Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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für das BrthodM MuderrthumÄ hCWVAO 5 ES<5- 17. März 1893.] IRr 1. HI ..Mas soll ich antworten?" non H. Berger. Der Versöhnungstag war vorüber. Entgegen dem Gebrauch der letzten Jahre hatte der Herr Commerzienrath M. in H. seinem Gotte in diesem Jahre am Versöhnungstage eine Staatsvisite in dem Tempel gemacht und dieses Ereigniß bildete das Tagesgespräch der Tempelgemeinde in H. Freilich durfte man nicht erwarten, daß der Herr Commerzienrath zu Fuß erscheinen würde, das wäre ja höchst plebejisch gewesen, wie der ärmste Schnorrer in den Tempel zu gehen — nein, mit seinem prachtvollen Zweigespann fuhr er an der Tempelpforte vor und stieg, unbekümmert um die ob solchen Frevels erstaunten Blicke der Umstehenden die Marmortreppe hinan, welche in den Tempel führte. Der ihn begleitende Diener öffnete die Thüren des Gotteshauses vor ihm und auch hier, in dem totenstillen Raume rief sein Erscheinen eine gewisse Bewegung hervor. Neugierige, verwunderte Blicke trafen den im Tempel Fremden und für einige Minuten schien Leben in die „stillen Beter" gekommen zu sein, aber dieses Leben erlosch sofort wieder unter dem strengen Regiment des anwesenden Polizisten und apathisch und gelangweilt saßen die Besucher des Tempels da, die nichts von dem verstanden, was der Vorbeter vortrug und selbst die Gebete nicht lesen konnten, welche das dünnleibige Gebetbuch des Tempels für diesen heiligsten Tag in hebräischer Sprache enthielt. Sie ergötzten sich an dem herrlichen Orgel- (Alle Rechte Vorbehalten.) Oberrabbiner Hirsch von Hamburg. ,4 ''’.'S!• spiel des Organisten, an den Vorträgen des vorzüglich geschulten Tempelchores, dessen Solisten Mitglieder der Oper waren, sowie an der^ schönen Baritonstimme des'jVorbeters, hörten mit wenig Interesse die philosophische Predigt des Rabbiners an und empfanden nicht mehr und nicht weniger vom Ernste und der Heiligkeit des Tages, als ob sie den Vorträgen in einem Kirchenconcerte lauschten. Von einer wahren Andacht und persönlichen Betheiligung des Einzelnen am Gottesdienste war keine Rede im Tempel und der Herr Commerzienrath, der als Knabe mit seinem Vater einem anderen Gottesdienst in der Synagoge beigewohnt hatte, der als Knabe gesehen, wie Alt und Jung, Groß und Klein sich weinend vor dem Allmächtigen niederwarfen und dessen Verzeihung erfleht hatten — hatte nur den Kopf verächtlich geschüttelt und sich nach einer halben Stunde wieder entfernt. Was mochte den Stolzen nach Jahren wieder einmal zu seinem Gotte getrieben, was ihn so rasch wieder aus dem Tempel entfernt haben? Vergeblich suchten die Gemeindemitglieder nach einem Grunde; das Haus des Commerzienraths war stille wie das Grab, die Dienerschaft verschwiegen, treu und ergeben, und er selbst! Wer hätte es gewagt, den Stolzen zu befragen! — So blieben nur Muthmatzungen übrig, und diese Muthmatzungen kamen der Wahrheit ziemlich nahe.