Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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420 habenderen Kreise der russischen Judenheit gepflanzt werden, was dem ganzen Colonisationswerke einen gewissen Aufschwung verleihen würde. Seitens der deutschen resp. österr. - ungarischen Regierung würde sicherlich dem zeitweisen Aufenthalt der genannten Auswanderer auf Landgütern keine Schwierigkeit bereitet werden. Es würde für die jüdischen Colonien dadurch auch ein Stamm jüdischer Landwirthe gewonnen werden, aus welchem später Letter künftiger Ansiedelungen entnommen werden könnten. Es ist dies ein Moment, das unter Umständen von großer Tragweite für die ganze Colonisationsfrage werden könnte. Was die organisatorische Leitung der Colonien betrifft, so ist es erforderlich, daß dem von Baron Hirsch bereits ernannten Generaldirector zur Seite gestellt werden: 1) Ein tüchtiger Landwirth, welcher auf dem Gebiete derColonisation bereits thätig war. Auf einen Glaubensgenossen, der anerkanntermaßen diese Eigenschaft in hohem Grade besitzt, ist bereits der um die russischen jüdischen Auswanderer verdienstvolle Vorsitzende des Hamburger Comilös, Herr M. W. Hinrichsen, aufmerksam gemacht worden. Herr Hinrichsen wird sich wohl mit dieser Frage eingehender beschäftigen und die Sache in geeigneter Weise dem Baron Hirsch unterbreiten. 2) E i n gebildeter russisch-jüdischer Kaufmann, welcher mit den Sitten, Gewohnheiten, Charaktereigenthümlichkeiten, seiner Landsleute vertraut ist und zum mindesten nicht vollständig Laie auf dem Gebiete der Landwirthschaft ist. Die Aufgabe dieses Mannes würde hauptsächlich darin bestehen, der Vermittler zwischen den Ansiedlern und deren Leitern zu sein und gleichzeitig letzteren als Beirath zu dienen. Ein solcher Mann müßte, wie die Erfahrung lehrt, auch in religiöser Beziehung von den Ansiedlern als zu ihnen gehörig betrachtet werden, um den nöthigen Einfluß auf dieselben ausüben zu können. Von nicht geringer Bedeutung dürfte für die Colonien die Wahl des ersten Nab b in ers sein. Als solcher darf nur ein Mann gewählt werden, der bereits unter den russischen Juden gelebt und gewirkt hat und durch sein religiöses und profanes Wissen eines großen Ansehens bei ihnen sich erfreut und der zugleich auch der russischen, deutschen und englischen Sprache mächtig ist. Am geeignetsten hierfür wäre ein Mann wie Dr. Philipp Klein, Rabbiner in New-Jork, welcher Jahre lang in der großen jüdischen Gemeinde zu Libau segensreich gewirkt hat, als Ausländer aber vor etwa drei Jahren zur Aufgabe seines Amtes trotz seiner Beliebtheit bei der Regierung gesetzlich veranlaßt wurde. *) Was endlich die Ansiedlungen**) selbst betrifft, so halte ich es nicht für zweckmäßig, den Einwanderern gleich nach ihrer Ankunft in Argentinien Land zur Selbstbewirthschaftuug zu übergeben, da hierdurch die Verwaltung und Beaufsichtigung zu sehr erschwert wird. Es dürfte sich vielmehr empfehlen, zunächst größere Landgüter als solche zu verwalten und die Colonisten auf denselben einige Zeit als Arbeiter zu beschäftigen, um ihnen später, je nach deren Tüchtigkeit entsprechende Parzellen Land zur Selbftbewirthschaftung zu übergeben. Dieses System würde gleichzeitig die wohlthuende Wirkung üben, daß solche Elemente, welche sich weniger für den landwirthschaftlichen Beruf eignen, sich von der Bewerbung zur Ansiedelung von selbst fernhalten würden. Hoffentlich finden diese auf genauer Kenntniß der russisch-jüdischen Verhältnisse beruhenden Vorschläge an maßgebender Stelle genügende Beachtung. Anmerkung der Redaktion: Es gingen uns aus und über Argentinien in den jüngsten Wochen eine Reihe so verschiedenartiger und widersprechender Berichte zu, daß wir uns in der That nur schwer ein Urtheil über das Schicksal unserer dorthin ausgewanderten Brüder bilden können. Herr Zahnarzt Eu g eni o Sonnenfeld, von dem wir bereits einen Bericht vor einiger Zeit veröffentlichten und dessen Persönlichkeit inzwischen auch durch andere Blätter, als die eines ehrenwerthen Mannes festgestellt worden ist, sandte uns vor Kurzem wiederum eine mehrere Bogen umfassende Beschreibung des Elends, das die russischen Juden dortselbst zu erdulden hätten. Darnach wäre die Verfolgung, welcher die Juden in Rußland ausgesetzt waren, gegenüber den Leiden, die sie jetzt in Argentinien zu erdulden haben, nur ein Kinderspiel. In Argentinien würden sie gehauen, geknebelt und vielfach mißhandelt. Ueberhaupt herrsche allenthalben die Ansicht vor, daß nur auf Kosten der Gesundheit der armen russischen Juden, weite Länderstrecken urbar und werthvoll gemacht werden sollen. Viele Arme liegen auf freiem Felde mit ihren Weibern und Kindern. Weitere Grausamkeiten und Gewaltthätigkeiten der Bevollmächtigten Baron Hirsch 's werden in großer Menge erzählt. Der Bericht schließt °. Die Wahrheit mutz den Sieg davon tragen! Wenn auch erst spät und viele Menschen dadurch vollständig zu Grunde gegangen sind, so wird man doch einsehen, wie ich es gemeint, ich schreibe und warne genug, mehr kann ich nicht thun. Dem gegenüber liegt uns der Bericht eines jüdischen Ausgewanderten vor, den derselbe in einem polnischen Blatte veröffentlichte und der mit seinem Befinden, mit seiner Thätigkeit und mit seinen Aussichten für die Zukunft hochzufrieden ist. Dieser Bericht schließt wiederum: *) Eine Hauptaufgabe des Rabbiners würde die Organisation des Schulwesens sein. **) Bei der Einrichtung von Ansiedelungen muß selbstverständlich mit der Herstellung von Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden begonnen werden. Bei Ermangelung von Waldungen müßte man hauptsächlich das Augenmerk auf das Vorhandensein von Lehm- und Torfboden richten, um Ziegeleien und Torfstechereien anzulegen.