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Der Israelit · 1892-03-17 · Heft 22 (17.3.1892) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 22 (17.3.1892)
Date
1892-03-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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428 „Es geschieht ihnen recht!" sagte Tanas in glühendem Zorne, „oh, wenn sie doch Alle in ihrem selbstgeschaffenen Elend verkommen möchten, alle unsere Feinde, wie diese hier." „Sprich' nicht so, Tanas, auch laß' uns nicht so empfinden und denken, was können diese Armen dafür, daß sie aus einer so niedrigen Geistesstufe stehen, daß sie sich als willenlose Werkzeuge gebrauchen lassen. Leider fürcht' ich indessen, daß Dein vorheriges Wort an vielen Russen in Erfüllung gehen wird. Indem sie die Juden vernichten, zerstören sie sich selbst und die Lage des russischen Reiches wird es in wenigen Jahren kund thun, wohin solche Unthaten, an friedlichen Bürgern ausgeführt, bringen werden. Die großen Ländereien, die Juden als Pächter bebauten, werden brach liegen, und auch die meisten russischen Kleinbauern werden in wenigen Jahren nicht mehr im Besitz auch nur der allernothwendigsten Aussaat sein, die sie zur Bestellung ihrer Felder gebrauchen, denn der Jude war es, der ihnen das Getreide zu hohem Preise abkaufte und ihnen im Frühjahr das Geld vorstreckte, das sie zur Aussaat gebrauchten. Nun werden sie weder ihr Getreide verkaufen, noch Vorschüsse erhalten können. Der Nothstand unter den russischen Bauern wird immer größer werden und tritt ein einzigesmal eine schlechte Ernte ein, so wird die Hungersnoth allgemein werden und wo sie ist, Tod und Verderben bringen. Wehe über das unglückliche, mißleitete Volk, das Diejenigen zu Grunde richten, die berufen sind, es zu fördern, zu heben und ihm zu nützen." „Es ist mir so schrecklich kalt in den nassen Kleidern", entgegnete Tanas. Sie erschauderte und klapperte mit den Zähnen. Ein heftiger Hustenreiz stellte sich ein, den sie unterdrückte, um kein Geräuch zu verursachen. Haß und Wuth tobten in ihr. „Was liegt mir an den verfluchten, hündischen Russen?" brach sie endlich mit flüsternder Stimme los. „Gott verdamme sie und verderbe sie und schicke ihnen die Pest und den Skorbut und den Hunger und den Typhus. Wenn sie doch alle gehenkt werden möchten, die Reschoim*), wie Haman, der Roscho." Alexei bemühte sich nicht weiter, den Seelenirrthum seiner Gattin zu corrigiren; er wußte zu wohl zu würdigen, was in diesem leidenden, armen, von Kälte, Angst und Todesfurcht so schwer gequälten Weibe vorging, als daß er ihr diesen wenig edlen Wunsch hätte übel nehmen mögen. Er geleitete sie die Kellertreppe hinauf bis vor die Eingangsthüre, hieß sie sich dort niedersetzen, schlich dann leise hinaus, zog den von außen steckenden *) Die Bösewichte. Schlüssel aus dem Schlosse, trat wieder auf die Treppe und verschloß die Kellertreppe von innen, dann stieg er wieder die Stufen hinab. „Wohin gehst Du?" frug Tanas erregt, als sie das Beginnen ihres Gatten wahrnahm, „dort unten lauert Tod und Verderben, bleibe bei mir, sonst vergehe ich vor Angst." „Ich kehre sogleich zurück", rief ihr der Gatte leise zu. Mit staunendem Blick betrachtete Frau Horwitz, was ihr Mann nun vornahm. Der Inhalt der Fässer hatte sich schon zum größten Theil über den Boden ergossen, und die beiden Bauern vermochten kaum noch zu athmen. Alexei erfaßte den Oberkörper des älteren Mannes, richtete denselben empor und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, sodann ergriff er den Jüngeren bei den Armen und zog ihn mit sich fort, bis zu den unteren Stufen der Kellertreppe; hier ließ er ihn liegen, denn hier konnte ihn die Fluth nicht mehr erreichen. Dann kehrte der Jude zu dem Alten zurück und that ihm deßgleichen. Tanas konnte seine Handlungsweise nicht begreifen. „Was hast Du hier gethan?" frug sie. Alexet lächelte verlegen. „Zwei Menschenleben gerettet", sagte er ruhig. „Menschen? Sind das Menschen?" fragte sie. „Sie wurden erschaffen im Ebenbilde Gottes, und was sie geworden sind, ist nicht ihre Schuld", entgegnete er. „Sie haben uns beraubt, sie haben uns geplündert, sie würden uns tödten, wenn sie die Macht dazu hätten!" sprach Frau Horwitz vorwurfsvoll. „Und meinst Du, daß cs deßhalb eine Sünde ist, ihnen, soweit es bei uns steht, hilfreich zu sein und das Leben dieser Bewußtlosen zu retten?" entgegnete er. Da dämmerte es auf in der Brust der Frau und sie fing an zu würdigen, was ihr Gatte gethan. „Mein Sascha!" rief sie schluchzend und fiel ihm um den Hals, „Du guter, edler, Du herrlicher Mensch!" Alexei küßte sein Weib auf die Stirne und bat sie, sich ruhig zu verhalten. „Was ich gethan habe, war Meuschenpflicht," sagte er, „und Du hättest sicherlich geradeso gehandelt, mein Weib, wenn Du Dir vorher die Sachlage richtig überlegt hättest." „Mein Gott, wer so sein könnte, wie Du," sprach sie noch immer leise schluchzend, „Du bist, wie ein Engel auf Erden." „Das erscheint Dir nur," entgegnete er lächelnd, „weil Du mich mit den Augen der Liebe betrachtest."

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