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Der Israelit · 1892-03-14 · Heft 21 (14.3.1892) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 21 (14.3.1892)
Date
1892-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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402 Vermischtes. BieSheim. Am 2. März feierten die Eheleute K oh n von hier das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar ist noch in körperlicher Rüstigkeit und erfreut sich der allgemeinen Achtung aller Mitbürger. Eine hübsche Anzahl Kinder, Enkel und Enkelinnen, so wie sehr viele Verwandten und Bekannten schaarten sich um das greise Jubelpaar, um diesen Ehrentag in festlicher Weise gemeinsam zu begehen. Um ein Uhr Nachmittags wurde das greise Paar in stattlichem Zuge zur Synagoge geführt. Dort angekommen, wurden die Jubilare von den beiden Vorständen Herren Weyl und Bloch empfangen und in die festlich geschmückte und schön beleuchtete Synagoge geleitet, welche sehr dicht gefüllt von Gästen und von den hiesigen Einwohnern beider Eonfessionen war. Bei Beginn des Gottesdienstes sang der CantorLevy einen prachtvollen ion ~ro, später den Psalm 100 und zum Schluß das Jigdalgebet (.nr). Herr Rabbiner Sch üIer aus Bollweiler (früher in Biesheim). welcher den Gottesdienst leitete, hielt eine sehr gediegene Festrede, in welcher er besonders die Gnade Gottes hervorhob, die durch diese seltene Feier den Jubilaren zu Theil geworden sei und ermahnte dieselben diese Gnade auch zu würdigen. Nach Beendigung der Ccremonie vereinigte man sich zu einem Festmahle in der Wohnung der Eheleute Kohn, wo alsbald die fröhlichste Festesstimmung herrschte. Rabbiner Schüler und Hauptlehrer M o ch feierten in sehr gelungenen Tischreden das glückliche Paar und mehrere Enkel und Enkelinnen trugen dem Feste entsprechende Sprüche und Gedichte vor. Während des Tages liefen zahlreiche Glückswünsche von auswärtigen Verwandten, Freunden und Bekannten ein. So nahm dieses Fest einen glänzenden Verlauf und wird allen Theilnehmern eine angenehme Erinnerung bleiben. Dem Jubelpaare wünschen wir, daß es sich noch eine Reihe von Jahren der gegenwärtigen Gesundheit und Rüstigkeit erfreuen möge. B.M och, Hauptlehrer. Feuilleton. Aer Hünstttng des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, Dr. phil. (25. Fortsetzung.) Allen voran eilte Kolascheff mit seiner wohldisziplinirten Schaar; jetzt schien für ihn der Augenblick gekommen, das so Wohl vorbereitete Bubenstück zur Ausführung zu bringen. Sofort mußte das Mädchen ausgefunden und ergriffen werden und dann fort mit ihr, fort zu dem ihrer sehnsüchtig harrenden Liebhaber, der mit vollen Händen das gelungene Werk belohnen würde. Kolascheff gab einen leisen Befehl, und wie vom Wind zerstoben, flog seine Schaar auseinander. Er hatte durch einen als Soldaten verkleideten Architekten einen genauen Plan des Hauses aufnehmen lassen, jedes entlegene Gemach war ihm bekannt, kein Kellerraum in dem großen Gebäude schien auf der Skizze zu fehlen. Jedem Einzelnen der jungen Leute seiner Schaar hatte Kolascheff bereits zuvor schon seine Aufgabe mitgetheilt, ein Jeder begab sich in einen anderen Winkel des Hauses, so daß zu ein und derselben Zeit kein einziges Plätzchen in dem ganzen Bau undurchsucht blieb. Wie ein Feldherr, der seine Truppe leitet, stand während dieser Zeit Kolascheff in dem eleganten Empfangssaale und hielt die Stricke, Tücher und Knebel in der Hand, mit denen er die Jungfrau fesseln wollte. Hatte er doch so viele Späher um und in dem Hause gehalten, daß er ganz genau zu wissen glaubte, daß weder Alexei, noch seine Frau, noch deren Pflegetochter die Flucht ergriffen hatten. So stand er wartend schon länger als zwei Miliuten und Keiner seiner Mannschaften kehrte mit der erhofften Beute zurück. „Sie sind ungeschickt!" rief Kolascheff unwillig, „es thäte Noth, daß man sich selbst auf die Suche begäbe." Während dieser Zeit hatte sich das Volk in allen Sälen und Zimmern ausgcbreitet, lachend und schreiend, erstaunt, keine Menschen vorzufinden und verblüfft durch die Pracht der Ausstattung dieser Räume. Jubelnd entdeckten sie bald die aufgestellten Füßchen mit Branntwein und die dazugehörigen Becher und Gläser und sofort gaben sie sich diesem erwünschten Genüsse hin. Ja, Einer brachte sogar scherzhaft ein Hoch auf den jüdischen Hausbesitzer aus, der das russische Volk so glänzend zu bewirthen verstehe. Ein junger Mensch, der früher Student war, aber wegen eines Diebstahls von der Universität verwiesen und mit schwerer Gefängnißhaft bestraft worden und der vollständig zum Vagabunden heruntergekommen war, setzte sich an das Clavier und spielte lustige Weisen aus Traviata und Faust; jubelnd heulte die Menge auf bei dieser Zugabe zu der Feierlichkeit, als aber nun gar der judenfeindliche Musikant einige russische Nationaltänze spielte, da zuckte es der Menge in den Gliedern und fröhlich, die großen, gefüllten Branntweingläser in den Händen, sprangen sie auf und tanzten frohlockend Arm in Arm umher nach den Klängen der Musik; namentlich der Vortrag des Kosatzky, des originellen Nationaltanzes der Kosaken, erregte großen Beifall, und nur wer so betrunken war, daß er nicht mehr stehen konnte, ließ es sich entgehen, an diesen beliebten Sprüngen theilzunehmen. Trotz seines Unwillens mußte Kolascheff lächeln bei diesem improvisirten Balle, den die Bauern, die man zu Plünderung und Mord hierhergeschickt, in dem Hause ihres Opfers feierten. Doch das Lächeln verschwand bald von seinen Lippen, als einer nach dem andern von seinen Leuten kam und ihm meldete, daß das Suchen

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