Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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440 faßte er die Hand der Mutter und zog sie leise an sich und als ihr Haupt seinem Munde nahe war, sprach er: „Leb' wohl, Mutter; ich fühl's, es geht zu Ende. Ich danke Dir — für alle Liebe und Güte — die Du mir erwiesen. Ich hoffe auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit — leb — wohl!" Wer vermöchte ben Schmerz zu schildern, den die Mutter bei diesen Worten empfand; sie glitt vor dem Bette ihres Sohnes nieder und in inbrünstigem Gebete wandte sie sich zu Gott. Immer schwerer wurde der Athem des Kranken, immer mehr leuchteten seine Züge; der Onkel recitirte die Sterbepsalmen, eine heilige Stimmung hatte alle erfaßt. Da schlug die Uhr des nahen Thurmes. Leise zählte der Kranke die Schläge und sprach: „So spät schon?" Der Vater stand mit abgewendetem Gesichte am Sterbelager seines Sohnes. In seiner Brust kämpften die Liebe zu seinem Kinde, der Schmerz um dessen Verlust, der Trotz einen begangenen Fehler einzugestehen, einen schweren Kampf. Warum konnte er seinem sterbenden Kinde nicht Trost und Hoffnung auf jene Reise mitgeben von der Niemand zurückkehrt? Warum mutzte sein Bruder erscheinen, um der verzweifelten Seele die Ruhe des Todes zu geben? War nicht sein Platz bei seinem Sohne? Aber hatte er sich nicht dieses Rechtes beraubt, hatte er nicht selbst seinem Kinde die Hoffnung auf ein Jenseits genommen? Hatte er seine väterliche Pflicht erfüllt? Wenn er sich nun geirrt hätte, wenn das, was sein Verstand nicht faffen konnte, doch wahr, der Glaube, in dem er erzogen, doch der rechte wäre? Was sollte er, wenn seine Stunde einst gekommen sein wird, auf die Frage des Weltenrichters antworten? Hatte er seine väterliche Pflicht an seinem Sohne erfüllt? Rein und tausendmal nein. Vielleicht nimmt ihm Gott deßhalb den einzigen Sohn! Aber, es ist ja noch nicht zu spät, der Sohn lebt ja noch und Gott kann zu jeder Zeit Hilfe senden! Ja, Gott kann es wohl, wird Er es aber auch? Hat er nicht Jahre lang seines Gottes vergessen? War er nicht ein Wortbrüchiger? Hatte er nicht in die Hand seines Vaters einst Treue gelobt, Treue der Religion Israels? Und wie rasch hatte er diese Treue gebrochen. — Immer schwerer bedrückte seine Schuld sein Gewiffen; sein vorher stolz erhobenes Haupt sank auf die Brust, und als jetzt der Sterbende mit brechender Stimme fragte: „Vater, was soll ich vor Gottes heiligem Richterstuhle sagen? Gib mir eine Antwort mit!" — Da stürzte der stolze Mann auf die Kniee, seine Faust schlug an seine Brust und mit vor Schluchzen erstickter Stimme begann er: Osebamti, bogadti, gosalti und Wort für Wort sprach der Sohn das nach, was der Vater ihm unter den Thränen der Reue und des grenzenlosen Schmerzes vorsagte. Als er geendet, da leuchtete sein Antlitz wie verklärt. Der Onkel trat näher. Die Sekunde war gekommen, da die Seele sich vom Körper losriß, um zum Allvaters zurückzukehren. Schma jisroel, tönte es von seinen bebenden Lippen. Laut und deutlich sprach der Sterbende die Worte nach, und mit dem letzten entfloh das Leben, der letzte Seufzer war eine Heiligung des Gottes, den der Verstorbene im Leben nicht gekannt. Eine heilige Stille erfüllte das Gemach; nur das trostlose Schluchzen der armen Eltern, denen der Tod soeben den einzigen Sohn entriffen, unterbrach diese Stille. Da kam der Arzt; er trat an das Lager. Ein Blick zeigte ihm, was geschehen. Die Mutter sprang auf. Sie konnte an das Geschehene nicht glauben. Soeben noch hatte ihr Kind gesprochen und jetzt, jetzt sollte es todt sein, todt für immer. So hart konnte Gott sie doch nicht strafen. Sie warf sich vor dem Arzte nieder. „Retten Sie mein Kind!" flehte sie, aber traurig, entgegnete der Arzt: „Da ist keine Rettung mehr möglich; es ist vorüber." Der Arzt hatte das Zimmer verlassen; weinend lagen die Eltern am Bette des Sohnes, den sie soeben verloren hatten. Da trat Onkel Max an den Toten heran; mit bebenden Lippen begann er das Glaubensbekenntnis! zu recitiren. Als er die Schlußstrophe beendet, als das me8im jechajeh el b’rof chasdau verklungen war, trat er zu dem Bruder heran. Seinen Worten gelang es, die Verzweiflung von dem Herzen der Eltern fern zu halten und wie Balsam milderten die Worte der Religion den furchtbaren Schmerz. Innig umschlungen hielt er seinen Bruder lange Zeit. — Das Begräbniß war vorüber; das nahende Fest hatte die Trauertage abgekürzt. Der Commerzienrath war nicht wiederzuerkennen; der harte Schlag hatte ihn vollständig verwandelt. An der Hand des Bruders erschien er in der Synagoge; unter seiner Leitung wurde er ein anderer. Und als am nächsten Versohnungstage der Ruf „der Ewige ist unser Gott" aus tausend gläubigen Lippen gen Himmel stieg, da standen die beiden Brüder einträchtig vor ihrem Gotte, und während der Commerzienrath das Wort „Tekioh" rief, schmetterte ein Schofarton, von seinem Bruder geblasen, der andächtigen Gemeinde die Botschaft der Versöhnung zu. Auf dem Wege nach Hause gedachte der Commerzienrath seines Sohnes. „Was wird er auf die Frage des ewigen Richters geantwortet haben?" fragte er bange seinen Bruder. Doch dieser erwiederte: „Sei getrost. Zur Umkehr ist es nie zu spät. O, möchten alle jüdischen Eltern, welche die religiöse Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen, daran denken, daß ihre Kinder die Frage an sie richten werden: „Was soll ich antworten?" Wer so gelitten wie Du, wer so aufrichtig umgekehrt wie Du, dem braucht nicht zu bangen, wenn der ewige Richter einst Rechenschaft verlangt. Du hast gefehlt, aber Du hast Deine Fehler schwer gebüßt." „Und doch bangt mir vor der Frage des Richters der Welt." — Sie hatten das Haus des Commerzienrathes erreicht. Schon an der Thüre trat ihnen die Frau desselben entgegen und empfing sie mit stiller Wehmuth. Stille verlief das Mahl, und als der Commerzienrath nach beendetem Mahle noch in den Hof ging, um an der zu errichtenden Sukkoh noch eine Kleinigkeit zu arbeiten, da hallte ihm ein Seufzer nach und den Lippen der traurigen Mutter entflohen die Worte: „Mein Sohn, mein armer Sohn." Jahre sind seitdem vergangen. Das Haus des Geheimen Commerzienrathes ist eine Freistatt geworden für alle Unglücklichen. Im Sterbegemach des Sohnes pflegen die Brüder alltäglich im Verein mit gelehrten Männern des Studiums der Thora und der Commerzienrath ist glücklich, als gesetzestreuer Jude leben und — einst sterben zu können.