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Der Israelit · 1890-10-08 · Heft 78-79 (8.10.1890) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 78-79 (8.10.1890)
Date
1890-10-08
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1409 „Eine Verschwendung", sprach er für sich, „so viel Geld für Streichhölzer auszugeben! Was ist eigentlich an den Dingern, daß sie so theuer sind. Der Poschliua*) kostet freilich viel, aber wenn man wüßte, wie das Pulver da unten gemacht wird, könnte man die ja auch hier in Rußland fabriziren. Das war ein Weg, reich zu werden! Die Regierung würde helfen, eine Streichhölzerfabrik zu bauen und wenn ich der Director wäre, wäre ich ein vornehmer Herr!" Dieser Gedanke verließ ihn nicht mehr. Tag und Nacht verbrachte er grübelnd und sinnend, so daß Breiule oft Ursache hatte, über ihn böse zu sein. Endlich hatte er den Entschluß gefaßt zu versuchen, eine Zündmasse, ähnlich der, welche sich an den schwedischen Hölzern befindet, herzustellen und von der Meditation ging er über zum Experiment. Auf dem Hofe war ein kleiner niedriger Stall, in welchem früher wohl von dem nichtjüdischen Haus- oder Hütteubesitzer Borstenträger gehalten worden waren; diesen wählte er sich zum Laboratorium. Alle ihm bekannten, leicht entzündlichen Stoffen wußte er sich zu verschaffen und nun begann er zu mischen, zu kochen, zu schmelzen und zu versuchen. Es ist als ein Wunder zu betrachten, daß kein Unglück ihn zwang, seine Versuche einzustellen. Unermüdlich, mit der den Polen eigenen Hartnäckigkeit, verfolgte er sein Ziel; vergeblich, es wollte ihm nicht gelingen. (Fortsetzung folgt.) X Eine wichtige militärisch e Ang elegnheit. Die folgende, „buchstäblich wahre" Mittheilung aus dem Leben des hochseligen Kaiser Wilhelm I. wird der „A. Z. d. I." mitgetheilt: Herr K. ist einer der fleißigsten und strebsamsten Mitbürger Berlins, und die Schneiderei, welche er betreibt, erfreut sich gedeihlichen Aufschwungs. Seinem stark markirten Gesicht und seiner noch stärker markirten Sprachweise merkt man es an, daß, wenn jemals die Dekoration des rothen Adlerordens an ihn gelangen sollte, dieselbe mit dem Abzeichen für Nicht-Christen versehen sein würde. Herr K. hat einen Sohn, der ihm in seinem Geschäft zur Seite steht und der sich ihm durch seine Tüchtigkeit unentbehrlich gemacht hat. Der Sohn ist zum Mili« tär ausgehoben worden und liegt in dem Städtchen Allenstein in Garnison. Der ob der „Dislozirung" seines Sohnes ganz rathlose Vater läuft von Pontius zu Pilatus, um die Versetzung seines Sprossen nach Berlin auszuwirken, aber vergebens! überall weist man ihn kurz ab, an einer Stelle soll er so¬ *) Z°u. gar hinausgegangen worden sein. Da erfaßte Verzweiflung die ehrliche Schneiderseele, und er beschließt, direkt zu Sr. Majestät dem Kaiser zu gehen, denn: „mehr wie rausgeworfen kann man doch nicht werden." — Gesagt, gethan. Er zieht sich das „gute" Zeug an und begibt sich schnurstracks in das Palais Unter den Linden. Hier angekommen, wird er von den Bedienten nach seinem "egehr gefragt, und da er antwortet, er müsse den Kaiser sprechen, wird ihm bedeutet, daß das so schnell nicht ginge, daß er schriftlich einkommen müsse :c. Selbstverständlich remonstrirt K. auf das Entschiedenste gegen diese Verzögerung und dringt darauf, sofort gemeldet zu werden. Statt auf seinen Wunsch einzugehen, beginnen die Bedienten ihn mit aller Höflichkeit nach der Richtung der Ausgangsthür hin zu „drängeln". K., darüber nichts weniger als erfreut, protestirt gegen dies summarische Verfahren mit einem so ausreichenden Aufgebot von Lunge, daß sich sofort die Thür des Vorzimmers öffnet, in welcher ein dieustthuender Adjutant erscheint, der sich nach der Ursache des Lärmes erkundigte. „Ich muß meinen Kaiser sprechen," sagte K. mit dem Tone des gekränkten Stolzes. „Da müssen Sie erst schriftlich einkommen-" „Weiß ich Alles", unterbrach K. den Adjutanten. „Sagen Sie nur Sr. Majestät, ich müßte ihn in einer „wichtigen militärischen Angelegenheit" sprechen." Der Adjutant wird stutzig. Er geht in das Kabinet und meldet dem greisen Kaiser, es wäre ein Mann da, der ihn in einer wichtigen militärischen Angelegenheit zu sprechen habe. „Lassen Sie den Mann eintreten." K. tritt ein. Kaiser Wilhelm sitzt an seinem Schreibtische und arbeitet. Dem Schneider klopft das Herz in leicht erklärlicher Aufregung. Bescheiden steht er in der Ecke des Gemaches und wartet. Minute vergeht um Minute; aber Niemand nimmt Notiz von ihm. K. denkt bei sich: „Was kann da sein?" und macht sich durch mehrmals wiederholtes Husten bemerklich. Der Kaiser blickt auf, „Ah, da sind Sie! Was wünschen Sie!" „Majestät, Sie werden an meiner Sprache hören, daß ich ein „Großherzogthümer" bin. Mein Vater — Gott Hab' ihn selig — war ein armer Mann, der nichts auf meine Ausbildung verwenden konnte. Ich kann weder lesen noch schreiben. Ich habe aber einen Sohn, der ein sehr tüchtiger Mensch ist; der führt mir die Bücher und schreibt mir die Briefe, denn mein Geschäft geht „unberufen" gut. Nun haben sie mir aber meinen Sohn zum Militär ausgehoben und nach Allenstein geschickt. Maje-

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