Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1890)
- Date
- 1890-10-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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bete. „Das ist etwas Ungewöhnliches! Wer hat Carlisle je weinen sehen?" Meixner stand auf und ging hinaus, um nach ihm zu sehen. Max Kirschner folgte ihm. Sie fanden ihn im Garten auf- und abgehend, Meixner zuerst. „Was fehlt Ihnen, Herr Carlisle?" fragte Meixner besorgt. „Gar nichts, mein lieber Herr Meixner!" antwortete er. „Ich habe eine Bitte an Sie! Wir wollen einmal sehen, ob hier ein Zimmer frei ist." Während dessen war auch Max Kirschner herzugetreten und hatte dieselbe Frage wie Meixner an Carlisle gerichtet und dieselbe Antwort erhalten, daß ihm gar nichts sei. Sie waren unterdessen dem Hause zugeschritten und Carlisle hatte einen in der Thür stehenden Kellner gefragt, ob ein Zimmer frei sei und von diesem die Antwort erhalten, daß im ersten Stocke Nr. 5 unbesetzt sei. Carlisle bat Meixner, Herrn Meseritzer zu ersuchen, auf einige Augenblicke dorthin zu ihm zu kommen, er habe Nothwendiges mit ihm zu sprechen. Er dankte beiden Herren für ihre freundliche Aufmerksamkeit, entschuldigte sich bei denselben und ließ sich von dem Kellner in das genannte Zimmer führen und gab ihm zugleich den Auftrag, den jungen Herrn, der jetzt aus bem Saale kommen wird, zu ihm zu führen. Meixner und Kirschner begaben sich ebenfalls wieder in den ersten Stock, Elfterer öffnete die Thür des Speisesaals und winkte Herrn Meseritzer. Als dieser herausgekommen war, faßte er ihn an der Hand und führte ihn an das Zimmer Nr. 5. Dann sagte er zu ihm: „Herr Carlisle ist in diesem Zimmer und wünscht Sie zu sprechen. Gehen Sie hinein!" Meseritzer that dieses, während Meixner und Kirschner wieder in den Speisesaal zurückkehrten, Letzterer mit einem sehr verdutzt anssehenden Gesichte. Carlisle stand mitten im Zimmer, als Meseritzer eintrat. Er ging auf denselben zu und reichte ihm die Hand, indem er sagte: „Ich danke, Ihnen, Herr Meseritzer, daß Sie gekommen sind; bitte, nehmen Sie Platz!" Als Meseritzer sich gesetzt hatte, sagte Carlisle: „Ich muß Sie über etwas um gütigen Aufschluß bitten. Woher haben Sie die Melodie des „Schir hamaalaus", die Sie heute gesungen haben?" Meseritzer sah ihn einen Augenblick verwundert an, dann sagte er: „Diese Melodie ist ein Erbstück unserer Familie. Dieselbe ist von meinem Großvater, der ein berühmter Cantor und Componist war, componirt. Es ist seine letzte Composition, weßhalb sie in unserer Familie Werth gehalten wird." „Wie hieß Ihr Großvater?" „Reb Michel Kolischer." „Lebt er noch?" „Nein, er ist schon etliche und zwanzig Jahre tobt!" Die Augen Carlisle's füllten sich mit Thränen. Er hielt sich einige Minuten das Taschentuch vor das Gesicht, und man sah an dem convulsivischen Zucken, das seinen Körper schüttelte, daß er weine. Dann wischte er sich die Thränen aus den Augen und von den Wangen und sagte: „Sie sind also ein Sohn der Tochter des seligen Michel Kolischer. Wie heißt Ihre Mutter?" „Hannchen", antwortete Meseritzer. Carlisle sprang vom Stuhle auf und lief auf Meseritzer zu und umarmte und küßte ihn. „Ach, lieber Meseritzer!" rief er, „Du bist ja mein Neffe, der Sohn meiner lieben Schwester Hannchen! Ich kenne Dich schon so lange und erfahre das jetzt erst! Lebt denn meine liebe Schwester Hannchen noch und wie geht es ihr?" Meseritzer war außer Fassung gerathen, so daß er außer Stande war, zu antworten. Er sah Carlisle verwundert, fast erschrocken an. „Du kannst Dich noch nicht darein finden, daß ich Dein Onkel sein soll, und doch ist es so!" sagte Carlisle. „Haft Du nie von Deiner Mutter gehört, daß sie noch einen Bruder hat, der Salomo heißt und welcher der Familie verschollen zu sein scheint?" „Salomo?" rief Meseritzer freudig. „Ach, Gott! In jedem Briefe, den ich erhalte, fordert sie mich auf, nachzuforschen, ob in Amerika sein Aufenthalt nicht ermittelt werden kann. Sie weiß ihre Sehnsucht nach ihrem Bruder Salomo fast nicht zu bewältigen und sprach, als ich noch zu Hanse war, fast täglich von ihm. Es geht übrigens meinen lieben Eltern und meinen lieben Geschwistern, Gott sei Dank! ganz gut. Ich habe erst vor acht Tagen Brief von zu Hause erhalten." „Das freut mich. Was für ein Geschäft hat Dein Vater? und wieviel Geschwister hast Du?" „Mein Vater hat eine Fell- und Wollhandlung. Ich habe noch fünf Bruder und zwei Schwestern." „Sind alle Deine Geschwister so tüchtig wie Du?" „Meine Geschwister sind, Gottlob! sämmtlich brav und tüchtig." Darauf erkundigte er sich nach seiner zweiten Schwester, Leah, und nach seinem Bruder Nathan. Die Nachricht von dem Tode dieser Schwester erschütterte ihn und er weinte ihr eine Thräne nach; die von dem Tode Nathan's hingegen nahm er gleichgiltiger auf, nicht aber so den Bericht über die