Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1892)
- Date
- 1892-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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399 geschwunden ist, sich mit dem Gedanken vertraut machen dürfen, einen eigenen Heerd zu gründen. Und doch erscheint vor diesem pN *]VJ mene aller Glanz unserer fortgeschrittenen Zeit als glänzendes Elend, wenn die complicirten Lebensbedingungen die Verkümmerung so zahlloser Existenzen so unrettbar nach sich ziehen, daß die statistischen Erhebungen eines der mächtigsten Culturstaaten im Westen Europas bereits eine sich immer mehr steigernde Abnahme der Bevölkerung conftatiren. Von diesem Elend weiß sich die Familie frei, welche sich an den Peßachabenden um den Sedertisch versammelt, und die in den mit ihr verbrüderten Seelen das größte menschliche Glück auf Erden findet. Was anderen zu einer unerschöpflichen Quelle von Sorgen und Mühen wird, ist ihnen der Born der heitersten Lebensfreude, der Menschen auf Erden fähig sind. Und wenn eine ganze Welt in der Lockerung dieses ältesten Bandes, das Menschen mit Menschen verbindet, das Heil der Zukunft erblickte, an der Hand unserer Peßach- Hagada, könnte uns keine noch so glänzende Außenseite über den faulen Kern täuschen, den sie verhüllt. — Die reine von Gottes Herrlichkeit getragene und verklärte Freude, die jeden Vater zum König, jede Mutter zur Königin an den Sederabenden macht, zeigt uns in ihrer Kehrseite das ganze Elend des p« m iwhb und läßt uns die Wahrheit unserer Hagada in ihrer ganzen Tiefe ahnen, wenn sie lehrt: idmw noD pN -pn nwns n wjy ns kti 'l VTl nx 't kt: (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten nnd Correspvndenzeu. Deutschland. Born Rheine. In einem „Einiges über den Antisemitismus" überschriebenen Leitartikel läßt sich die „Kölnische Volkszeitung" folgendermaßen über die Judenfrage aus: „Unverkennbar geht neuerdings ein schärferer antisemitischer Zug — wir finden keinen bezeichnenderen Ausdruck — durch das Land. In conservativen Kreisen wird wiederholt das Verlangen gestellt, daß sogar ein auf die Judenfrage bezüglicher Passus in das Parteiprogramm ausgenommen werde. Die antitemitischen Volksversammlungen mehren sich und, was für uns am beachtenswerthesten ist, auch in den westlichen Landestheilen fanden in den letzten Monaten eine ganzen Reihe solcher Versammlungen statt. . . Daß eine gewisse antisemitische Stimmung selbst Bevölkerungskreise erfaßt hat, welche sich bisher von derselben freigehalten haben, merken wir selbst aus Zuschriften, welche uns aus unserm Leserkreise zugehen und welche den Vorwurf erheben, wir seien zu „judenfreundlich". Meist wird dabei auf unsere zurückhaltende Stellung in der A'antener Angelegenheit hingewiesen. Man hat es uns sogar verdacht, daß der Aufruf wegen der ausgewiesenen russischen Juden im Jnseraten-Theil der Kölnischen Volkszeitung Raum gefunden hat! Beide Bemängelungen sind unbegründet; aber daß sie erfolgen, kennzeichnet die Stimmung der Kreise, aus denen sie hervorgehoben, und gibt uns Veranlassung, etwas näher auf die Sache einzugehen. Und da sei von vorn herein gesagt, daß wir keine Aenderung in unserer Stellung zur Judenfrage eintreten lassen können. Die antisemitische Agitation, wie sie seit Jahren namentlich in Berlin betrieben wird, läuft im letzten Grunde immer wieder auf die Empfehlung von Ausnahme-Maßregeln gegen die Juden hinaus. Ein solches Bestreben steht mit unserm Staatsgrundgesetze in Widerspruch und kann schon deßhalb unsere Billigung nicht finden. Im Uebrigen sollte man meinen, daß die Katholiken in Preußen so viel unter Ausnahmebestimmungen zu leiden gehabt haben und theilweise noch leiden, daß sie am allerwenigsten solchen das Wort reden können. Das verfassungsmäßige gleiche Recht für Alle ist die sicherste Schutzwehr aller Minderheiten, und die würden wir auch um augenblicklicher politischer Eonstellationen oder etwaiger vorübergehender Vortheile willen nicht antasten lassen. . . Es ist falsch, wie die antisemitische Agitation es thut, gegen das Judenthum im allgemeinen und überhaupt Stimmung zu machen oder gar die Volksleidenschaft zu erregen. Das ist einfach ungerecht, verbittert nur und verbessert nichts. Dem Vorwurfe der „Judenfreundlichkeit" gegenüber, der uns neuerdings hier und da gemacht wird, halten wir es mir dem auf das Judenthum angewandten Ausspruche des Abg. Haußmann in einer der jüngstenSitzungen des Reichstages: „Niemand begünstigt das Judenthum, der gerechte Politik treibt." Mit einer solchen kommt man auf die Dauer immer noch am weitesten, während man es auch in der Politik recht oft zu bereuen hat, den Eingebungen eines erregten Gefühles gefolgt zu sein. Manche von denen, welche in der antisemitischen Bewegung, wie sie nicht sein soll, treiben und getrieben werden, würden sich leicht zurecht finden, wenn sie nur ein wenig des Sprüchleins eingedenk sein wollten: „Was du nicht willst, das man dir thu', das füg' auch feinem Andern zu!" L. Aus Baden. Der 27. Jahresbericht des Vereins „Achawa" (Brüderlichkeit) zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer-Wittwen und Waisen in Deutschland für das Jahr 1891 gibt die freudige Genugthuung, daß auch im verwichenen Jahre die schöne Summe von 12390 M. zu Unterstützungen vertheilt werden konnten und mit der aus dem Reservefond verabreichten Summe auf 13,988 M. sich summirte. In diesen Betrag theilen sich 24 durch Krankheit oder Altersschwäche oder Gebreche« dienstunfähig gewordene Lehrer theils mit, theils ohne Familie, 25 alleinstehende Wittwen, 18 Wittwen mit unmündigen Kindern und eine elterlose Waise. Das Gffammtvermögen beziffert sich nach dem Nennwerthe der Staatspapiere nach Abzug der Pensionen auf M. 181609. , An Einnahmen sind Geschenke 3949 M. 24 Pfg., I freiwillige Jahresbeiträge 322 M. 14 Pfg., Ein-