Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 87 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1499 sozialen Trieb, jene alte Verfolgungssucht mit unvergänglicher Lebenskraft und Geistesenergie zu nähren und zn erhalten suchen. Jedenfalls müssen wir uns aber beglückwünschen, datz, was die Verfolgungssucht anbelangt, alle Bürger dieses Landes und dieses Staates die Dhatsache offen zugeben, daß die Verfolgung wegen Meinungsverschiedenheiten an und für sich ein nichtswürdiges und unverzeihliches Verbrechen ist. Es ist, wie ich schon sagte, eine höchst bcmerkenswerthe Thatsache, daß 700 Jahre, nachdem jenes schwere Unglück die Mitglieder Ihrer Glaubensgenossenschaft betroffen hat, Sie aus den bürgerlichen Ehrensitz berufen werden, um die verantwortungsvollen Pflichten ausznüben, welche dem Lord Mayor der Stadt London zukommen. Es erübrigt für mich nur noch, Ihrer Majestät Wohlgefallen über Ihre Erwählung zu einem Amte ansznsprechcn, welches Sie voraussichtlich in würdiger Weise ausfnhren werden, und ich habe deßhalb das Vergnügen, Ihrer Majestät Zustimmung hiezu kundzugeden und Ihnen hiezu Glück zu wünschen. F e « i He ton. Wavöi Mieser AschKenafi. XIII. Die Insel Cypern, am östlichen Ende des Mittelmeeres gelegen, wurde im Jahre 1878 von der Türkei an England abgetreten. Länger als drei Jahrhunderte war die Insel im türkischen Besitze gewesen. Zur Zeit unserer Erzählung war sie Eigenthum der damals großen und mächtigen Republik Venedig. Rabbi Elieser Aschkenasi war 48 Jahre alt, als er mit seiner Familie nach der Insel Cipern übersiedelte und sich in der Stadt Fama gusta niedcrließ. Ob er daselbst ein Amt bekleidete oder als Privatmann lebte, haben wir nicht erfahren können. Aus der Vorrede zu seinem Werke „Joseph Lekach", einem Commentar zum Buche Esther, geht hervor, daß er dasselbe in Famagusta verfaßt hat. Er sagt uns darin, daß er dieser Schrift den erwähnten Namen gegeben zu Ehren seines berühmteil Zeitgenossen, Don Joseph Naßi, welchen Sultan Selim H. zum Herzog von Naxos ernannt hatte. „Der Sultan hat unseren Glaubensgenossen, Don Joseph Naßi, zum Herzoge und Eparchen ernannt, ein Ereigniß, wie unsere Ohren es nicht gehört und unsere Augen es nicht gesehen haben, seit dem Tage, da Joseph in Egypten und Mordechai in Persien und Medien herrschten." Da nun Rabbi Elieser bereits ausführlich über die Wunder in Egypten in seinem Werke Maaße Hai schein geschrieben hatte, so beschloß er, Don Joseph Naßi zu Ehren über das zweite ähnliche Ereigniß, über die Größe Mordechai's in Persien und Medien zu schreiben. Zehn Jahre lang wohnte Rabbi Elieser in Famagnsta. Da kamen schwere Ereignisse über die Insel, und namentlich über die Stadt. Der türkische Sultan hatte der Republik Venedig den Krieg erklärt. Seine Feldherren, der Admiral Piali und Lala Muhamed Pascha, eroberten Cypern. Der venetianische Gouverneur Marco Antonio Bragadino verthcidigte Famagnsta elf Monate lang auf das tapferste. Man kann sich leicht vorstellen, was die Einwohner dieser Stadt haben leiden müssen. Cypcrn wurde nun dem türkischen Reiche einverleibt. Rabbi Elieser Aschkenasi verließ die Insel und zog nach Venedig. Kaum dort angelangt, wurde er als Rabbiner nach Cremona berufen. Allein auch hier war seines Bleibens nicht lange. Er gcrieth in Streit mit einem andern italienischen Rabbiner, was ihm das Leben so verbitterte, daß er schon nach vier Jahren seinen Rabbinatssitz aufgab, um, von einem Orte zum andern wandernd, eine neue Stellung sich zu suchen. Aber, wie Gott unserem Vater Abraham verheißen, daß sein Ruf durch die Wanderschaft keine Einbuße erleiden solle, so erging es dem ehemaligen Rabbiner von Cremona. Wohin er kam, wurde sein großer Geist, sein tiefes Denken und seine umfassende Gelehrsamkeit bewundert. Die größten Männer der Zeit ergingen sich in Bezug darauf in überschwänglichen Lobeserhebungen. Sein Ruf verbreitete sich durch die ganze Welt, und während er sich in Afrika aufhielt, gelangte zu ihm in die weite Ferne eine Berufung von der israelitischen Gemeinde zu Posen, die ihn als ihren Rabbiner anzustellen wünschte. Rabbi Elieser folgte diesem Rufe und reiste direct von Egypten nach Posen. In ganz Deutschland und Polen war man glücklich, den berühmten Mann in der Nähe zu besitzen. Alle bedeutenden Männer wechselten Rcsponsen mit ihm, unter Andern der berühmte Rabbi Salomon Luria (Maharschal). Nichtsdestoweniger war die Anstellung in Posen von beiden Seiten ein Mißgriff. Die große Menge verstand den hochgebildeten, tiefen Denker nicht und wußte seine großen Eigenschaften nicht zu würdigen; ebenso verstand es der nunmehr schon bejahrte Gelehrte nicht, sich in die Eigenart der Mitglieder seiner Gemeinde zu fügen. Eine allbekannte Anekdote, die dem gegenseitigen Mißverhältnisse drastischen Ausdruck verleiht, wollen wir hier lieber verschweigen. Nach wenigen Jahren verließ Rabbi Elieser die Stadt Posen und begab sich nach Krakau.