Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 78-79 (8.10.1890)
- Date
- 1890-10-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448098--30811-3519624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Lübeck 1× ep/1048008
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
1398 schlechten Vermögensverhältnisse seiner hinterlassenen Wittwe und deren Kinder. „Ich bin schon lange von Deutschland weg", sagte er, „habe aber nie nach Hause geschrieben, was gewisse Unistände verschuldet haben." „Ich weiß dieses", antwortete Mescritzer. „Meine liebe Mutter sprach oft davon und das stets mit tiefem Schmerze, daß Ihnen so Unrecht geschehen ist, selbst mein Großvater hat das später eingeschen und sehr bedauert." „Sprich' nicht per Sie mit mir, lieber Meseritzer, sondern per Du, ich bin Dein Onkel!" sagte Carlisle. „Hat mein seliger Later wirklich später eingeseheu, daß er mir Unrecht gethan hat?" „Jawohl!" antwortete Mescritzer. „Ich habe ihn zwar nicht selbst gekannt, aber von meinen lieben Eltern habe ich das unzählkgemal gehört. Sein sonderbares Benehmen, seine überspannte Frömmigkeit und seine Härte gegen Dich, lieber Onkel, war, wie sich später herausftellte, die Folge einer Gemüthskrankheit, die dadurch entstanden sein soll, daß er das Cantorat aufgegeben hat. Einige Zeit nach Deiner Abwesenheit erkrankte er sehr schwer an der Lungenentzündung und verlor durch dieselbe seine Stngftimme vollständig, das wirkte schon heilend auf seinen Gemüthszustand. Mein Vater war bei ihm im Geschäfte, und da er ein sehr guter Talmudist ist und jede freie Stunde zum Talmudstudium benutzte, so bekam mein Großvater dadurch auch Lust, dieses Studium, das er in seiner Jugend stark betrieben hatte, wieder aufzunehmen und betrieb es nunmehr mit meinem Vater gemeinschaftlich. Diese Beschäftigung mit den Verstandesschärfen Auseinandersetzungen der Talmudweisen verhalf seinem Geiste wieder zur völligen Klarheit und vollendete seine Heilung. Seine übertriebenen religiösen Uebungeu und Kasteiungen hörten auf, an die Stelle seiner Ueberspanntheit in allen Religionsangelegenheiten trat wieder seine frühere, auf glaubensstarkem Boden ruhende, vernünftige, echt jüdische Frömmigkeit, und das Verhalten gegen seine Kinder wurde wieder das eines liebenden Vaters. Man soll selten wieder einmal eine unfreundliche Miene an ihm bemerkt und selten ein unfreundliches Wort aus seinem Munde vernommen haben. Da hat er denn auch das Dir angethane Unrecht anerkannt und ließ in den meisten deutschen Zeitungen die Bitte an Dich ergehen, zu ihm zurückzukehren, und da dieses erfolglos blieb und er vernommen hatte, Du seiest nach England gegangen, ließ er dieselbe Bitte in die am meisten verbreiteten englischen Zeitungen eiurücken. Der Mißerfolg hat ihm vielen Kummer bereitet. In seinem Testamente hat er für Dich dreißigtausend Thaler, für Nathan und meine liebe Mutter je fünfzehntausend Thaler festgesetzt. Das Dir zugewiesene Erbtheil untersteht jetzt noch der amtlichen Verwaltung und mag durch den Zinsenzuwachs bereits zu einer sehr bedeutenden Summe angewachsen sein." „Also in einer Gemüthskrankheit hatte das Thun und Lassen meines Vaters seinen Grund!" stieß Carlisle mit gepreßter Stimme hervor, als Mescritzer seinen Bericht beendet hatte. „Lieber Gott! warum mußte mir das verborgen bleiben! Wie gern hätte ich meinem lieben Vater das arge Leid verziehen, das er wir zugcfügt hat, ja ich hätte ihm nie gegrollt darüber! Was der Mensch aus Krankheitszwang, also unfreiwillig thut, kann ihm ja nicht angerechnet werden!" (Schluß folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montagsund Donnerstags, jedesmal in mindestens S Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel ju bestehen bei G. F. Steinackrr, Leipzig, Doßpiatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. *— Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Allsland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einznfenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Die Sukkoh. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland Mainz. Berlin. Aus Oberhessen. Hamburg. Lübeck. Solingen. Remagen. Neuwied. Mayen. Heidelberg. Aus dem Unter- Elsaß. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Dlör-Mindszend. Pörösvar. Ung. Brod. — Frankreich: Lille. — Amerika: Philadelphia. Feuilleton: Eine bekannte Melodie. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Das Anlegen der Thefillin. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Aus Hessen. — Rußland: Odessa: Jnbalt der belletristischen Beilage: Gofrith womelach (Fortsetzung). — Sukkoth. Inhalt der Extra-Beilage: Ein Kunstblatt zur Verzierung der Laubhütte. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstl. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.