Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-10-08 · Heft 78-79 (8.10.1890) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 78-79 (8.10.1890)
Date
1890-10-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448098--30808-3519621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1395 Wien, 15. Sept. Ein Statthalterek-Erlaß, welcher den Gemeinden der Umgegend Wiens jüngster Tage zugekommen, beauftragt die Bürgermeister, zu verlautbaren, daß im Sinne des Gesetzes voni 21. März 1890, betreffend die Regelung der israelitischen Religions-Genossenschaften, alle in einem politischen Bezirke ansässigen Israeliten, die bisher keiner Cultusgemeinde augehörcn, der Bezirkshauptmannschaft schriftlich zu erklären haben-. 1. ob sie sich zu einer selbstständigen Cultusgemeinde constituiren wollen und wo deren Sitz sein soll, oder 2. ob sie einer schon bestehenden, und zwar welcher Cultusgemeinde, einverleibt werden wollen. Erklärungen, die nicht innerhalb der bestimmten Frist überreicht werden, bleiben unberücksichtigt und wird angenommen, daß solche Israeliten, die sich nicht erklärten, der Ansicht der Mehrzahl beistimmen. Prag, im September. Die Fleischhauerwittwe Rosalia Taußig wurde bei dem Brückeneinsturze in wunderbarer Weife gerettet. Sie ging am 4. September um halb sechs Uhr Morgens von der Kleinseite über die Brücke nach der Altstadt. Als sie sich auf derselben befand, hörte sie plötzlich ein furchtbares Getöse knapp hinter sich; als sie sich umblickte, sah sie knapp hinter sich eine mächtige, braune Staubwolke zur Himmelsdecke emporsteigeu, nicht einen halben Fuß hinter ihr war der Riesenbau cingestürzt, hätte sie ihren Schritt verlangsamt, nur zwei, drei Sekunden verlangsamt, wäre sie unrettbar verloren gewesen. Während der Jnundation fuhren in der ehemaligen Judenstadt, jetzt Josefsstadt genannt, in welcher sich alle Synagogen, das Rathhaus, das Spital und fast alle Institute der Cultus-Gemeinde befinden, der Gemeinde-Präses Dr. Rosenbacher, dessen Stellvertreter Dr. Bendiner und der Präses- Stellvertreter der Armen-Kommission, Buchdrucker Schmelkes, in Booten herum, um den Bedürftigen ohne Unterschied der Confession Lebensunterhalt zu bringen. Eine sofort von dem hiesigen israelitischen „Nächstenliebe-Verein" eingeleitete Sammlung zur Linderung der momentanen Noth für unsere Glaubensgenossen hat bis jetzt einen Betrag von 4500 Gulden ergeben, welche sich bis zu den Feiertagen in den Händen der Beschädigten befinden werden. Hervorzuheben ist, daß sich an dieser Sammlung auch Nichtjuden mit namhaften Beträgen betheiligten. Von den Synagogen sind nur einige und auch diese nur in geringem Maaßc überschwemmt gewesen. Bloß die altchrwürdige Altneusynagoge, die sehr tief liegt — es führen einige Stufen in dieselbe hinab — wird zu den hohen Feiertagen nicht benützt werden können. Diör-Mirrdszend. Der jüngst hier weilende Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand d'Este, wohnte im Hanse des jüdischen Gutspächters Herrn Heinrich Mauthner. Börösvar bei Pesth. Der Vorstand der isr. orth. Cultusgemeinde zu Vörösvar theilt uns mit, daß der in Nr. 64 berichtete Vorfall, „wonach der Rabbiner einer alten Nachbargemeinde von Pesth in Gegenwart des Schächters und Tempeldieners fünf jüdische Seelen dem fremden Glauben überliefert habe," in dieser Gemeinde nicht stattgefunden hat. Ung. Brod (Mähren), 8. September. Die Jsraeliteugemeiudc Ung. Brod hat den vacanten Rabbinatssitz durch Herrn Dr. Jung aus Mannheim besetzt. Dr. Jung hat zweimal Probepredigt gehalten und sämmtliche Mitglieder der Gemeinde befriedigt. Jeder Hörer fühlte ein treues, ehrliches Gemüth, eine begeisterte Hingebung an die jüdische Sache, ein gründliches Denken, einen unbefangenen Blick für historische Zustände und moderne Verhältnisse und einen redlichen Willen, einer großen Aufgabe allseitig gerecht zu werden. Die Jnstalliruug erfolgte in herzlicher und weihevoller Weise. _ Die Gemeindevertretung geleitete ihren neuen Seelsorger in das imposante Gotteshaus, in welcher die Schuljugend, spalierbildend, aufgestellt war. Alle Räume waren von freudig bewegten Leuten gedrängt voll, und ein kleines Schulmädchen, mit einem prachtvollen Blumenbouquct in der Hand, drückte in mächtig ergreifenden Worten die Gefühle der ganzen Bevölkerung aus: „Die Schuljugend begrüßt im heiligen Gottcshause den ehrwürdigen Herrn Rabbiner , den Verkünder des göttlichen Wortes, den Lehrer des göttlichen Willens. Willkommen! lautet der Ruf angesichts der Stätte, die des Seelsorgers sehnsüchtig harrt; willkommen l tönt das Echo aus den freudigen Gefühlen der Gemeinde, die den Tag segnet, der den auserwählten, geistigen Führer in ihre Mitte bringt. Den Blumen gleich möge Ihre erhabene Thätigkeit, hochverehrter, sehr geschätzter, ja bereits geliebter Herr Rabbiner, voll Anmuth, Herrlichkeit und Duft sein". Eine ehrfürchtige, bietende Weihe herrschte im Gotteshause, nachdem das Kind die Gefühle der Gemeinde ausgedrückt hatte. Der Cultusvorsteher hielt ebenfalls ganz ergriffen, eine aus dem Herzen kommende Ansprache an Sr. Ehrw. und legte das Wohl der Gemeinde dem neuen Oberhaupte an's Herz. Dr. Jung begab sich nun auf seinen Sitz, der, blumengeschmückt, am Almemor sich erhob. Die Jnstallirungsrede, die nun folgte, enthielt das Programm, den Umriß des weiten Gebietes, das der neue Rabbiner befruchten will. Dr. Jung ist den Lesern dieses Blattes nicht fremd; doch ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.