Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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XXXU1. Jahrgang Erstr Beilage zu M 22 des „Israelit". leitender Artikel. Möglich oder unmöglich? Zu Paraschath Parah. Von Rabb. vr. H. Sänger. Wir haben einen strengen Winter hinter uns. Wer die starre, unbewegliche Eismasse. welche manche Flüsse gefesselt hielt, betrachtete, den überkam unwillkürlich das Gefühl, als ob es unmöglich wäre, daß ein Sonnenstrahl und wäre er noch so glühend, gegen diese starre Kälte ankommen könnte, obwohl wir doch recht gut wissen, wie leicht und rasch ein warmer Lufthauch auch die dichteste Eismasse löst und schmilzt. Wir haben eben dieses Gefühl nur beim Anblicke der kalten, starren Masse im Winter, wo wir selbst uns kaum vor dem Einflüsse der Kälte schützen können. Ganz ähnlich war einst das Gefühl unseres Volkes in Egypten, daß die Bande der Knechtschaft niemals gelöst, seine Sclavenketten niemals gebrochen würden. Aehnlich hat uns in der tausendjährigen Verbannung das Gefühl überkommen, als könnte es niemals anders und besser kommen. Und doch wissen wir, daß unser Volk aus egyptischer Knechtschaft befreit wurde. Dieses Gefühl ist erklärlich, aber es für Wahrheit halten, unsere Befreiung aus dem für undenkbar, für unmöglich zu erklären, Gottes Verheißung discretitiren zu wollen, ist nicht blos eine thörichte Schwäche, nicht blos Muthlosigkeit, sondern eine Entweihung des göttlichen Namens. Gerade die Geschichte unseres Volkes, die uns so viel Ueberraschendes bietet, sollte uns vor solchen Gefühlen und den daraus sich entwickelnden, sogenannten vernünftigen Schlüssen, die sich ja doch so häufig als irrig, als ganz falsch erweisen, bewahren; sollte es zum klaren Bewußtsein bringen, daß nicht der Menschen Gedanken, nicht der Menschen Wille maßgebend und unsere Geschicke bestimmend gestalten; daß wir bewußt und unbewußt nur Gottes Absichten erfüllen müssen, bewußt und unbewußt die Weltgeschichte, wie sie Gott geschrieben haben will, machen. Er dictirt der Menschheit die Gesetze und in der Beobachtung derselben, wie im Auflehnen gegen dieselben, werden sie von den Menschen erfüllt. Da glaubt Mancher, einem göttlichen Gesetze sich entziehen zu können, und erfüllt dadurch gerade ein anderes ihm verborgenes Gottesgesetz, eine ihm verborgene göttliche Absicht, macht sich, ohne es zu wollen, zum Boten und Vollstrecker des göttlichen Willens. Darum können Gottes Gesetze uns nicht alle verständlich sein, ist nicht das bloße Vernunftgesetz, wie es heute so vielfach von den Menschen als allein berechtigt erklärt wird, maßgebend und ausreichend, keinesfalls maßgebend und genügend für ein Gottesgesetz. Ueber der menschlichen Vernunft steht eben Gottes Weisheit, Gottes Plan und Absicht. Mit Seinen oft unerklärlichen Gesetzen verbindet Gott bestimmte Absichten, hat Er bestimmte Ziele und Zwecke im Auge, die uns aber verborgen blciben sollen. Ein solches eigenartige, göttliche Gesetz wird uns am ms 'd mp vorgelesen. Der Zweck des Gesetzes ist der deutlich ausgesprochene, die verlorene Reinheit wieder herzustellen. Ungeachtet dieses Zweckes bleibt die ganze Vorschrift über ms non« uns räthselhaft. Vorgelesen wird uns dieses Gesetz in der Absicht, damit wir uns vordereren sollen, das Befreiungsfest in Reinheit begehen zu können. Anknüpfend an dieses eigenthümliche, in seiner wesentlichen Bedeutung uns dunkle Gesetz; anknüpfend an die durch Reinheit erlangte und zu erhaltende Befreiung, führt uns die moen eine durch den Propheten Jecheskel an Israel ergehende göttliche Weissagung vor, die sich auf dessen Zukunft, auf die einstige Erlösung bezieht. „Weil Israel, als es noch im eigenen Lande wohnte, dieses durch seinen Wandel und seine Handlungen verunreinigt, habe Ich, spricht Gott, es auch nach seinem Wandel und nach seinen Handlungen gerichtet, es versprengt unter die Völker, es zerstreut in die Länder. Aber dort entheiligte und entweihte es meinen heiligen Namen, so daß die Völker sprachen: Das ist das Gottesvolk und aus seinem Lande sind sie ausgezogen! Da erbarmte Ich mich meines heiligen Namens, den das Haus Israel dort unter den Völkern entweiht hat." Die Zerstreuung unseres Volkes ist eine geschichtliche Thatsache. Und eine nicht wegzuleugnende Thatsache ist es, daß Gott unserem Volke mit dieser Zerstreuung schon ein Jahrtausend vorher gedroht; nicht wegzuleugnen wird es sein, daß Gott auch die Zerstreuung über unser Volk verhängt hat. Was man heute aber vielfach zu behaupten sucht, ist, daß Israel keine Zukunft mehr habe, daß es für alle Zeiten aufgehört, eine Nation unter den Nationen zu bilden, daß eine Wiedereinsetzung als Volk in sein früheres Land, eine Befreiung aus seiner untergeordneten Stellung unter den Nationen, die in gar vielen Fällen uns Juden als Fremde betrachten, eine Ausnahmsstellung uns