Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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438 In einem nach dem Garten hinaus gelegenen Zimmer der ersten Etage des palastähnlichen Hauses des Commerzienrathes lag der einzige Sohn desselben auf seinem Schmerzenslager. Der vierundzwanzigjährige junge Mann glich einem Skelett; tief lagen die Augen in ihren Höhlen und die weiße zarte Hand hatte kaum die Kraft mehr, die leichte Wolldecke, die ihn bedeckte, zu heben. Trotz der wahrhaft tropischen Hitze, die im Zimmer herrschte, fror der junge Mann beständig und von Zeit zu Zeit packte ihn ein Schüttelfrost und rüttelte ihn, daß die Gläser, welche auf dem Tische von Ebenholz neben dem Bette standen, laut klirrten. Dabei klang die Stimme des Kranken laut und kräftig, das Bewußtsein war klar und nur, wenn die Wirkung des Morphiums, das feine Schmerzen betäubte, nachlietz, wurde er aufgeregt, heftig, ungeduldig, während er es sonst fertig brachte zu leiden ohne zu klagen. Vor seinem Bette saß seine Mutter, die ihn im Verein mit einem alten Diener treu pflegte. Aus ihrem vergrämten Gesichte sprachen Milde und Güte, aber auch Leiden und Seelenkämpfe hatten ihre Spuren tief in ihr Antlitz eingegraben. Soeben hatte ein Schüttelfrost den Kranken wieder gepackt gehabt und malt schlug er das Auge zur Mutter auf und sprach: „Ach, Mutter, warum muß ich so leiden? Wäre cs nicht für mich und für Euch eine Wohlthat, wenn ich von meinem Leiden erlöst würde?" „Sprich nicht so verzweifelt, mein Karl," entgegnete thränenden ^Auges^jdie betrübte Mutter, „so lange Leben im Menschen ist, so lange darf und muß er hoffen; Du wirst genesen und das Leben noch genießen können. Du bist jung —" „Ach, Mutter," unterbrach sie Karl, „ich verzichte gerne aus jeden Genuß; wenn ich nur die Kraft meiner Jugend hätte und von meinen Schmerzen befreit wäre, ich wollte schon zufrieden sein." „Nur Geduld und die Hoffnung nicht sinken lassen. Aus Regen folgt Sonnenschein und der alte Gott lebt noch." „Der alte Gott! ha, ha, ha, laß das Papa nicht hören! Der will vom alten Gott nichts wissen." „Leider, leider! o möchte er wieder glauben —" „Glauben? An was? An die Märchen der Bibel? O, dazu ist Papa viel zu aufgeklärt." „Und darf der Aufgeklärte nicht glauben? Wenn das der Segen Eurer Aufklärung ist, daß sie Euch den Glauben, die Religion raubt, so thut ihr mir in Eurer Aufklärung leid. Euch fehlt das köstlichste, das edelste Gut der Menschheit." „Ist der Glaube, ist die Religion denn so etwas köstliches, Mutter?" „Ja, mein Karl, die Religion ist köftlicher'als alle Güter der Welt, unsere Lehre herrlicher als jede Wissenschaft. Sie ist ein Baum des^LebensLdenen, die an ihr festhalten." „Und warum halten wir nicht an ihr fest? Warum, o Mutter, habe ich keine Religion, ließet Ihr mich aufwachsen ohne mir dieses herrliche Gilt zu eigen zu geben? Wenn es einen Gott gibt, warum lernte ich ihn nicht kennen, warum blieb mir diese Lehre, die Du einen Baum des Lebens nennest, fremd? O, Mutter, wie schal, wie öde, wie leer, wie arm ist das Herz Deines Sohnes, wie unbefriedigt sein Geist, der gelehrt wurde, alles in der Welt als Ursache und Wirkung anzusehen. Wie kann Hoffnung mich aufrichten, Hoffnung auf Genesung, da ich meinen Körper nur als Maschine kenne, deren Gang durch das Versagen eines Organs gestört wird, die nach unerschütterlichen Naturgesetzen arbeiten und zu Grunde gehen muß! Wo ist der Arzt, der diese Gesetze aufheben kann, auf dessen mächtiges Gebot hin sich der zerfallende Organismus aufs neue belebt? Ich kenne ihn nicht, lernte ihn nicht kennen und darum erfaßt oft wilde Verzweiflung meine Brust; wie giftige Nattern schleichen sich böse Gedanken in mein Herz und raunen mir zu: Mach ein Ende. Mach ein Ende diesem schmerzensreichen, traurigen hoffnungslosen Leben, das Dir nur zur Last ist, Deinen Eltern nur Kummer und Sorge bereitet! Und, Mutter, es bedarf meiner ganzen Willenskraft, diesen Einflüsterungen nicht Folge zu leisten." „Halte ein, mein Karl", rief die entsetzte Mutter, „o wie zerfleischen Deine Worte mein Herz, welche Reue beschleicht mich ob meiner unnatürlichen Schwäche, mit der ich Deine Erziehung, die Erziehung meines einzigen Sohnes fremden, bezahlten Leuten überließ! Ich wähnte, meine Schuldigkeit gethan zu haben, wenn ich diese Erzieher freigebig belohnte und war glücklich, wenn Deine Fortschritte in den Wissenschaften Deine Lehrer befriedigten. Ach, eitlen Tand und Flitterschein lehrten sie Dich sammeln, die Perle des wahren Werthes unseres Lebens verbargen sie Dir. Doch noch ist es nicht zu spät; ich will Deinem Vater trotzen; von meinen Lippen sollst Du die Lehren der Religion vernehmen, unter meiner Führung ihre Gebote üben, wenn Du wieder gesund bist. Du sollst glauben lernen, mein Karl, und die Gebote unserer hl. Religion noch erfüllen bis ins späteste Alter." „Zu spät, Mutter, zu spät", hauchte derKranke, indem ihn der Frost wieder schüttelte. „O, wie kalt ist es hier, wie kalt!" Die Mutter hüllte ihren Sohn in noch wärmere Decken ein und sprach mit bebender Stimme: „Es ist nicht zu spät mein Karl; Gott wird Dich "genesen lassen und auch das Herz Deines Vaters wird er wieder auf den rechten Weg leiten, daß er Dir ein wahrer Führer sein kann." Der Sohn lächelte über den frommen Glauben der Mutter. Er kannte seinen Vater besser; wer sich, wie sein Vater so weit vom positiven Judenthum entfernt hat, für den gibt es keine Umkehr. Er wußte, daß sein Vater jeder Religion fern stand und war deßhalb nicht wenig erstaunt, als er hörte, daß sein Vater am Versöhnungstage im Tempel gewesen sei. Das war das erste Mal wieder seit jenem Tage, da er selbst zum ersten und!einzigen Male jene ihm unverständliche Segensformel im Angesichte der Gemeinde über die Thora gesprochen. Jene Ceremonie war ihm unverständlich geblieben, unverständlich die ganze Bedeutung des Tages. Ja, so lange die Kraft der Jugend in ihm lebte, hatte er nie das Bedürfniß gefühlt, sich in Beziehung zu seinem Gotte zu setzen. Gedankenlos hatte er dahingelebt, nur dem Genüsse fröhnend. Als aber jene Kraft schwand und er auf seinem Schmerzenslager Zeit zur Ueberlegung und zum Nachdenken fand, als er immer elender wurde und trotz seiner Jugend schon an das Ende denken mußte, da erkannte er die Leere in seinem Leben, da quälten ihn die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit, und mit Schrecken erkannte er, daß eine verfehlte Jugend dem Grabe entgegen ging. Wie fürchtete er jene dunkle Pforte! Wie bangte ihm vor jenem Schritte in das Jenseits! Und keinen Trost konnteer finden, keinen. Mit welcher Bitterkeit gedachte er seiner Eltern, die ihn also erzogen, daß er die Wohlthat des Glaubens, das Glück der Hoffnung auf ein Jenseits am Rande des Grabes entbehren mußte! Hatten seine Eltern ein Recht dazu, ihn dieses Glückes zu berauben? Haben sie nicht pflichtvergessen und gewissenlos am eigenen Kinde gehandelt? Mochte Gott es ihnen verzeihen, er konnte es nicht! Und er selbst? Hatte er, als er selbst die Verantwortung für sein Thun und Lassen übernommen, den Fehler verbessert, was jene versäumt, nachgeholt? Wie hätte er dieses können! Hätte er die Zeit auch dazu gefunden, so hätte man ihn ausgelacht, und sein Vater — Die Schritte seines Vater näherten sich; o, er erkannte diesen raschen elastischen Schritt wohl und während sonst bei dessen Annäherung sein Herz hoher schlug, sein Auge