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Der Israelit · 1890-10-08 · Heft 78-79 (8.10.1890) · page 33

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 78-79 (8.10.1890)
Date
1890-10-08
Page
– (sequence 33)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Erste jßeilnpju JW78»79iifs„1srnflit & Ieschurun? Leitender Artikel. Die KHNKrillterKISrmig der Deform. Von Isaak Hirsch. „Es fehlte unser cm Geschlecht, was frühere hatten: Wärme, Begeisterung. Ich will nicht sagen, daß in alten Zeiten der Gesammtübcrblick über das Herrliche und Schöne des Judenthums volksthümlich und verbreitet war, aber für einen Theil des Ganzen gab es doch Verständniß. Man überlas allwöchentlich den Bibelabschnitt, man „lernte" einen hebräischen Moralphilosophen. Man schöpfte — wie homöopathisch immer — daraus Bildung und Wissen mit dem Bewußtsein, es beut Judenthum zu danken. Denn das ist Eure Weisheit." Kein Geringerer als Emil Lehman n ist cs, welcher also die Alten den Jungen gegenüberstcllt, jene verherrlichend und diese äuklagend, und cs sind nicht etwa die Orthodoxen der Gegenwart, denen er den Spiegel ihrer Großväter vorhält sondern die aufgeklärten, fortgeschrittenen Reformer! In der Nr. 34 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" (vom 5. September) entladet sich diese wchmüthige Klage des Vorkämpfers der „Deutschjüdischen Neformpartei" in einem Aufsatze unter der Uebcrschrift; „Was uns noth thut." Herrn Lehmann traten nämlich „die unleugbar heutzutage sehr häufigen Judentaufen" vor die Seele, bei welchen er wahrgenommen hat, daß sie gerade „aus den Kreisen der durch Bildung, Wohlstand und Gesittung hervorragenden Glaubensgenossen" stammen. Daß Herr Lehmann hier nicht an durch Bildung und Gesittung sich auszeichnende orthodoxe Juden gedacht hat, ist zweifellos. Er ergeht sich in einer langem Erwägung über die Zulässigkeit dieses Uebertritts zur Kirche, welche im hohen Grade interessant ist. Selbstverständlich billigt er einen solchen nicht, aber dem allzuschucllen Vorwurf der Charakterlosigkeit dieser „Ueberläufer", welche „die höchsten Ansprüche an den Manncsmulh" „zumeist nicht erfüllt haben," setzt er die Frage entgegen: „aber wie wenige von uns Anderen genügen ihnen? wie Vielen mangelte nur die Gelegenheit zur Nachfolge!" Er gelaugt endlich zu dem eigenthümlichen Schlüsse, daß das Christeuthum auf dem Glauben an der Göttlichkeit seines Stifters beruht, von welcher es jedem geborenen Christen allerdings freistehe, sich je nach Geschmack und Bildungsgrad eine symbolische oder idealisirte Auffassung zu construiren, der „Christgewordene" aber sei verpflichtet, „ohne Symbolisirung und Jdealisirung" daran aufrichtig zu glauben, „und das ist die Klippe, an der — seines Erachtens — der Jude, wenn er kein Schwärmer ist, scheitern muß." Das möchte denn doch wohl nicht gan; richtig sein; was dem Einen recht ist, muß dem Andern billig sein. Wenn nach Lehmanns Anschauung cs jedem „Christgeborenen" frcisteht, den positiven Glaubenssatz des Chriftenthums nach Belieben „zu symbolisiren und zu idealisiren," das heißt mit an deren Worten: zu leugnen, warum sollte das den* Christ gewordenen verboten sein? In der Konfirmation legt der Ehristgeboreue ebenso öffentlich Rechenschaft von seinem christlichen Glauben und bekennt sich zum Taufbuud, wie der Jude, wenn er in die Kirche eintritt. Herr Lehmann ist mit dieser höchst ungeschickten und unrichtigen Unterscheidung nur seiner rcformjüdischen, nihilistischen Anschaung gefolgt, die es ihm gestattet, das Judenihum zu verleugnen, in welchem er geboren ist. Er fährt indessen fort und wendet sich gegen die jüdischen Eltern, die ihre Kinder taufen lassen, ohne selbst in die Kirche cinzutreten: „Religionen sind doch keine Kleider mit verschiedenem Schnitt für Erwachsene und Kinder." Aber wie ist es dann mit der Reform? Die nimmt sich doch das Judenthum, schneidet cs sich nach eigenem Gutdünken zurecht und nennt das Uugcthüm ihrer Mache wahres, geläutertes Judenthum? Auf den Eiuwand der Eltern: „Unsere Kinder wissen noch gar nicht, daß sie Juden sind, sie kommen in die Schule, müssen doch an irgend einem Neligionsunterricht Theil nehmen, es ist ja sittlich gleich, an welchem; das aufgeklärte Judenthum ist dem aufgeklärten Christeuthum verwandt, es ist der Träger der Weltkultur, die Pforte zum Eintritt in die Gesellschaft," — hat er den strafenden Vorwurf: „Schlimm genug, daß die Kinder in so vielen jüdischen Häusern nichts davon merken, daß sie Juden sind, daß oft erst die Hep-Hep Rufe ihrer christlichen Mitschüler sie darauf aufmerksam machen; schlimm genug, daß so viele jüdische Familien ein Mangel an sittlichem Stolz und Selbstgefühl in Bezug auf das Judenthum kennzeichnet, der sich sehr gut verbindet, ja die eigentliche Ursache ist der widrigen Anmaßung und Üeberhebuug im gesellschaftlichen und staatlichen Leben." Nun, Herr Lehmann muß es wissen, und wir acccptiren diese Erklärung von dem gänzlichen Mangel an irgend etwas Jüdisch-religiösem, der in so vielen „aufgeklärten" jüdischen Familien herrscht, von dem fehlenden sittlichen Stolz und Selbstgefühl

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