Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1890)
- Date
- 1890-10-08
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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1436 Daß in den Anzeigen solcher Gemeinden sich der Passus findet: „Unverheirathete Bewerber rc.," ist einfach lächerlich. Verheirathete Bewerber, Männer, die für eine Familie zu sorgen haben und es mit dem Lehrerberuf ernst nehmen, solche Männer sind für ein solches Gehalt nicht zu haben. Aber auch Gemeinden, welche ein höheres Gehalt zahlen, ein Gehalt, mit dem eine sparsame Familie wohl auskommen könnte, haben den ominösen Zusatz in den Ankündigungen, und das ist bedauerlich. Warum schafft und arbeitet der junge Mann im Schweiße seines Angesichtes? Warum macht er die Nacht zum Tage, über seinen Büchern vor Ermüdung einschlafend? Warum verwendet er fünf Jngendjahre für seine Ausbildung zum Lehrer? Um ewig allein den Weg durchs Erdenleben zu wandeln? Ganz gewiß nicht. Wenn wir schon von jedem anderen selbstständigen Manne erwarten dürfen, daß er sich eine Familie gründe, so müssen wir es von dem Lehrer ganz besonders erwarten. Der Grundzug seines Wesens und seines Charakters ist die Liebe. Ein Lehrer, der keine Liebe zu seinen Schülern, keine Liebe und Begeisterung für seinen Beruf hat, ist ein Segel ohne Wind, eine Dampfmaschine ohne Dampf. Wenn wir auch nicht leugnen wollen, daß es unverheirathete Lehrer gibt, die große Erfolge in der Schule auszuweisen haben, so müssen wir doch bekennen, daß die echte und wahre Weise zu erziehen sich nur bei dem Lehrer findet, der selbst eine Familie hat, der selbst empfindet, wie die Eltern seiner Schüler empfinden. Und unsere isr. Schule, unsere Religionsschule, sollte weniger Unterrichtsals Erziehungsanstalt sein. Die Prüfungskommission, der wir unsere Zöglinge abzuliefern haben, ist das Leben, und erst, wenn das Leben den Beweis geführt hat, daß die mit Liebe gesäete Saat des Judenthums und seiner Religion edle Früchte gebracht hat, erst dann dürfen wir sagen, das ist ein guter Lehrer; freilich deckt den Lehrer dann schon längst die Erde, aber sein Name lebt fort in seinen Werken, in seinen Schülern. Jeder, der nur für sich zu sorgen hat, muß zum Egoisten werden. Wehe der Schule, wehe den Kindern, die einen Egoisten zum Lehrer haben. Ihnen fehlt die Sonne und der Thau, ihnen fehlt die Liebe, sie können nicht gedeihen. Kalt und fremd steht der Egoist bei dem Leid und bei der Freude seinem Nächsten gegenüber, und diese Kälte fällt wie Mehlthau in die kindlichen Herzen, jede Aeußerung der Freude und des Leides im Grunde erstickend. Für den Egoisten sind die lauten Aeußerungen der Freude Eurer Kinder — Unarten, die des Schmerzes — Verstellung. Er fühlt nicht mit ihnen, kann sie nicht begreifen und das Verhältniß zwischen ihm und seinen Schülern bleibt ewig kalt. Der Familienvater kann nie zum Egoisten werden. Die Liebe zu Frau und Kind erstreckt sich auch auf seine Schüler und seine Schüler werden seine Kinder. Darum ist es Seitens der Gemeinden Unverstand, wenn sie bei der Wahl der Lehrer Unverheirathete» den Vorzug geben. Aber welches ist der Grund, daß man diese vorzieht? Der Grund ist ein sehr — prosaischer. Man findet, daß der Gehalt zur sorglosen Existenz für eine Familie nicht ausreicht und will deßhalb lieber einen öfteren Wechsel ertragen, als den Lehrer so stellen, daß er mit seiner Familie ohne Sorge leben kann. Merkt Euch dieses, Ihr Jünglinge, Ihr jungen Männer, so lange Ihr allein seid, seid Ihr den Gemeinden recht, aber sobald Ihr daran denken werdet, eine Familie zu gründen, geht es Euch, wie unserm Stammvater Jakob, müßt Ihr den Wanderstab in die Hand nehmen. Wozu habt Ihr gearbeitet und geschafft? Man will Euch das erschweren, wonach der einfachste Arbeiter strebt, und was er, wenn er fleißig und sparsam ist, erreichen kann, man will Euch die Gründung einer Familie erschweren. Und wenn Ihr trotzdem eine Familie gründet, eine treue Gattin und liebe Kinder Euer eigen nennt, dann seid Ihr der Gemeinde, in der Ihr gerade amtirt, auf Gnade und Ungnade überliefert. Eine Verbesserung Eurer Stelle steht im Belieben des Vorstandes, ein Wechsel, um Euer Einkommen zu erhöhen, ist unmöglich, denn überall grinst Euch das fatale: „Unverheirathete erhalten den Vorzug" entgegen. Das sind untröstliche Aussichten für den isr. Lehrerstand. Wer eine solch' heilige Aufgabe zu erfüllen hat, wie der isr. Lehrer, der sollte in jeder Hinsicht besser gestellt sein. Wir wollen nicht Unzufriedenheit unter dem isr. Lehrerstand Hervorrufen und wollen auch gerne gestehen, daß es Gemeinden gibt, die für ihre Lehrer Alles thun, was sie können, in denen das Verhältniß zwischen Lehrer und Gemeinde ein ideales ist, aber das sind Ausnahmen. In der Regel spart man zuerst am Lehrergehalt. O möchten die Ausnahmen zur Regel, möchte die Regel zur Ausnahme werden l Möchten die Gemeinden doch, ihren wahren, eigenen Vortheil erkennend, ihre Lehrer so stellen, deren Gehalte so erhöhen, daß der Satz: „Unverheirathete Bewerber werden bevorzugt," der Vergessenheit anheimfalle zum Heile der isr. Schule, zum Segen der isr. Kinder, zur Ehre der isr. Gemeinden. O, daß jede israelitische Gemeinde ihre ganze Ehre dareinsetzen möchte, ein blühendes Schulwesen zu besitzen, um wie viel besser stände es mit dem religiösen Wissen unserer Jugend! Unsere Zeit ist die Zeit des Kampfes, die Zeit, da der Antisemitismus jedem Juden die Waffe in die Hand drückt mit dem Rufe Vertheidige Dich! Wie soll die Jugend sich vertheidigen, da sie vom Judenthume nichts