Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1892)
- Date
- 1892-03-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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403 vollständig vergeblich gewesen sei, daß sich von den früheren Bewohnern des Hauses keine einzige Seele mehr auffinden lasse. „Ihr versteht nicht aufzuspüren," schrie Kolascheff mit einem wilden Fluche, „ich weiß mit vollständiger Bestimmtheit, daß die drei Juden, nach denen wir fahnden, nicht entflohen sind, ich habe das ganze Haus umstellen lassen, es ist weder früher noch jetzt Jemand hinausgegangen, von dem ich nichts erfahren, ich muß wohl selber auf die Suche gehen. Sechs Mann folgen mir. Ihr klebrigen aber vertheilt Euch auf allen Treppen und Gängen, damit uns nicht bei dem Trubel der Plünderung die aufgestöberte Judenbrut noch entwische." Sofort vollzogen die jungen Leute den Befehl ihres Führers und Kolascheff durchstreifte mit seinen Begleitern das ganze Haus. Kein Schrank, kein Kasten blieb undurchsucht, kein einziges Möbel ließ man auf seinem Platze, das Tuch wurde von den Sophas heruntergerissen, aus Mauerstellen die Steine entfernt, die Diele vom Boden aufgehoben und auf dem Speicher des Hauses unter den aufgehäuften Holzvorräthen genaueste Umschau gehalten. Sogar in den Kamin kroch einer der dienstfertigen Leute, die Fässer im Keller, die sich beim Anklopfen als hohl erwiesen, wurden eingeschlagen, der Keller durch mitgebrachte Magnesialichter mehr als tageshell erleuchtet, kein Faß ließ man auf seinem Platze ruhen, an einigen Stellen wurde sogar der Boden des Kellers mit Spitzhacken angehauen, um zu sehen, ob er nicht unterwölbt sei, doch an allen den Stellen, wo man den Versuch machte, zeigte sich Nichts als der nackte Boden, denn man grub meist nur in den Gängen nach, nicht aber an den Plätzen, wo früher die Fässer gestanden, weil ja dorthin Niemand gelangen konnte, ohne daß Andere zuvor die Fässer weg und dann wieder darübergerollt hätten. Alles Suchen war vergeblich, Niemand wurde aufgefunden. Enttäuscht und ermüdet kehrte Kolascheff in das obere Stockwerk zurück, es war ihm vollständig unbegreiflich, wohin die Bewohner des Hauses gekommen sein möchten. Zwar hatte er keine Hoffnung mehr, sie auszufinden, dennoch beschloß er, noch eine Zeit lang in dem Hause zu bleiben, vielleicht, daß ein günstiger Zufall ihm zu Hilfe käme und ihn auf die Spur der Verlorenen brächte. Und siehe da, was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth, was durch den wohldurchdachten und vorzüglich vorbereiteten Plan des schlauen Polizeispions nicht geglückte war, das gelang zwei total betrunkenen Bauern in ihrer Täppischkeit. Nachdem der zerlumpte Student sich mit seinem Clavierspielen genug gethan hatte, da die Bauern zu müde und betrunken waren, weiterzutanzen, stand er auf, zog ein scharfes Messer hervor und zerschnitt die Seiten des Klaviers, die mit schrillem Klange zersprangen. „Wir haben lange genug Spiel getrieben," schrie er der Menge zu, „jetzt wollen wir Ernst machen. Holla, auf, Ihr Brüderchen, zerschlagt, zerstoßt Alles und dann setzt den rothen Hahn auf das Judeuhaus." „Zhivio!" schrie die Menge. „Hurrah!" Der musikalische Plünderer zerriß mit seinen Händen das Clavier, nahm das Deckbrett desselben und schleuderte es wuchtig gegen einen der großen Spiegel, daß derselbe klirrend in Scherben zu Boden fiel. Ein hundertstimmiger Bravaruf erscholl, und das war das Zeichen zum allgemeinen Zerstören. Schreiend, rasend und tobend stürzte sich die Menge auf die Einrichtung der Säle und ließ ihre Wuth, die sie an Menschen nicht befriedigen konnte, an den Dingen aus. Und dabei waren sie so fröhlich und so zärtlich, diese guten, russischen Bauern, denen völlig ein Gefühl des Rechtsbewußtsein abgeht. Der ältere Bauer, das Väterchen, und der Jüngere, das Brüderchen, zeigten wieder einmal ihre alte, werthvolle Doppelnatur, die so leicht aus der weinerlichen Gleichgiltigkeit, die Alles erträgt, in die trunkene Wildheit, die Alles zerstört, jach hinübertamnelt; Kolascheff stand mit düsterem Antlitz sinnend dobei und wenn ihn in seinem Mißgeschick Eins erfreute, so war es die Wahrnehmung, daß die Soldaten, die an den Straßenecken zur Aufrechterhaltung der Ordnung postirt waren, nun fröhlich an dem Zerstörungswerke theilnahmen und sich die Taschen füllten mit dem den Juden gestohlenen Gute. — Während dieser Zeit stieg in dem Kopfe zweier ganz betrunkenen Brodjaks ein origeneller Gedanke auf. „Brüderchen," sagte der Eine zum Andern, „der Branntwein des Juden ist gut." „Ei, ei, ja, ja," lallte der Andere, „ganz gut, ich glaube aber, Väterchen, der muß noch besseren Branntwein haben." „Ei, wo soll denn noch besserer sein, Brüderchen?" „In dem Kn— Ke— Keller, Väterchen!" „Dann laß' uns doch in den Keller gehen, Brüderchen." Die Beiden schlangen die Arme ineinander und kollerten, halb rutschend, halb fallend die Treppe hinab bis zu dem Keller. Mit stieren Augen betrachteten sie die großen Fässer, die hier lagen.