Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 87 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1502 sämmtlicher jüdischer Konsistorien Frankreichs bestehende Konsistorium unter dem Vorsitze des Freiherrn Alphons von Rothschild zusammen, um dem verstorbenen Grand-Rabbin de France, Isidor, einen Nachfolger zu geben. Die Wahl siel einstimmig auf den bisherigen Grand-Rabbin de Paris, Zadoc Kahn. Nun aber erhebt sich die große Schwierigkeit, daß dieser Letztere sein Grand-Nabbinat de Paris nicht lassen will und daß auch die jüdische Bevölkerung der französischen Hauptstadt sich nur ungern von ihrem Seelenhirten trennen möchte. Um authentische Nachrichten über den Stand der Angelegenheit einzuziehen, ersuchten wir Herrn Zadoc Kahn (der 1839 zu Mommenheim im Elsaß geboren ist) um eine Unterredung. Unsere Konversation nahm folgenden Verlauf: „Sind die beiden Würden des Grand-Rabbin de France und des Grand-Rabbin de Paris unvereinbar? — „Es gibt hierfür allerdings kein Antecedens und ich glaube in der That nicht, daß dies gut möglich sei. Uebrigens kann hier nur das Ccntralkonsiftorium Raih schaffen. Ich habe meinen Standpunkt dargelegt und ich habe jetzt nur die Entscheidung der genannten höchsten Behörde für die Angelegenheiten des französischen Judenthums abzuwarten." — „Wie faßte man in Pariser jüdischen Kreisen die antisemitische Bewegung in Deutschland und Oesterreich auf?" — „Mein Gott! Wir Juden wissen sehr wohl, daß wir zahlreiche Verleumder in allen Ländern, namentlich im Orient und im Osten Europas, zählen. Dieselben versäumen keine Gelegenheit, um auf uns den Geifer ihres Zornes auszugießen. Bald greifen sie zur rohen Gewalt, gleich bethörten Sektirern, bald nehmen sie das Mäntelchen der Wissenschaft um; sie können aber auch so die Armuth ihres Geistes nicht verbergen und Vernünftige überzeugen, daß sie an die Lügen glauben, welche sie im Volke verbreiten. Ich glaube, daß die Antisemitenbewegung in Deutschland bereits im Sande verlaufe und daß dieselbe auch in Oesterreich bald zu den überwundenen Dingen gehören werde. Würde es von einigen Schreiern, wie Drumont, abhängen, so würde das Gift des Judenhasses auch in unser schönes Land dringen, das sich seit dem Beginne unseres Jahrhunderts zum Horte der Glaubensfreiheit gemacht hat." — „Soweit ich die französische Bevölkerung kenne, kümmert sich dieselbe sehr wenig um das Geschrei einzelner verrückter Köpfe." — „Bk haben Recht. Die Pariser wollen arbeiten und fröhlich sein und überlassen die Geschäfte des Antisemitismus einem buchhändlerischen Spekulanten und einem auf die Dummheit des Volkes spekulirenden Schriftsteller. Uebrigens braucht man blos die lange Geschichte der Pariser Judengemeinde aufzuschlagen, um zu sehen, was sie für die allgemeine Kultur geleistet hat. Das ist die beste Antwort, welche man unseren Verläumdern ertheilen kann." — „Wie sind die gegenwärtigen Zustände der Pariser Gemeinde?" — „Unsere Gemeinde zählt 50,000 Seelen. Doch wie viele Arme gibt es unter diesen! Paris ist zum Zufluchtsorte der Unglücklichen geworden, welche nicht im Stande sind, sich in ihrer Heimath zu ernähren. Was haben wir milgcmacht, als die russischen Juden, von ihren Mitbürgern in's Elend getrieben, hungernd und frierend an unsere Thüren klopften. Wir gaben Millionen aus, um Hilfe zu schaffen." — „Ist es richtig, Herr Grand- Rabbin, daß Ihre Glaubensgenossen sich gegenseitig in allen Lagen unterstützen?" — „Ich errathe, woraus Sie anspielen. Wir, eine geschlossene Sekte im Staate bilden! Das ist lächerlich. Wir sind vor Allem Menschelk. Patrioten, welche ihr Blut mit Freuden fürs Vaterland opfern und Juden, d. h. Anhänger des Monotheismus. Wir unterstützen in erster Linie unsere Glaubensgenossen, weil dies die Natur der Sache mit sich bringt. Sie kennen unsere Speisegesetze. Eh bien, kann man von einem armen Menschen verlangen, daß er, weil er in Noth ist, seine religiösen Ueberzeugungen verleugne? Nur dies ist der Grund unserer besonderen Spitäler und Armenhäuser. Und ferner: Während der Jude gegen den christlichen Bettler kein Vorurtheil hegt, besteht leider ein solches gegen den jüdischen Armen. Es ist daher unsere Pflicht, diesem vor Allem beiuzstehen." — „Ist es richtig, Herr Grand-Rabbin, daß viele Ihrer Glaubensgenossen hervorragende Posten im gesellschaftlichen Leben und im Staate einnehmen? — „Gewiß. Der S nat und die Abgeordnetenkammer zählen mehrere unserer Glaubensgenossen, wie Lisbonne. Millaud, Raynal (diese beiden Letzteren waren Minister für öffentliche Arbeiten), Camille Dreifuß, Joseph Reinach rc. zu ihren Mitgliedern. Wir haben mehrere jüdische General - Konsuln, wie Gustav von Rothschild, welcher Oesterreich vertritt; Simmonds in Haiti; Mosenthal in Südafrika u. s. w. Herr Camille See bekleidet das Amt eines Staatsrathes; die Herren Michel Breal, Eugene Manuel und F. Hemeut sind Generalunterrichts-Jnspektoren." — „Zählt auch das Institut de France mehrere Ihrer Glaubensgenossen unter seine Mitglieder?" — „Ohne Zweifel und wir sind stolz darauf. Sie kennen gewiß Namen wie Jules Oppert, Joseph Dereubourg, den bereits genannten Breal, H. Weill, Halphen, M. Levy, Loewy, Lippmann, Baron A. v. Rothschild, A. Franck? — Nun, das sind lauter