Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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421 „Bon dem durch Baron Hirsch angekauften Boden, erhält jede Familie 47 V2 Desijätinen mit Gebäuden gegen Abzahlung innerhalb sieben Jahren, 4 Schafe, 2 Kühe, 2 Pferde, Pflug, Egge, 4 Hühner, 2 Gänse und je 1 Paar anderen Hausgeflügels, zur Zucht. Für jede Colonie außerdem eine Dreschmaschine mit Locomobile. Solche Colonien wie Maurice sind mehrere geplant. Für das erste Jahr erhalten die Colonisten ein gewisses für den Unterhalt und zur Saat benöthigtes Quantum Getreide, mit einem Worte, man erhält Alles, was zu einer relativ befriedigenden Existenz gehört. Wer redlich arbeiten will, kann immer Herkommen, demjenigen jedoch, der ohne Arbeit zu leben gewohnt ist, würde ich nicht rathen, herzukommen. Gegenwärtig sind wieder Boden-Abmessungen vorgenommen worden, was 2 Monat Zeit erfordert. Inzwischen sind diejenigen, welchen Land noch nicht zugetheilt, beim Eisenbahnbau beschäftigt und verdienen damit 1 Rbl. täglich, während die ohne Beschäftigung und Verdienst Verbliebenen, auf Kosten des Comitös unterhalten werden, in Zukunft werden jedoch die sochergestalt gemachten Schulden seitens der zeitweilig vom Comite unterhaltenen Colonisten zurückzuzahlen sein." Wer hat nun recht? Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Der hiesige Thierschutz-Verein versendet in einer Massenauflage ein Flugblatt: „Aufruf und Bitte an alle guten Menschen." Dasselbe will durch ausgedehnte Propaganda auf die sittlichen Anschauungen und auf die Gesetzgebung wirken, und die in Deutschland noch üblichen Massenthierqulereicn bekämpfen. Von diesen Quälereien werden speciell genannt: Das martervolle Tödten der Schlachtthiere ohne vorherige Betäubung, den Vogelfang mittelst Schlingen, den Fischfang mittelst Legangeln, das Abschneiden der Froschkeulen ohne gleichzeitige Tödtuug der Thierchen, die Thierquälerei beim Transport, bei der Arbeit der Zugthiere u. s. w., alles Mißstände, für deren Abstellung der Berliner Thierschutzverein der thätigen Sympathien aller gebildeten Menschen sicher sein darf. Was die Betäubung der Thiere vor ihrer Tödtung betrifft, so erlauben wir uns die Milderung des Thierschmerzes durch diese Manipulation so lange zu bezweifeln, als man dieselbe auch bet zu tödtenden Menschen nicht einführt. Man hat noch nie gehört, daß zum Tode verurtheilte Menschen, die in der Regel durch Halsschnitt getödtet werden, (Schwertstreich und Guilliotine) vorher einen Schlag auf den Kopf appltcirt erhallen, um ihnen die Schmerzen zu mildern! Wir glauben, daß der betäubende Kopfschlag vor einer rationellen Tödtung eine ganz empfindliche Src geruug des Thierschmerzes bedeutet. Wir wissen uns hier eins mit einer Autorität auf dem Gebiete der Veterinärkunde, Professor Thiernesse an der K. Thierarzneischule zu Careghem bei Brüssel, der in einem von ihm veröffentlichten Gutachten wörtlich sagt: „Es gi eb t nach m e i u c r A n si ch t keine „grausamere, folglich keine u n - „menschlichere T ö d tu n g s art als der „Kopfschlag, und id) bin fest überzeugt, daß alle Männer der Wis- „s e n s ch a f t, w e l ch e S i c l» i c r ü b e r b e - „s r a g e n, derselben A n si ch t sein „werden." In dem Flugblatt wird nun d-e Betäubung nur vor martervoller Tödtungsart verlangt, und wir freuen uns, daß somit das Schächten 60 ipso ausgeschlossen ist. Es wäre jedoch wünschenswcrth gewesen, dies ausdrücklich zu betonen, damit jede Möglichkeit eines Verdachtes ausgeschlossen ist, als sollten durch diese Bestrebungen Thiere angeblich geschützt und jüdische Gewissen thatsächlich verletzt werden. Breslau, im März. In Niederschlesien waren die Antisemiten unlängst wieder einmal eifrig bei der Arbeit. Man hatte in der Person eines gewissen Dr. Daniel ans Bielefeld einen redegewaltigcn Reiseapostel gefunden, und zog nun mit dem streitbaren Herrn von Stadt zu Stadt, um das fromme Werk der Judenhetze zu betreiben. Patron der antisemitischen Bewegung in jenem Theile der Provinz ist bekanntlich Papa Ruhmer, Hausvater in Alt-Tschau. Anfangs ging das Geschäft ganz glatt von statten. Herr Daniel hatte schon an einigen Orten gesprochen, da sah mau sich nämlichen Herrn etwas genauer an und brachte Folgendes in Erfahrung: „Herr Daniel heißt eigentlich Danneil und ist ein wegen Trunksucht aus dem Amte entfernter P a st o r. Auch sonst soll Herr Dauneil in seiner Vergangenheit noch mancherlei dunkle Punkte aufznweisen haben, die ihm hauptsächlich zur Würde eines antisemitischen Klopffechters verholfen haben. Er hat beispielsweise sich in öffentlichen Lokalen wiederholt unanständig gegen Damen benommen. Wir wollen nun keineswegs behaupten, daß diese persönlichen Eigenschaften des Herrn Dauueil seine Befähigung zum antisemitischen Hetzapostel irgendwie beeinträchtigen, ganz im Gegentheil! Die niederschlesische Bevölkerung — nämlich die, welche etwas auf sich hält — bedankte sich indessen für die Belehrung, welche ihr aus solchem Munde zu Theil werden sollte, und Herr Danneil selbst sah die Mißlichkeit einer weiteren Bewerbung uni die Gunst dieser beschränkten Menschen ein und schüttelte den niederschlesischen Staub von seinen Pantoffeln. Die bereits für Freystadt und Neusalz a. O. anberaumten Versammlungen wurden abgesagt; Herr Dannetl war „krank" geworden. — Hatte er vielleicht ein Gläslein