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Der Israelit · 1890-09-25 · Heft 76-77 (25.9.1890) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 76-77 (25.9.1890)
Date
1890-09-25
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1413 seine Kenntnisse mit einem gewissen Stolz zeigen wollte. Der Bater war auch recht zufrieden mildem, was er gehört hatte und nahm den Kopf des Kindes zwischen seine Hände und drückte einen innigen Kuß auf seine Stirne. Die Mutter sah sinnend durch das Laubdach gen Himmel, woselbst Miriaden-Sterne funkelten und erst die Anrede des ältesten Sohnes, eines Knaben von vierzehn Jahreu, weckte sie aus ihren Träumen. „Mutter," fragte der Knabe, „warum bist Du heute so ernst? Es ist Sukkoth, ein Freudenfest, und trotzdem liegt ein tiefer Ernst, ja eine gewisse Trauer auf Deinem Antlitze?" „Ja," entgegnete die Mutter, „Du hast Recht, heute ist nicht die Zeit, wehmüthige Erinnerungen zu pflegen; trotzdem kann ich die Gedanken nicht verjagen, wenn sie sich ungerufen einstellen'" „Wehmüthige Erinnerungen?" fragte der aufgeweckte Knabe; „erzähle Mutter, erzähle." „Ja, erzähle, liebes Mütterchen," schmeichelten jetzt die Kinder, und da der Blick des Vaters dasselbe sprach, begann die Mutter also: „Ihr wißt, daß in meiner Heimath es dem Juden nicht leicht gemacht wird, die Gebote seiner Religion zu erfüllen. Lpott und Hohn und Verachtung muß er oft geduldig eriragen, wenn er die Gesetze erfüllen will, die unsere heilige Thora uns vorschreibt. Trotzdem halten die Juden in meinem lieben Heimathsdorfe strenger alle Gebote Gottes als die meisten Glaubensgenossen hier und in hiesiger Gegend, iss scheint, je schwerer es uns gemacht, unsere'Pflicht zu erfüllen, um so fester klammern wir uns an dieselbe. Bei meinen lieben Eltern waren die Festtage stets Freudentage, und wenn mein Vater sich an den Wochentagen quälen mußte wie eilt Sklave, an Sabbat- und Festtagen tauschte er mit keinem König. Tie schönste Sukkoh konnte man bei uns nnden, ESrog und Lulaf kosteten meinem Vater alljährlich vieles Geld, denn das beste der Besten war ihm oft nicht gut genug. Sukkoth war für unsere Familie ein Freudenfest im edelsten Sinne des Wortes. Da kamen böse Zeilen über unser Haus. Mein ältester Bruder, der Stolz meines Vaters, erkrankte schwer. Was ärztliche Kunst vermochte, wurde angewandt — vergeblich. Das akute Leiden meines Bruders ging in ein chronisches Sicchthum über, und als im folgenden Jahre das Schofar am Rosch Chodesch Ellul zum ersten Mal ertönte, betteten sie ihn in die kühle Erde. Mit ihm, dem zwanzigjährigen, war der Abgott der. Eltern, der Stolz der Geschwister dahin. Die ernste Zeit stimmte den Vater noch ernster, und als Roseli haschonoh herankam, befürchtete der Arzt den Ausbruch eines Nervenfiebers und verlangte, daß mein Vater sofort einen Badeort aufsuche. Nach langem Widerstreben willigte er endlich ein, und zum ersten Male verbrachten die Eltern die höchsten Feiertage außerhalb des Familienkreises." „Das war kein Jom tos für Euch, liebe Mama", schaltete das Töchterchcn ein. „Nein, mein Schatz", entgegnete die Mutter lächelnd, .das war ein Jom tos wie ich ihn keinem Menschen wünsche. Wir Kinder saßen den ganzen Tag im Zimmer und warteten auf Brief und weinten, und als der Briefbotc kam und uns Nachricht von den Eltern brachte, flössen unsere Thränen wo möglich noch reichlicher. Unserem Vater ging cs sehr schlecht, so daß er selbst keine Zeile schreiben konnte. Unsere Sorge war sehr groß und wir beriethen schon, ob nicht mein Onkel zu den Eltern rSisen sollte. Die Mutter wollte es nicht. So kam der Jom Kippur. Wenn jemals andächtige, innige Gebete von Menschenlippen zu dem Throne Gottes emporgestiegen sind, so waren es an jenem Versöhnungstage meine Gebete und die meiner Geschwister, und der liebe Gott, der das Gebet eines Kindes, das sich in seiner Noth demüthig und vertrauenden Herzens an Ihn wendet, erhört — er erhörte unser Flehen; nach Jom Kippur erhielten wir bessere Nachrichten. Unsere Freude war grenzenlos. Wir gingen umher wie Träumende, und ehe wir daran dachten, war der Erew Sukkoth vor der Thüre. Da fiel uns unsere Nachlässigkeit schwer auf die Seele. Wir hatten noch keine Sukkoh errichtet, Esrog und Lulaf waren in unserem Dorfe nicht mehr zu bekommen, so daß wir das Sukkosfest nicht hätten feiern können. Was war zu thun? Gott, der uns erst eben von so großer Sorge erlöst hatte, hat ja geboten — „Basukkos teschwuh schiwas jomim“ fiel der Knabe seiner Mutter in die Rede, und diese fuhr, ihn liebkosend, weiter: „Ganz recht, mein Goldjunge, und Gottes Gebot muß man immer und überall unter allen Umständen erfüllen. So dachten auch wir. Wir entschlossen uns mit Mann und Maus nach D. zu unserem Onkel zu reisen und dort die Feiertage zu verbringen. Unser Gesinde war schon lange Jahre bei uns und wir konnten dem Knecht und der Magd die Sorge für Haus, Hof und Vieh getrost überlassen. Nachdem wir ihnen die Sorge für das Letztere noch besonders ans Herz gelegt hatten, reisten wir gegen Mittag ab. Damals hatte man noch keine Bahnverbindung mit D. und wir machten die Reise auf unserem eigenen Wagen. Es war eine herrliche Fahrt durch die mit reichem Ertrag gesegneten Fluren. Wohin wir blickten, zeigte sich die Natur in ihrer freigebigen Fülle. Wenn die Menschen alles gut einbrachten, so dursten sie zufrieden sein, und die Zufriedenheit leuchtete uns aus jedem Antlitze entgegen. So kamen wir nach dreistündiger Fahrt an die Elbe. Wir waren erstaunt, daß dieselbe so hoch war, denn ihre gelben, schmutzigen Wellen überfluteten fast das Ufer und überall waren Wachen aufgestellt, um einen Teichbruch zu verhüten. Ohne Gefahr erreichten wir das jenseitige User und in zwei Stunden fuhren wir in D. ein. D. liegt aus einem Berge und bietet eine herrliche Aussicht in das damals vom Wasser bedrohte Elbthal. Was wußten wir von der Gefahr! Uns erfreute der Anblick der riesigen Wassermassen, die sich brausend und tosend, von Minute zu Minute gewaltiger werdend, durch ihr enges Bett wälzten. Der Onkel empfing uns mit einem Freudenschrei, den wir uns nickt zu erklären vermochten und umarmte und küßte jedes Einzelne von uns. Das waren wir nicht gewohnt von ihm, und bange sahen wir in sein vom Wetter gebräuntes, freundliches Gesicht, in seine treuen Augen, denen Thränen entperlten, während seine Lippen einen Segcnspruch stammelten. Wir wurden, nachdem wir uns gewaschen und umgekleidet hatten, mit Kaffee und Kuchen traktirt und waren bald wie zu Hause. Onkel lobte unseren Entschluß, ja er dankte dem lieben Gott dafür, daß wir gekommen waren. Er zeigte uns seine herrliche Sukkoh und da trat ich an ihn heran und fragte ihn: „Sag Onkel, warum regt Dich unser Besuch so aus?" „Laß nur gut sein", erwiederte er, „ihr seid da und enthebt mich großer Sorge." „Sorge? Um was?" „Habt ihr die Elbe nicht gesehen? Man befürchtet einen Dammbruch. „Und dann?" „Dann möge Gott das flache Land schützen." „Das Wasser wird doch nicht bis nach W. —" „Hoffenttich hält der Damm; aber wenn ein Unglück passirt, überflutet die Elbe die Gegend bis nach F." F. liegt nämlich noch drei Stunden weiter als unser Dorf und aus dem Gipfel eines Hügels. „Großer Gott," rief ich, „und ich bin nicht zu Hause; unser Haus, unser Vieh!" — Jetzt erst wußte ich mir die Freude meines Onkels bei unserem Anblick zu erklären, aber Angst und Sorge erfüllte mein Herz. Wenn die Katastrophe eintrat, konnte sie uns mit einem Schlage all unserer Habe berauben. Wir waren alle fern und hatten leichtsinnig gehandelt. Ich machte mir Vorwürfe. War das Sukkothgebot so wichtig, um seinethalben an den Bettelstab zu kommen? Ich wollte sofort zurück, doch mein Onkel gab es nicht zu. „Er hat ganz Recht daran gethan," sagte das kleine Mädchen seufzend. „Ja, er hat Recht gethan," fuhr die Mutter fort. „Der Abend kam heran, die Synagoge war zu Ende und in herrlichem Glanze strahlte die Laubhütte. In der Mitte des

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