Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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439 freudiger blickte, erfüllte heute tiefer Groll seine Brust. Leise, steife öffnete der Vater die Thüre und sein fragender Blick traf die Gattin, die stumm das Haupt schüttelte und thränenden Auges auf das Bett deutete. Behutsam trat der Commerzienrath näher und mit Schrecken gewahrte er die Veränderung im Gesichte seines Sohnes; da war wenig Hoffnung; mit eisernem Griffel hatte der Tod diesem Antlitz schon sein Zeichen aufgedrückt und die Hoffnung seines Lebens, sein Stolz, sein einziger Sohn, sollte ihm für immer entriffen werden. Erschüttert stand er da; der Schlag traf ihn zu hart und unvorbereitet. Konnte dann kein Arzt mehr helfen? Gestern erst hatte sein Hausarzt jede Gefahr in Abrede gestellt und aus Dank dafür war er in den Tempel gegangen und heute — Sofort sandte er einen Boten zum Arzte, einen anderen zu Professor K., der ersten ärztlichen Autorität in H. Die Aerzte mutzten ihn retten! So ein junger Körper erholt sich rasch wieder. Schon machte der Commerzienrath in Gedanken Pläne für den nächsten Sommer, da öffnete der Kranke die Augen und rief: „Mama!" Sofort eilte die Gerufene herbei. „Kann Onkel Max nicht einmal kommen, ich möchte ihn noch einmal sehen." Tie Mutter gab keine Antwort, sondern blickte fragend zu seinem Vater. Seit langen, langen Jahren war der Onkel nicht im Hause seines Bruders gewesen. Die extrem religiösen Richtungen, denen beide angehörten, machten jeden näheren Verkehr unmöglich und nur außerhalb des Hauses, wenn sie sich trafen, sprachen sich die Brüder. Auch Karl hatte seinen Onkel seit Jahren nicht gesehen; um so befremdender war jetzt sein Wunsch für die Eltern. Der Commerzienrath schickte sofort einen Diener zu seinem Bruder um diesem den Wunsch seines Neffen mitzutheilen und ihn zu bitten, denselben zu erfüllen. Als der Vater wieder in das Krankenzimmer zurückkam, rief ihn der Kranke an seine Seite. „Papa," begann er, „meine Zeit ist bald um und ich streife ein elendes Leben ab, das keinen je erfreute. Bald wird der Todesengel an mein Lager treten und mit meinem Leben meine Seele von mir fordern. Ich habe gelebt, wie Du mich erzogen und bin Dir stets ein gehorsamer Sohn gewesen. Doch jetzt, Vater, in der Stunde des Todes beschleicht mich Angst und Grauen und zaghafte Furcht vor der engen dunklen Pforte, welche Zeit und Ewigkeit von einander trennt, oder mit einander verbindet. Wie, wenn das, was man mich in Deinem Sinne gelehrt, falsch wäre? Wenn es mit der Todesstunde nicht zu Ende wäre, wenn jenseits des Grabes Jemand Rechenschaft von mir forderte, was könnte ich ihm erwiedern, wie mein kurzes that- und inhaltloses Leben rechtfertigen? Du schüttelst den Kopf. Du glaubst nicht an Gott, nicht an die Ewigkeit und hast auch mich nach diesem Glauben zu leben gelehrt, aber Vater, mein Glaube verläßt mich und bange Zweifel erfüllen mit Angst und Schrecken meine Seele." „Rege Dich nicht auf, mein Sohn," beruhigte ihn der Commerzienrath; „Du wirst genesen und kannst dann ja so fromm werden wie Du willst. Ich wollte ja nur Dein Bestes und habe nach meiner Ueberzeugung gehandelt." „Und ist Deine Ueberzeugung die richtige, Papa? Bist Du klüger als alle jene tausend bedeutenden Männer, die ein ganzes Leben lang nach der Wahrheit forschen und Deine Ueberzeugung als Irrlehre betrachten, bist Du weiser als jene Märtyrer, die für ihre Ueberzeugung den Tod erlitten? Ist Deine Ueberzeugung ebenso felsenfest wie die jener Glaubenstreuen, daß Du Dich Deiner Ueberzeugung opfern könntest? — — — Du schweigst? Du antwortest nicht freudig mit ja? Und in solch einem elenden, hoffnungs- und trostlosen Glauben hast Du Dein Kind, Deinen einzigen Sohn erzogen? Vater, Vater, Du hast großes Unrecht an mir begangen. Anstatt desIGlaubens lehrtest Du mich Zweifel. Was soll ich dem ewigen Richter antworten? Dein eigener Sohn wird Dein Ankläger werden-" Die Bewegung hatte den Kranken übermannt. Regungslos lag er mit geschloffenen Augen da und nur die Brust hob und senkte sich rasch. Wie vernichtet stand der Commerzienrath da. Die Anklagen seines Sohnes trafen ihn wie Keulenschläge und zerschmetterten sein stolzes Selbstbewußtsein. Still weinend saß die Mutter zu Füßen ihres Sohnes; ihr Herz wurde von den Anklagen ihres einzigen Kindes zerfleischt und bittere Reue überkam sie. Da wurde die Thüre geöffnet und Onkel Max trat ein. Er war ein großer Mann mit langem weißem Bart und hellen, blauen, freundlichen Augen, auf dessen durchgeistigtem Gesichte die Güte und das Wohlwollen thronten. Als er sah, daß er in ein Krankenzimmer trat, verlangsamte er seinen Schritt und näherte sich leise dem Lager. Wie erlöst blickte der Commerzienrath seinen Bruder an und deutete mit zitternder Hand auf das Bett, wo der Kranke immer noch regungslos lag. Als der Onkel das Gesicht seines Neffen erblickte, erschrack er. Er war vertraut mit diesen Gesichtern, denn die Chewra, deren Vorsteher er war, hatte als heilige Pflicht für ihre Mitglieder den Krankenbesuch festgesetzt und schon gar manchen Kranken hatte er den heiligen Namen Gottes zum letzten Male aussprechen hören. Er sah eine Beute des Todes vor sich liegen und bei ^diesem Anblick schwand all der Groll gegen den Bruder und in treuer Bruderliebe wollte er ihm beistehen bei dem herben Verluste, der ihn treffen sollte. Da öffnete der Kranke die Augen, und als er den Onkel erblickte, flog ein seliges Lächeln über seine Züge. Matt reichte er die magere Hand hin, und mit schwachem Drucke hieß er den Onkel willkommen. Dieser beugte sich über ihn und hauchte einen Kuß auf seine Stirne. Da zuckte der Kranke zusammen und mit seiner klaren Stimme sprach er: „Danke Dir, lieber Onkel, daß Du gekommen bist. Bleibe bei mir, bis es vorüber ist, denn — ich möchte als Jude sterben." „Der liebe Gott kann immer noch helfen," erwiederte der Onkel; „wenn wir recht innig zu ihm beten, wird er unser Gebet erhören." „Das Deinige vielleicht, mein Onkel, meines gewiß nicht. Kenne ich ihn denn und kennt er mich? Habe ich Seiner während meines ganzen Lebens gedacht oder eines Seiner Gebote erfüllt? Nein, Onkel ich habe schwer gesündigt und ein verfehltes Leben geführt; aber nicht aus frevlem Uebermuthe, nein, aus Leichtsinn, aus Unwissenheit. Ich habe Ihn nicht erkannt, nicht kennen gelernt, und, Onkel, mir bangt, vor seinem Richterstuhl zu erscheinen." „Er ist ein gnädiger und barmherziger Richter, nimmt mit Freuden den reuigen Sohn auf, der von dem falschen Wege abläßt und zu Ihm zurückkehrt." „So führe mich zu Ihm zurück, Onkel, daß Er barmherzig und gnädig sich mir erweise." Tief ergriffen stand der Onkel vor dem jungen Leben, welches seinen Beistand gefordert, um zu Ihm zurückzukehren, der es jetzt zu sich rief. „Sprich mir die Worte nach, die ich Dir in heiliger Sprache vorsage", sprach der Onkel. „Es ist unser Sündenbekenntniß und Gott wird Dich hören und Dir verzeihen." Thränenden Auges sprach der Onkel das Sündenbekenntniß und Wort für Wort wiederholte es der Kranke. Trotzig stand der Commerzienrath dabei; sein Herz schien verhärtet, sein Sinn ungebeugt. Zum zweiten Male sprach der Onkel die Widduj vor, mit leiserer Stimme sprach der Kranke sie nach. Er fühlte seine Kräfte schwinden. Roch einmal wollte er die Mutter sehen. Sie kam und warf sich weinend vor sein Lager. Schon begann der Athem ihm beschwerlich zu werden. Da