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Der Israelit · 1882-11-22 · Heft 47 (22.11.1882) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 47 (22.11.1882)
Date
1882-11-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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1183 die Tisza-Eßlarer Affaire aufkam, widmete die Germania derselben eine ständige Rubrik; daß sie cs that, um eine lügenhafte Verläumdung zu bekämpfen, kann man nicht sagen, sie schlug aus diesem Vorgang gerade so Capital für ihre judenfeindlichen Tendenzen, wie es die antisemitischen Blätter gethan; aus allen Artikeln konnte man herauslesen, daß sie die Möglichkeit, Juden gebrauchten Christenblut zu rituellen Zwecken wollte zugegeben wissen. Jetzt kommt nun die Erklärung des Bischofs zu Fulda, des Herrn Kopp, daß weder durch die jüdische Religion noch durch die Geschichte zu begründen sei, daß Juden je Christenblut zu rituellen Zwecken gebraucht hätten, „und daß eine derartige Beschuldigung, auf welche Voraussetzungen immer sie zurückgeführt werden möge, als eine entschieden freventliche Unwahrheit bezeichnet werden" müsse. Das kann der „Germania" nicht lieb sein; sollte sie dieser „freventlichen Unwahrheit" sich schuldig gemacht haben, indem sie durch ihre Haltung in der Tisza-Eszlarer Affaire dem Glauben an jene Beschuldigung Vorschub geleistet hat? Das geht doch nicht, und sie sucht den Ausspruch des Bischofs zu theilen und dadurch abzuschwächen. Der Bischof könne sein aus seinen historischen Forschungen gewonnenes Urtheil nicht als allgemeines gegeben haben, es könne sich unmöglich auf diejenigen beziehen, welche durch ihre Forschangen zu der „ernsten Ueberzeugung" gelangt seien, daß irgendwo einmal abergläubige Juden Christenblut zu rituellen Zwecken gebraucht hätten. Wie die „Germania" auf einmal die „ernste Ueberzeugung" auf den Schild erhebt! Wenn sie sie nur in allen Fällen gelten ließe. Würde sie wohl nicht einen stärkeren Ausdruck als „freventlich", und von ihren: Standpunkte aus mit Recht, wählen, wenn sie die literarischen Leistungen eines Strauß, Renan zc. beurtheilen sollte, und doch haben Strauß und Renan doch auch ihre ernste Ueberzeugung?! Selbst aber, wenn die „Germania" von jeher jede ..ernste Ueberzeugung" so sehr respectirt, daß sie aus derselben kein Laster oder einen Charakterfehler gemacht hätte, selbst dann hätte sie hier nicht das Recht, von einer ernsten Ueberzeugung zu sprechen. Wer heute die Feder führen kann und die Geschichte kennt, weiß cs, daß die obengenannte Beschuldigung eine himmelschreiende Lüge ist, und wer mit seiner Feder diese alte Lüge wieder auffrischt und dabei glauben machen will, seine historischen Forschungen hätten ihm die ernste Ueberzeugung aufgezwungcn, an die Wahrheit jener Beschuldigung zu glauben, begeht ein doppeltes Unrecht, er macht sich einer „freventlichen Unwahrheit" schuldig und beutet diese Beschuldigung zu „sriedensstörerischen" Zwecken aus. Es gibt eben Dinge, welche von der Geschichte und der Forschung als ausgemachte Lügen gebrandmarkt sind, und zu diesen gehört auch die genannte Beschuldigung. Selbst der den Juden so feindselig gesinnte Wagenseil hat in einer eigens diese Frage behandelnden Schrift jenen Verdacht zurückgewiesen und der womöglich noch feindseligere Schudt, welcher den Judeu alles erdenklich Böse andichtet, bekennt doch, daß er nicht glaubt, dgß Juden Christenblut für ihre Osterkuchen oder zu Synagogen-Mitteln gebrauchten oder gebraucht haben. Mit der „ernsten Ueberzeugung" streift die „Germania" das Urtheil des Bischofs nicht von allen Denen ab, welche der alten Lüge das Wort geredet, oder nur die Möglichkeit, daß jene Beschuldigung keine Lüge sein könnte, zu glauben Raum gegeben haben. Fühlt die „Germania" von jenem Urtheil sich getroffen, nun sv hat der Herr Bischof auch sie gemeint. Ganz besonders bemerkenswerth ist aber die Art und Weise wie das ultramontane Blatt den Bischof angreift und daß es Solches überhaupt thut. Es zieht nicht direct gegen den Kirchenfürsten los, aber es interpretirt seine Worte; daß es mit Geschick nnd Glück geschehen ist, wird Jeder wohl verneinen, der unsere Auseinandersetzung gelesen hat. Daß es aber auch nur die Worte des Bischofs in den Kreis seiner Kritik zieht mit dem schlecht verhehlten Aerger über dieselben, die so sehr mit des Blattes antisemitischen Neigungen nnd Aeußerungen contrastiren, zeigt uns zur Genüge, daß zwischen der ultramontanen Presse und den maßgebenden Führern der katholischen Christenheit zum Glück eine Kluft besteht. Zwar ist es uns bisher nicht eingefallen, die Ausschreitungen der „Germania" den weltlichen und geistlichen Führern jener Katholiken ans's Conto zu schreiben, welche ihre politische und kirchliche Gesinnung durch Zugehörigkeit zur Centrumspartei ausdrücken, daß aber durch das nicht reglementmäßige Frontmachen des vom Centrum bisweilen benutzten Blattes es seinen offenen Ausdruck findet, daß zwischen Centrumssühreru und katholischen Kirchenobern einerseits und ultramontaner Presse andererseits wohl zu unterscheiden sei, ist für die richtige Erkenntniß der Sachlage von großer Wichtigkeit. Wie steht es aber mit dem treuen Festhalten der „Germania" zur Institution des Pabstthums, wenn erwiesen wird, daß sie noch als berechtigte Anschauung einer „ernsten Ueberzeugung" das gegen den Vorwurf einer „freventlichen" Unwahrheit in Schutz nimmt, was schon vor 600 Jahren ein Pabst in einem officiellen Schriftstück, einer Bulle, eine „falsche" Beschuldigung nennt? Unterm 5. Juli 1247 hat Pabst Jnnocenz IV. an die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands erklärt: „Wir haben die thränenvolle Klage der Judeu Deutsch-

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