt, steuerten sie gemeinschaftlich einem geistig erhabenen Ziele entgegen. Das Anstreben einer hohen geistigen Vollkommenheit war ihr ausschließliches Ideal. Nicht war es Ruhmsucht, die als Triebfeder ihrer Handlungen angesehen werden konnte. Nein, ihr Ziel war groß, edel und erhaben. Sie wollten durch eifriges Studium es so weit bringen, daß sie dereinst befähigt seien, erfolgreich auf die geistige Entwicklung ihrer Mitwelt einzuwirken. Da rief der unerbittliche Tod einem derselben ein gebieterisches Halt zu und weggerafft ward er von der Seite seines treuen Freundes. Welch' ein tiefes Weh, welch' bitterer Schmerz durchfurchte das trauernde Gemüth des zurückgebliebenen Freundes, der nun den bitteren Gedanken, seinen edlen Herzensfreund, seinen wackeren Lebensgefährten von seiner Seite weggerissen zu wissen, fast nicht ertragen konnte. Sein Kummer steigerte sich aber in noch höherem Grade, als er die Wahrnehmung machen mußte, baß Niemand sich um die Leiche des Tahingcschiedenen bekümmerte, daß man auch nicht *) Aus „Tugend und Sitlenlehre des Talmud" von Rabbiner Adolf Löwy, Wien, Selbstverlag. Tas Buch zeigt durch Wiedergabe anziehender talmudischer und midraschischer Erklärungen ein anschauliches Bild der erhabenen Tugend- und Sittenlehre des Talmud. die geringste Anstalt traf, den letzten Liebesdienst, die letzte Ehre ihm angedeihen zu lassen, r,ihn ^zur Erde zu bestatten und die gebührende Leichenrede über ihn zu halten. Alles eilte vielmehr zum prunkvollen Leichenbegängnisse, das zu Ehren ^des auch eben verstorbenen Sohnes des Stadthauptmannes veranstaltet wurde, aus welchem Anlasse alle Läden geschlossen und Handel und Gewerbe eingestellt wurden. Diese Auszeichnung geschah wohl nur aus Hochachtung gegen den Vater, nicht aber aus Achtung für den Charakter des Sohnes, den er durch sein lasterhaftes Leben verunehrt hatte. Durch den Umstand nun, daß der Lasterhafte dem Frommen vorgezogen wurde, fühlte sein Rechtsgefühl sich tief verletzt. Durch diese empörende Erscheinung auf's Aeußerste getrieben, fing nun sein Denken an, eine schiefe Richtung einzuschlagen. Seine Vernunft und gerade Denkungsweise wurde endlich von einer schrecklichen Zweifelsuchr umdüstert und vom bösen gottesleugnertschen Geiste erfaßt, ließ er sich zu dem lästernden Ausrufe hinreißen mit den Worten: „Zur Klarheit und Gewißheit ist es mir nun geworden, daß die Erwartung einer Belohnung für tugendhafte Handlungen ein leerer Wahn blos sei." So ward nun sein früher nur für Gott und Religion heißglühendes Herz den beseeligenden Glaubenswahrheiten auf einmal entfremdet. In diesem wirren Gemüthszustande schloß ein sanfter Schlummer seine matten Augenlider. Und siehe, ein seliger Traum umlächelte sein Angesicht und erheiterte es. „Gräme Dich nicht", ward ihm da zugerufen, „über das Dir ungerecht scheinende Verfahren Deines Schöpfers, trete bescheiden zurück vor seinem unerforschlichen Rathschlusse; denn wisse, nur auf Gerechtigkeit und Geradheit beruhen alle seine Wege. Dein Freund hat wohl einen Grad sittlicher Vollkommenheit erklommen und pünktlich die Satzungen Gottes erfüllt; aber gerade deßhalb, weil er durch seinen frommen Lebenswandel, der Liebling Gottes geworden, nahm er es mit ihm sehr genau, streng auf ein Haar. Es wurde ihm darum die Vernachlässigung eines geringfügigen Brauches, die er sich hat zu Schulden kommen lassen, so hoch angeschlagen, daß erbet seinem Lebensende, als Strafe dafür diese Geringschätzuug erleiden mußte, damit seine Seele makellos in's jenseitige Leben sich hinüberschwinge und rein und frei, von Schuld und Fehler, verklärt dort wieder erscheine. Der Sohn des Stadthauptmannes hat aber

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