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Der Israelit · 1889-11-11 · Heft 88 (11.11.1889) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 88 (11.11.1889)
Date
1889-11-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1522 An diesem Abend wurde stets eine Megillah, welche die nachfolgende Geschichte behandelt, vorgelesen und nach Beendigung ein Freudenmahl abgehalten. Nachfolgendes, die wörtliche Uebersetzung der mir vorliegenden Urkunde, ist als wahre Begebenheit, ein nicht unintereffanter Beitrag zur Geschichte der Juden in Prag. „Zum ewigen Angedenken für alle Geschlechter und seine Nachkommen zu belehren diesen Purim festlich zu begehen und stets am Abend des 22. Tebeth freudigen Muthes und bei festlichem Mahle diese Megilla zu lesen, damit sie erkennen, wie Gott die bösen Anschläge zum Guten gewendet hat; wie vorgeschrieben am Dienstag des 22. Tebeth 383 des kleinen Datumss) der gelehrte Rabbi Chanoch (Henoch) Sofer (Schreiber), Sohn des frommen Moses Reb Heni Asch,* 4 5) ba§ Andenken der Frommen sei zum Segen, Verfasser des Sittenwerkes, genannt „Der Brandspiegel." 4) „Abschrift des Briefes an Hiskia, welchen mein Herr Vater an ihn geschrieben an jenem Tage, als Gott ihn gerettet aus der Hand der Feinde und aus der Gewalt eines Bösewichtes. Und seien diese Worte gleichsam Worte des Bundes und der Liebe, damit sie den Namen Gottes stets preisen und loben, ob der Güte und Barmherzigkeit, die Er uns erwiesen. Möge Er auch ferner uns und ganz Israel Gnade erweisen und von allen Widersachern befreien. Amen! Aus dem Hause des Herzogs Lichtenstein5) wurden Seidenvorhänge, genannt „Damaske-Vörhäng" entwendet. Der Herzog befand sich zu dieser Zeit in Wien und sein Haushofmeister gab den Auftrag, den Diebstahl in allen Synagogen öffentlich auszurufen. Als ich dieses verkündet hatte, — es war am Donnerstag, 17. Tebeth 383 des kleinen Datums, und eben das Bethaus verließ, kam zu mir Reb Josef, Sohn des Reb Jekuthiel Tein, Schwiegersohn des Fleischhauers Schmerl, überbrachte mir die benannte Vorhänge mit dem Bemerken, daß er selbe von einem Soldaten gekauft habe. Sofort berichtete ich es den Gemeinde-Vorstehern; diese beriefen eine Versammlung und beriethen, was zu thun sei. Endlich wurde der Entschluß gefaßt, daß der Parneß, Herr Jakob Teumim 5a), die Vorhänge übernehmen und selbe 2) 1623 Ch. Zeitrechnung. 3) Abbreviatur von Altschul. 4) 1602 gedruckt, Sefer Ham'areh, jüdisch-deutsch. 5) Dies ist Fürst Carl Lichtenstein, der von Kaiser Ferdidinand II. anno 1621, mit dem Titel Alter-ego über Böhmen gesetzt wurde. 5 a.) Gal Ed Nr. 42, Seite 31. Jakob ben Moses Aaron Teomim starb 1627, Stammvater der Familie Lämmel. dem Haushofmeister des Herzogs überbringen soll. So geschah es denn auch am 21. Tebeth. Reb Jakob übergab selbe dem Haushofmeister. Dieser war von der Rückgabe sehr erfreut, dankte dem Präses und entließ ihn mit freundlichen Worten. Kaum hatte er sich entfernt, begab sich der Haushofmeister zum Fürsten Rudolf Waldstein, der zur Zeit als Stellvertreter des Herzogs fungirte. 6) Dieser war ein strenger Mann; ohne lang zu prüfen entschied er sehr eilig, auch in peinlichsten Fällen verurtheilte er rasch und ohne jedes Bedenken, selbst zum Tode, und sind während der kurzen Zeit seiner Amtsthätigkeit bereits mehrere Soldaten hin» gerichtet worden. Er ließ durch einen Boten dem Vorsteher der Juden befehlen, sofort vor ihm zu erscheinen. Der Parneß Jakob eilte sofort zu Waldstein. Dieser schrie ihn zornig an und befahl ihm, bis zum nächsten Tage den Käufer der Vorhänge vorzuführen. Wieder versammelten sich die Vorsteher und beschlossen: der Parneß Jacob soll sich sofort zu Waldstein begeben, selbem mittheilen, daß es ihnen (den Vorstehern) nicht möglich sei, seinen Befehl zu vollziehen, indem ihnen der Name des Vorhangkäufers nicht bekannt sei. Es sei nämlich ein allgemeiner Brauch, daß bei derartigen Fällen, wenn Jemand einen Gegenstand kauft, von dem er nachträglich erfährt, daß selber gestohlen ist, diesen stets dem Gemeindediener, der zugleich Vertrauensmann ist, übergibt, dieser aber sei vereidet, nie dessen Namen zu verrathen. Es wurde dies deßhalb eingeführt, damit der Käufer eines gestohlenen Gegenstandes, denselben ohne Scheu dem Gemeindediener übergebe, da sonst Niemand es wagen würde, als gestohlen erkannte Sachen zurückzustellen. Jakob begab sich wieder zum Stellvertreter und sagte ihm alles das, wie es beschlossen war. Dieser aber wurde, als er Jakob's Entschuldigung hörte, zornig und schwur, wenn der Schuldige am nächsten Vormittag, das ist Dienstag, nicht vorgeführt werde, so lasse er, Waldstein, den Parneß Jakob ohne Erbarmen hängen; zugleich befahl er einem anwesenden Beamten, den man Regiments-Schultheiß nannte, am sogenannten Schinderberge, abseits des Richtplatzes, einen Galgen errichten zu lassen, der am nächsten Tage bereit sein müffe, denn die Juden, so sagte er, sind nicht würdig, an dem Galgen, an welchem die Soldaten gehängt wurden, hingerichtet zu werden. 6) Freiherr Rudolf von Waldstein wurde zu dieser Zei vom Gubernotor Albert Wenzel von Waldstein während seiner Abwesenheit zum Stellvertreter ernannt. Hermann, Geschichte der Israeliten in Böhmen.

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