Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1890)
- Date
- 1890-10-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1408 und sich seiner Züchtigung durch die Flucht nicht entziehen konnte. Er tappte langsam an dem Ladentisch dahin, während Frau Breinle seinen Rücken weiter bearbeitete. Endlich drehte er sich um, und die Hand, welche den Riemen schwang erfassend, rief er: „So, jetzt ist genug. Malkus arboim *) steht geschrieben. Die Hab' ich und mehr will ich nicht." — Roch ehe Frau Breinle etwas erwiedern konnte, kam ihm auch Hilfe von anderer Seite. Aus dem, unter dem kleinen Laden gelegenen Wohnzimmer tönte im höchsten Diskant die Stimme des Mannes der Frau Breinle: „Breinle, Breinle, die Katze wird den Fisch holen." „So jag' sie fort", entgegnete sie ganz außer Athem. „Ich darf nicht Mafsik sein", war die Antwort, und bald darauf: „Breinle, Breinle, die Katz hat den Fisch geholt!" Rasch eilte die Gerufene jetzt fort, um den Fisch zu retten, aber es war zu spät. Auf einer hohen Mauer im Hofe saß der Dieb und that sich gütlich an seinem Raube, während Frau Breinle ihn mit einem Besen zu verscheuchen suchte. Um dem ihm drohenden Donnerwetter zu entgehen, kam jetzt Herr Zuckersüß in den Laden heraus und sah sich nach einem Blitzableiter um. Er fand ihn auch in Gestalt eines Briefes, den der Briefbote durch die Ladenthür geschoben hatte. Zadok Zuckersüß hob ihn auf und öffnete ihn. Der Brief mußte angenehme Nachrichten enthalten, denn Zadok kniff die Augen zusammen und ging zu seiner Frau ins Zimmer zurück, was nach Lage der Dinge doch nicht ganz ungefährlich war. Unterdessen hatte der junge Mensch Gesicht und Hände abgewaschen und sich auf einen Holzklotz gesetzt, welcher im Laden neben dem Ofen stand. Mit trauriger Miene sah er hinaus ins Freie, woselbst ein blauer Himmel sich über der grünenden Erde wölbte, die Vöglein ihren herrlichen Gesang ertönen ließen und jedes Geschöpf in der Natur Frühlingsluft athmete. Auch in seinem Herzen regte sich etwas, aber er verstand es nicht und unterdrückte mit Gewalt ein ihm fremdes Gefühl. Er war eine Waise; seine Eltern waren ihm rasch nacheinander gestorben, als er noch nicht zwei Jahre alt war, und da er ein hübscher, kräftiger Knabe war, hatten ihn Zadok und seine Frau, die selbst keine Kinder besaßen, ins Haus genommen und erzogen. Seine Kindheit war eine licht- und freudenlose. Die Zeit, welche andere Kinder in Tpiel und Lust verbringen, verging ihm in schwerer Arbeit, denn Frau'Breinle wußte stets Arbeiten für ihn zu finden und wollte ihn nicht umsonst groß füttern. Arbeitete er nicht genug, so gab es Schläge, oder er mußte hungern. Trotzdem gedieh der Knabe prächtig und entwickelte sich körperlich und geistig weit über sein Alter. Im Dorfe, welches fast ausschließlich von Juden bewohnt war, gab es keine Schule; nur ein Cheder war da, in welchem Hebräisch gelehrt wurde. Trotzdem gab es keinen, der besser lesen, schreiben und rechnen konnte, keinen, der stärker und gefälliger mar als Chajim Mandelkern. Von wem er seine Kenntnisse hatte, wußte keiner, aber alle gebrauchten ihn als Sekretär, wenn es galt, etwas Wichtiges schön zu schreiben. Niemand wußte, daß er jede freie Minute für sich benutzte, sich mit sechs Stunden Schlaf begnügte und die übrige Zeit lernend und stndirend verbrachte. Sein Streben war, „etwas zu werden" und wenn er das Elend sah, in welchem er und seine Glaubensgenossen lebte, so blutete ihm das Herz. Aus Dankbarkeit blieb er bei seinen Pflegeeltern und erduldete, trotzdem er schon neunzehn Jahre alt war, die unwürdige Behandlung seiner Pflegemutter. Um so reicheren Genuß boten ibm die Stunden, in denen sich sein Pflegevater mit ihm unterhielt. Zadok hatte ein reiches, talmudisches Wissen, und Niemand hätte geahnt, daß der Mann, welcher jetzt Häringe, Käse, Cigarren k. verkaufte, der Verfasser geistreicher, halachischer Schriften war. Für profane Wissenschaft hatte Zadok keinen Sinn; ihm war der Talmud die Quelle alles Wissens, und er freute sich, daß Chajim jetzt so weit war, das Ladengeschäft für gewöhnlich allein versehen zu können. Nun saß er in seinem Zimmer und lernte, und nur wenn das Geschäft es verlangte, half er, die Kunden bedienen. Während nun Zadok in seinem Zimmerchen lernte, studirte Chajim, wenn Niemand im Laden zu bedienen war in seinen Büchern, die er sich von der Grenze herüber besorgen ließ. Zadok ließ ihn gewähren, aber seiner Pflegemutter war das Studiren ein Dorn im Auge, und wir haben gehört, welch' schlagende Beweise ihres Uebelwollens sie zu geben verstand. In seinem Kopfe jagte ein Gedanke den anderen. Wie mußte er sich quälen und was hatte er vom Leben? Reich werden, ein großer Herr sein, der Welt durch seinen Geist, nicht .durch seine Hände Arbeit nützen, von all dem Elend, welches er vor sich sah, befreit, das waren jetzt die Wünsche seines Herzens. Wie er seine Blicke nun durch den engen Laden schweifen ließ, fielen dieselben auf eine an der Wand hängende Schiefertafel. Diese Tafel wurde benutzt, um die Dinge zu notiren, welche verborgt wurden. Heute war sie noch leer und doch hatte die Pflegemutter schon „Zwetsche Streichhölzer" verkauft. Chajim ging hin und notirte das Vergessene. 8) Vierzig Schläge.