Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 87 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1510 Nun! Schreiber dieses erlaubt sich hiermit darauf zu erwidern, daß es mit Benützung von ganz einfachen Mitteln möglich ist, auch diesem Gegenstand zu seinem ihm gebührenden Rechte zu verhelfen. Zunächst sollte einem jeglichen Seminaristen die Gelegenheit geboten sein, sich in diesem Fache praktisch üben zu können. Und dazu wäre nach meiner Ansicht die Einführung eines eigenen Gottesdienstes in den Seminarien sehr geeignet. Dadurch würde den Zöglingen zur Pflicht gemacht, unter der Leitung eines tüchtigen Seminar!ehrers, — der vielleicht auch auf diesem Gebiese fachmäßige Ausbildung besitzt — nach einer bestimmten Reihefolge an den Sabbat- und Festtagen zu funktioniren. Der betr. Lehrer sollte dann seine Aufmerksamkeit darauf richten, daß die Gebetstücke fehlerfrei, den Regeln der hebr. Grammatik genau entsprechend, vorgetragen würden. Besonders achte er darauf, daß der Vorbetende sein Gebet mit Empfindung und Innigkeit vortrage, überhaupt die ganze Haltung seines Körpers eine würdige, der Heiligkeit des Ortes gemäß, sei. Ferner wäre dahin zu wirken, daß die Unterrichtsstunden, die zum Erlernen der hebr. Grammatik bestimmt sind, hauptsächlich dazu benützt werden, die in der betreffenden Stunde erlernten theoretischen Regeln sofort auch an den Gebetstücken praktisch zu üben. Denn ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich behaupte, daß es vielen angehenden Cantoren, selbst solchen, die sich in der hebräischen Grammatik schon recht schöne Kenntnisse erworben hatten, nicht möglich ist, bei der Recitation der Gebetstücke den grammatikalischen Regeln gerecht zu werden. Wäre es nicht besser, aus das Einpauken mancher Regeln zu verzichten und dafür aus die praktische Uebung derselben mehr bedacht zu sein? Als Muster in dieser Beziehung möchte ich die Präparandenschule zu Höchberg vorführen; dorlfelbst bestand der grammatikalische Unterricht hauptsächlich darin, daß die erlernten einfachen Regeln über Schwa, Dagesch u. s. w. sofort an denGebetstücken ihre praktische Anwendung fanden. Und wirklich waren auch die Resultate, die dadurch erzielt wurden, recht erfreuliche. 2) Jedoch nicht die Direktoren der Seminare allein haben sich an diesem so wichtigen Gegenstände versündigt, sondern auch diejenigen, die die Einübung solcher Gesänge übernommen haben, haben dazu beigetragen, daß der Pflege derselben so wenig Werth beigelegt wird. Diese Gesangslehrer werden wohl dagegen einwenden, daß eine Zeit von 2 Jahren mit nur einer Uebungsstunde in der Woche nicht ausreiche, dem Seminaristen eine genügende, fachmäßige Ausbildung zu geben. Als Antwort hierauf diene ihnen ein allbekannter Lehrgrundsatz: „Beschränke dich auf das Wesentliche und auf das in der Praxis am Nothwendigsten." Möchten doch alle Cantoreu denselben recht beherzigen! Fragen wir nnn, auf welche Punkte hat der betreffende Lehrer sein Hauptaugenmerk zu richten? Dem Leiter des jüd. Gesangsunterrichtes fällt die wichtige Aufgabe zu, seine Zöglinge soweit auszubilden, daß sie ein volles Verständniß für die herrlichen Gesänge unseres Volkes erhalten, daß sie befähigt werden, die Gebete ausdrucksvoll und korrekt vorzutragen. Seine besondere Sorgfalt verwende er dabei auf die reine Aussprache des hebräischen Textes. Er mache ferner seine Zöglinge darauf aufmerksam, daß bei der Einübung irgend einer Piece Text und Melodie in harmonischem Verhältnisse stehen müssen. Niemals darf der Text der Melodie untergeordnet sein, sondern letztere muß sich dem elfteren genau anpassen. Gerade in dieser Beziehung begehen unsere älteren Cantoren die größten Fehler. Wie viele derselben haben noch heute den verabscheuungswürdigen Gebrauch, besonders an den hohen Feiertagen, zur vollständigen Ausnützung ihrer hergebrachten Weisen zwischen den einzelnen Wörtern verschiedene Silben komischer Art einzuflechten. Heißt das nicht unsere heiligen Gesänge der Lächerlichkeit und dem Spotte preisgeben? Des Lehrers Bestreben gehe dahin, die herkömmlichen Melodien, die noch heute den Schmuck ^mid die Zierde unserer Nation bilden, sorgsam zu pflegen. Er benütze niemals zum Vortrage seiner Gebetstücke fremde Melodien, wie Gesäuge aus Opexn, Oratorien u. s. w. Welch' großer Frevel hierin geschieht, wird einem jeden Fachmanne zur Genüge bekannt sein. Ja, ich muß cs offen gestehen, selbst solche Vorbeter, die sich den so schön klingenden Titel: „Musikalisch gebildeter Vorbeter" beigelegt haben, legen ihren Gesäugen oft die trivialsten Weisen zu Grunde. Dieses Uebel hat sich in unseren Gemeinden schon so weit eingebürgert, daß es viele Mühen und Opfer kostet, bis dasselbe wieder vollständig aus unseren Synagogen verbannt ist und unsere Gemeinden für einen edleren und würdigeren Gesang empfänglich sind. Zur Begründung dieser Thatsache folge nun ein kleines Beispiel: Verfasser sungirte vor einigen Jahren in einer größeren Gemeinde als Hilfsvorbeter für die „Jomim Nauroim". Derselbe war redlich bestrebt, nur würdige Gesangesweisen zu benützen. Nach Schluß des Gottesdienstes wurde ihm von verschiedenen Gemeiudemitgliedcrn bemerkt, daß sein Gesang recht nett gewesen wäre, jedoch