Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1890)
- Date
- 1890-10-08
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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1421 Feuilleton. Eine beknnrrke MLetodie. Eine Erzählung von B. H a n s e. (Fortsetzung statt Schluß.) Ein reicher Thräncnstrom entquoll Carlislc's Augen. Als dieses überwunden war, sagte er: „Mein lieber Neffe, glaube mir, so glänzend und von reichen Erfolgen begleitet mein Leben nach außen hin ist, so wenig beneidenswerth hat sich bis jetzt mein inneres Leben gestaltet und abgesponnen. Als ich unverschuldet das Schwere über mich ergehen lassen mußte, wie ein nngerathener Sohn vom Vater aus dem Hause gejagt zu werden, bemächtigte sich meiner ein unbändiger Zorn und eine tiefgehende Erbitterung, welche sich um so tiefer in mein Herz einbohrten, je mehr ich dieselben im Vaterhause mit ungeheurer Anstrengung niedergehalten hatte, um von ihnen nicht dahin gebracht zu werden, die Ehrfurcht gegen meinen Vater auch nur mit einem Worte zu verletzen, mich auch nur mit einem Worte an ihm zu versündigen. Dieser Zorn und diese Erbitterung wichen nicht wieder von mir, sie begleiteten mich auf Schritt und Tritt; sie zu besänftigen war mir nicht möglich, lag auch gar nicht in meinem Streben, nachoem ich die Heimath hinter mir hatte. Aber sie gereichten niir zur Qual, und diese wollte ich los sein! Das erreichte ich einzig und allein nur dadurch, daß ich mich zwang, Allem, was in meinem Leben je Gefühlerregendes mir nahe gekommen ist und kommt, nicht den mindesten Raum in meinem Gedächtnisse und in meiner Erinnerung zu gestatten. Es durfte bis jetzt in dieser Beziehung keine Vergangenheit für mich geben und auch die Gegenwart mußte mir stets frei davon bleiben. Ich darf durchaus keine Gefühlserregung an mich herankommen lassen; denn ich habe gefunden, daß cs eine Gesühlsassociation, eine Gcfühlsvergesellschaftung gibt, sowie cs auch eine Gedankenassociation gibt. Sobald man sich einer Gefühlserregung hingibt, melden sich oft schnell anch andere, schon dagewesene, oft weit zurückliegende Erregungen, und nicht etwa blos solche gleichartiger, sondern auch solche ganz entgegengesetzter Natur; die geschäftige Phantasie verrichtet da sehreifrig Hebammendienste und weiß die Verbindnngsfäden schnell herzustellen, und in solchen Augenblicken stellte sich dann bei mir regelmäßig die schmerzlichste aller Empfindungen ein, die je durch mein Herz gezogen ist. Der Zorn und die Erbitterung erwachten daun immer wieder zu neuem Leben in mir. Darum habe ich mein Herz gegen jede Gefühlserrcgung gestählt und es dahin gebracht, daß mich Alles kalt läßt, was Andere theilnehmcnd, schmerzlich oder freudig berührt. O, es ist für den, dem die Natur nicht diese Eigenschaft mit ins Leben gegeben hat, etwas Schweres, unter Menschen nicht menschlich Mitempfinden zu dürfen. Es hat aufgehört, ein wahrhaft menschliches Leben zu sein! Ich bin indessen jeder meiner Pflichten als reicher Mann doch stets gerecht geworden. Ich habe stets jeder an mich gerichteten Bitte um Unterstützung u. s. w. vollauf genügt. Ich kann Dich aber versichern, daß vielleicht Schwereres noch, als mein Vater durch sein Gcmüthsleiden gelitten hat, ich durch den mir selbst aufgelegten Gemüthszwang zu leiden gehabt habe. Der äußerlich so glücklich scheinende und vielbeneidete Earlisle war in seinem Innern nicht glücklich. Ich hoffe, Gott wird mir das als Sühne anrcchneu dafür, daß ich meinen Vater verkannt habe. Der künstliche Panzer, den ich um mein Herz gelegt hatte, ist heute in die Brüche gegangen und soll auch nicht wieder aufgebaut werden. Ich bedarf seiner nicht mehr! Ich kann wieder ich selbst, wieder Mensch unter Menschen sein! Die mir von Dir gewordene Mittheiluug, daß das Verfahren meines Vaters gegen mich aus einer Krankheit desselben hervorgegangcn ist und daß er nach seiner Wiedergenesung sein Unrecht gegen mich erkannt hat, hat dem Zorn und der Erbitterung in mir den Boden entzogen, und ich bin jetzt überzeugt, daß mein Vater nicht mit einem Fluche auf den Lippen gegen mich aus dem Leben geschieden ist, sondern daß sein letzter Hauch von einem Segenswunsch, von einer Segensbitte für mich begleitet war. „Auch mein jetziger religiöser Standpunkt hat seinen Grund in der Verkennung meines Vaters. Weil das harte und ungerechte Verfahren gegen mich von einem Manne ausging, der sich so übertrieben fromm geberdete, faßte in meiner Verbitterung der Gedanke in mir Raum, daß alle Frömmigkeit nur ein bloßer Schein sei und ich habe mich in Folge dessen denen zugesellt, welche alle äußere Formen und Gebräuche in der Religion für verwerflich und nichtswerthig halten. Ich sehe jetzt mit Schmerz ein, daß ich auf eine falsche Fährte gerathen bin. Ich habe, wie man zu sagen pflegt, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Auch in dieser Beziehung hat sich durch Dich heute eine Wandlung in mir vollzogen, lieber Neffe! Gesegnet sei die Stunde, in welcher ich Dich als meinen Neffen erkannt habe! „Nun laß' uns wieder in den Speisesaal gehen, damit ich Dich dort als meinen Neffen vorstelle. Apropos, noch eins! Liebst Du meine Elise? Sie will durchaus nicht von Dir lassen." Meseritzer wurde roth im Gesichte und antwortete nach einigem Zögern: „Ja, ich liebe sie, lieber Onkel!" „Nun gut, von unserer Seite stehen Dir jetzt keine Hindernisse mehr entgegen", sagte Earlisle