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Der Israelit · 1890-09-25 · Heft 76-77 (25.9.1890) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 76-77 (25.9.1890)
Date
1890-09-25
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1412 Stalle bemerkte, holte sie ihren Mann, und den vereinten Anstrengungen der Beiden wich die morsche Thüre und zerbrach. Als sie nun eintreten wollten (sie konnten nur auf allen Vieren kriechend dies bewerkstelligen), kam ihnen ein so scharfer Rauch entgegen, daß sie sofort umkehrten und die schmerzenden Augen zuhielten. Diesen Augenblick benutzte Chajim, kroch unbemerkt aus dem Stalle und verschwand im Hause. Nachdem der Rauch abgezogen war, wollte Breinle in den Stall kriechen, aber Zadok erlaubte es nicht. „Da soll Chajim drin sein? Nein, Breinle Du bist Dich toö",') sprach er. „Ich bin mich nicht toö, Chajim ist drinnen", versetzte sie, „und er wird uns noch das Haus überm Kopf anzündeu. Chas wescholem." ") „Stuß", entgegnete Zadok, „Chajim ist kein Kind mehr. Ruf ihn." Breinle wollte noch etwas erwiedern, doch schien ihr der Rath Zadoks vernünftig, und sich vorbeugend, hielt sie beide Hände wie ein Sprachrohr vor den Mund und ries in den Stall hinein.- „Chajim, Chajim!" — Es erfolgte keine Antwort. „Er sollte doch nicht erstickt sein, chas wescholem", fragte sie ihren Mann. „So leicht erstickt man nicht", entgegnete er phlegmatisch „ruf' nochmal!" Abermals ertönte der Ruf „Chajim, Chajim", diesesmal aus zwei Kehlen — es erfolgte keine Antwort. Breinle bückte sich, steckte ihren Kopf durch die Sefsiriing und durchsuchte mit den Augen den dunklen Raum — der Stall war leer. Enttäuscht gingen sie ins Hans zurück-, da saß Chajim vor dem Ladentisch und sortirte Bohnen. Lächelnd fragte er: «Soll ich nicht drei Sorten machen'?" Hätten Blicke tobten können, so wäre es um Chajim geschehen gewesen, denn ans Brcinlcs Augen zuckten Blitze, doch schwieg sie stille und begab sich in die Küche. Zadok blieb und sah zu, mit welcher Geschwindigkeit Chajim die Bohnen sortirte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, und mir seiner sanften Stimme fragte er jetzt: „Chajim, warst Du im Stall?" Tiefer sah von seiner Beschäftigung ans, und als er in das gutmüthige Gesicht seines Pflegevaters blickte, vermochte er nicht zu leugnen. „Ja, Tate," erwiederte er frcimüthtg, „ich war im Stall." „Wie bist Du herausgekommen?" forschte Zadok weiter. „Ich bin an Euch vorbeigelausen; Ihr habt die Augen zugehalten und mich nicht gesehen." „Und was hast Du im Stall zu thun?" „Das kann ich dem Tate nicht sagen", versetzte Chajim; „wenn ichs gefunden Hab' soll's der Tate wissen. „Ist es denn was Schlimmes?" „Nein, Tate, es ist etwas Gutes, wenn ich es find' und ist gar nichts, tuetttt ich es nicht find." Mit dieser räthselhaften Auskunft begnügte sich Zadok und verließ den Laden. Chajim blieb allein. Er überlegte, ob es nicht besser für ihn sei, die Versuche einzustellen und sein Elend wie seither zu tragen. Was konnten ihm die Versuche bringen'? Er konnte sich und die Seinen unglücklich machen. Und doch hätte er für sein Leben gern seinen Entschluß ausgeführt'. Was war zu thun? Sollte er ewig hier Käse, Stiefelwichse und Colonialwaaren verkaufen? Nein! Irgend etwas mußte sich finden, wodurch er sein Loos und das feiner Pflegeeltern verbessern konnte. Er grübelte und sann Tag und Nacht, ohne daß er etwas fand. Am besten erschien es ihm, wenn er sich aufmachte, nach Deutschland ging, dort die Fabrikation der Zündhölzer erlernte und hierher zurückkehrte, um dann in seiner Heimath eine Fabrik zu errichten. Er durfte dann aus die Unterstützung der russischen Regierung rechnen. Denn wenn dieselbe auch kein Freund der Juden ist, so unterstützt sie doch Unternehmen, durch welche die Industrie gehoben wird, selbst dann, wenn der Unternehmer nicht der griechischkatholischen Kirche angehört. Die Wohlthaten, welche die Juden dem Lande erweisen, kann es ja annehmen; dieselben verpflichten ja nicht! Chajim trug sich Wochen lang mit diesem Gedanken. Stets zögerte er, ihn auszuführen. Was dieses Zögern veranlaßte, war weder Mutlosigkeit, noch Mangel an Energie; es war die Dankbarkeit, die ihn an der heimathlichen Scholle des Elends festbannte, die Dankbarkeit, die er seinen Pflegeeltern schuldete. Sie hatten ihu erzogen und gepflegt, hatten sich seiner angenommen, als er als elternlose Waise allein in der Welt stand und seine Lage nicht fühlen und begreifen konnte. Und jetzt, da beide alt waren, da er so weit war, ihnen die Bürde des Lebens erleichtern zu können, jetzt sollte er sie schmählich verlaffen? Nein, wenn man ihn auch strenge behandelt und ihm schon als kleines Kind schwere Pflichten auserlegi hatte, so wollte er doch deßhalb kein Undankbarer sein. — Aber seine Abwesenheit dauerte ja nicht ewig; er konnte ja in Deutschland Geld verdienen und dieses seinen Pflegeeltern senden und so ihnen helfen. Wie viele reisen das Jahr hindurch nach Deutschland, um zu betteln; sie schicken ihren Angehörigen in regelmäßigen Zwischenräumen Geld und kommen nach Jahresfrist mit gefüllter Börse wieder, um im nächsten Jahre denselben Beitelzug zu unternehmen! Wenn diese Schnorrer das fertig bringen, wie sollte es ihm nicht gelingen, da er arbeiten wollte und konnte! Unter diesen Erwägungen verging die Zeit und Chajim konnte zu keinem Einschluß kommen. Er sah sehr schlecht aus und Zadok blickte ihn oft prüfend an. Da trat ein Creigniß ein. welches Chajim drängte, ohne längeres Ueberlcgen seinen längst gefaßten Entschluß auszuführen. Ein weitläufiger Verwandler Zadoks, der in M . . . . k ein ähnliches Geschäft befaß, hatte im vorigen Jahre auf der Durchreise diesen besucht und bei dieser Gelegenheit Chajim kennen gelernt. Chajim gefiel ihm. und da er eine dreizehnjährige Tochter hatte, faßte er den Adoptivsohn Zadoks als Schwiegersohn ins Auge. In Polen heiratheil die jungen Leute sehr früh, und oft ohne sich vorher gesehen und gekannt zu haben. Die Eltern wählen für ihre Kinder, ordnen die Vernlögensverhältnisse, bestimmen den Tag der Hochzeit, und oft sprechen sich die Eheleute nach der Training zum ersten Male. Eines Tages erhielt Zadok einen Brief von seinem Verwandten, in welchem ihm dieser eine eheliche Verbindung zwischen Chajim und seiner Tochrer vorschlug. Sie erschien ihm und seiner Frau annehmbar, und eines Abends eröffneten sie dem staunenden Chajim, was sie über ihn beschlossen hatten. Chajim antwortete gar Nichts, aber sein Entschluß war gefaßt, Noch in derselben Nacht wanderte er der Grenze zu, nichts mit sich führend als einen handfesten Stock, und den festen Willen, sein Ziel auch dann zu erreichen, wenn es ihm noch so schwer fallen würde. „Allgütiger, der Du unserem Vater Jakob geholfen, als er mit seinem Lckabe, seinem einzigen Besitzthum, den Jordan überschritt, Du wirst auch mir beistehen, aus daß es mir gelingen möge, dereinst ein tüchtiger Manu zu werden, meine Pflegeeltern unterstützen zu können, der Menschheit zum Nutzen und dem Judenthume zur Ehre zu gereichen." Also betend überkam ihn ein beseeligendes Gottvertrauen und mit frischer Kraft und heiterem Gemüthe legte er ein Werft nach dem anderen zurück. Als Breinle und Zadok am anderen Morgen ihren Adoptivsohn suchten, konnten sie ihn nicht finden; sie fragten im ganzen Dorfe nach ihm; Niemand konnte ihnen auf ihre Fragen Antwort geben, Niemand hatte Chajim gesehen, Niemand wußte, wo er sich aufhielt; er war und blieb verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Sutckoth. Erzählung von H. Berger. Lemaan, damit, jeäu daurausechen eure Nachkommen wissen, ki daß basukkaua in Laubhütten hauschafti ich wohnen ließ ez bne jisroel die Kinder Israel b’hauzii ausom als ich sie herausführte meerez mizrajim aus dem Lande Egypten." also übersetzte ganz geläufig der achtjährige Knabe, der, neben den Eltern in der Laubhütte sitzend, denselben *) Du irrst Dich. *) Davor sei Gott.

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