Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1890)
- Date
- 1890-10-08
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448098--30839-3519652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hauch, der von der Newa herwehte, war auch nach Deutschland und Oesterreich gedrungen und hatte dort günstigen Boden gefunden und war im Stande gewesen, ganze Gegenden zu inficiren und den Haß und die Feindschaft da zu säen, wo seither ein einträchtiges Nebeneinandcrleben der Confesstonen stattgefunden hatte. Der Antisemitismus nährte die Unzufriedenheit unter der arbeitenden Bevölkerung; die Leidenschaften der Masse wurden geweckt und genährt, es entwickelten sich Aufstände und Krawalle, der Pöbel wurde z. B. in Wien ans die Juden gehetzt, damit die gewissenlosen Führer desto besser im Trüben fischen konnten. Die dortige Negierung that alles Mögliche, um diese anarchischen Zustände zu unterdrücken und zu vcrhüteu, aber geschehene Dinge konnte auch sie nicht ungeschehen machen, und diejenigen, welche diese Krawalle veranlaßt hatten, bargen sich hinter denen, die sie ausführten — letztere nur erreichte die gerechte Strafe. Chajim hatte bald die russische Grenze überschritten und österreichisches Gebiet betreten. Bis ' hierher hatte er Glück gehabt, Niemand hatte ihn nach seinen Papieren gefragt und das Reisegeld hatte er sich immer verdienen können. Es gab keine Arbeit, vor der er sich scheute, und wenn er nicht als Handlanger bei Bauten Beschäftigung finden konnte, trieb er das Geschäft eines Feldarbeiters oder eines Viehtreibers. Ueberall hatte man den fleißigen, bescheidenen Menschen gerne und wunderte sich, daß er immer nur kurze Zeit in einer Stadt blieb. Chajim verlor sein Ziel nicht ans den Augen. Er wollte nach Wien. Dort hoffte er, die Geheimnisse der Fabrikation der schwedischen Streichhölzer zu erfahren. Es fehlte ihm jedoch an Geld, um diese Reise mit der Eisenbahn machen zu können und um eine solche Neise zu Fuß machen zu können, dazu gehört Zeit und Geduld. Beides stand ihm in reichen! Maße zur Verfügung, und so hatte er die Hälfte des Weges, theils arbeitend, theils wandernd, zurückgelegt, als er eines Tages, da er sich müde fühlte, in einem Chausstzgraben der Ruhe pflegte. Es war um die Mittagszeit und die Sonne brannte heiß. Chajim schlief ein. Da träumte er, er wäre in einer sehr großen Stadt. Die Stadt lag au einem großen Flusse imd viele und große Schiffe ankerten in dem Hafen. Diese Schiffe brachten Kaffee, Thee, Gewürze re. aus fernen Ländern und jeder, der arbeiten wollte, konnte Arbeit und guten Verdienst dort finden. Lange sah Chajim dem interessanten Treiben am Hafen zu. Er hatte noch nie ein Schiff, noch keinen Hafen, noch nie ein solches Leben und Treiben gesehen und fürchtete sich fast. Da trat ein fremdländisch gekleideter Mann an ihn heran und winkte ihm, mitzngehen. Chajiiu ging mit ihm und als sie l durch viele Straßen und über große Plätze geschrit- I ten waren, blieben sie vor einem großen Gebäude in einer breiten Straße stehen. Hohe, qualmende Schornsteine überragten die Dächer, schwer beladene Wagen kamen und luden die Lasten dort ab und nahmen neue Ladungen mit fort, geschäftige Männer eilten aus und ein und ein dumpfer Maschinenlärm tönte ihm entgegen. Der Mann trat ein und forderte Chajim ans, ihm zu folgen. Auf dem Hofe lagerten Tausende von Baumstämmen: in einer offenen Halle sah er, wie diese Stämme durch Sägen zerschnitten und in einer anderen Halle zu ganz dünnen Hölzchen verkleinert wurden. Nun traten sie in einen großen Saal. Dort war cs so heiß, daß Chajim fast ohnmächtig wurde; von hier aus kamen sie wieder in einen Saal, in welchem bleiche, krank aussehende Männer die Hölzchen in eine dickflüssige Masse tauchten; im folgenden Saale wurde diese Masse hcrgestellt und Chajim richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Materialien, die man dazu verwandte. Das zischte und brodelte in großen Kesseln; eine dumpfe Atmosphäre erfüllte den ganzen Raum und drohte ihn zu ersticken. Er wollte weiter, konnte aber nicht; seine Beine sind schwer wie Blei, seine Füße wie angenagelt. Der Qualm wird immer dichter, schon droht er umzusinkcn, da — großer Gott, der Kessel schäumt über, es brennt, es gibt einen furchtbaren Knall, Chajim fühlt sich in die Luft geschlendert, er thut einen furchtbaren Schrei und — erwacht. Er ist in Schweiß gebadet. Aengstlich sieht er sich um. Niemand ist zu sehen; so weit er auch blicket, liegt alles uni ihn her in tiefer Mittagsstille und nur das Zirpen des Heimchens ist vernehmbar. Chajim erhebt sich, um seine Schritte fortznsetzen. Welch' schrecklichen Traum hatte er gehabt! Und doch freute er sich dessen. War das' nicht eine göttliche Botschaft für ihn? Hatte er im Traume nicht die Erfüllung seines Wunsches, das Endziel seiner Wanderung gesehen? Frohgemuth schritt er des Weges weiter. Er hatte auf seiner letzten Rast viel Geld verdient und konnte nun, ohne durch Arbeit aufgehalten zu werden, seine Reise eine ganze Zeit lang fortsetzcn, ehe sein Reisegeld aus die Neige ging. Fröhlich sah er der Zukunft entgegen. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Am nächsten Tage traf er einen Reisegefährten, der seine Unerfahrenheit wohl zu benutzen verstand, ihm in der Nacht sein Geld und seine Stiefel stahl und am anderen Morgen verschwunden war. Chajim war vor Schreck starr. Für so schlecht hätte er die Menschen doch nicht gehalten! Um eine Erfahrung reicher und dadurch vorsichtiger gemacht, versuchte er wieder Arbeit zu bekommen, und das Glück war ihm günstig. Er kam zu einem Viehhändler, der gerade einen großen Viehtransport nach Wien hatte. Dieser engagirte ihn als Aufseher für die Ochsen