Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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424 Während sich diese schöne Scene im Keller des Hauses abspielte, qingen in den Stockwerken desselben ganz andere Dinge vor. Während die Menge theils noch dem Trünke fröhnte, theils sich der Freude des Zerstörens hingab, hatte Kolascheff sich überlegt, wo die Gesuchten sich verborgen halten könnten. Er kam auf den Gedanken, daß vielleicht auf dem Speicher oder in dem Keller ein Gewölbe in die Wand eingemauert sei, das sonst wohl zur Aufbewahrung von Kostbarkeiten dienen sollte, da die Juden, deren Eigenthumsrecht in Rußland nicht allzusehr gesichert ist. oftmals auf solche Weise ihr Geld verbergen. Nachdem er auf dcm Speicher Nichts gefunden, begab er sich in den Keller, und war nicht wenig erstaunt, als er die Thüre, die früher offen gewesen, nun verschlossen fand; mit einem einzigen Riß seiner kräftigen Arme, sprengte er das in dem morschen Holz hängende Schloß ab, riß die Thüre auf, und dann erfüllte er die Luft mit einem wiehernden Triumphgeheul, als er des Hauseigenthümers und seiner Gattin ansichtig wurde. Mit einem schnellen Blicke überschaute er die Sachlage und bemerkte sofort, daß es nur der ausgeflossene Wein und Branntwein gewesen sein konnte, der die Juden aus ihrem Verstecke getrieben. „Ihr schlauen Hebräer!" rief er fröhlich lachend, und rieb sich die Hände vor Vergnügen, „nicht wahr, russische Kraft versteht Eure List zu bemeistern!" Auf seinen Wink erfaßten seine Spießgesellen die zitternden Juden und schleppten sie in das obere Stockwerk empor. Es war für Kolascheff zweifellos, daß auch das so viel gesuchte Mädchen sich hier unten befinden müsse und er stieg mit einigen seiner Leuten, nachdem sie wiederum Magnesium entzündet hatten, in die nassen Kellerräume hinab. Als der Polizeispion an dem altern Bauer vorbeiging, erwachte dieser auf einen Augenblick aus seiner Betäubung und suchte den Vorübereilenden am Beine fest zu halten. Kolascheff aber gab ihm einen Fußtritt, daß er die Treppe wieder hinabstürzte und in die ausgelaufenen Spirituosen gerieth, wo er nach kurzer Zeit umkam. Der Polizeispion watete in dem ganzen Keller umher, ließ jedes Holzgestell und jede Stelle, die noch trocken geblieben, erleuchten, doch so viel er sich auch umsah, die Gesuchte fand er nicht. Er ließ auch alle übrigen Fässer öffnen, weil er hoffte, daß die Flüssigkeit das Versteck der Jungfrau noch nicht erreicht hätte und sie durch einen stärkeren Schwall herausgetrieben würde; indessen es war Alles vergeblich. Wüthend eilte Kolascheff zum ersten Stockwerke empor, wohin Alexet und Tanas gebracht worden waren. „Wo ist deine Tochter, Jude?" schrie er Alexet mit fürchterlicher Stimme an. „Ich weiß es nicht, Herr!" entgegnete Jener. „Reißt ihm die Kleider vom Leibe und peitscht ihn bis er gesteht" befahl Kolascheff, entriß einem Kosaken seine Pferdeknute und übergab sie einem seiner Mannschaften. Mit freudigem Geheul stürzten sich die Leute auf den alten Mann, um den Befehl ihres Führers zu befolgen. Da riß sich Tanas, in höchster Angst, von den Männern los, die sie festhielten, und stürzte sich zu Kolascheffs Füßen. „Nur das nicht, gnädigster Herr!" schrie sie, „thut meinem Manne Nichts, meinem geliebten, armen Manne, ich will ja gern Alles gestehen!" (Fortsetzung folgt.) Der „JSraelit" erscheint wöchentlich zweimal» MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindcstcnZ zwei Bogen. Preis deö Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland' 16 Reichs-Mark. Man abonnirt gainjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch Len Buchhandel ftt bestehen bei E. $. Klrinacker, Fripstg, Noßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigcspaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Dirccte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Hagadah schel Peßach (Fortsetzung). — Zur Frage der jüd. Ansiedelungen in Argentinien. Bon Dr. S. Papilsky in Posen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Breslau. Leipzig. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Günstling des Czaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phi!. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Möglich oder unmöglich? Zu Paraschath Parah. Von Rabbiner Dr. H. Sänger. Inhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Ein ossizieller Bericht über die russ. Judenaustreibungen. Inhalt der Belletr. Beilage: „Was soll ich antworten?" von H. Berger. — Die beiden Gelehrten und der Sohn des Stadthauptmannes. — Vermischtes. — Illustrationen. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.