Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1882)
- Date
- 1882-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1172 anderes schändliches Verbrechen verübt wurde, hatte ein gar wachsames Auge auf die Juden. So wurden Mehrere ergriffen, die es gewagt hatten, sich öffeutlich in schwarzen Hüten zu zeigen. Sie sollten an den Pranger gestellt und dann vor allem Volke ausgestäüpt werden. In ihrer Verzweifelung zogen sie es vor, zur römischen Kirche überzutreten, und mußten nun dazu dienen, als überzeugte Christen den Triumph der Kirche über den Unglauben zu verherrlichen. Auch der alte Brauch war wieder eingeführt worden, nach' welchem die Juden von Nom an jedem Sonntage gezwungen wurden, eine Kirche zu besuchen, in welcher ein Geistlicher über die Bekehrung der Juden zu predigen hatte. Bewegungslos standen die unwilligen Zuhörer und Zuhörerinnen da und ließen den Sturm über sich ergehen, den die Beredtsamkeit des Judenbekehrers über ihre ewige Verstockung erhob. Auch die Affiliirten des Jesuitenordens waren zugegen. Die besondere Aufgabe dieser Männer war es ja, Proselyten zu machen, um der katholischen Kirche stets neue Anhänger zu gewinnen. Unter ihnen befand sich ein Gras Pandolfi, ein junger Mann aus einer der ersten Familien Roms. Als er Dinah del Monte erblickte, ließ er kein Auge von ihr; er hörte nichts von all den Flüchen und Verwünschungen, welche der predigende Priester gegen die verstockten Ungläubigen ausstieß; seine Sinne wurden gefesselt durch die überraschend schöne Erscheinung der jungen Jüdin. Als die Predigt zu Ende war und die Zuhörer und Zuhörerinnen die Kirche verließen, folgte Graf Pandolfi dem Mädchen auf Schritt und Tritt bis zu ihrer Wohnung im Ghetto. Auch in das Haus trat er ein. Als Angehöriger des Jesuitenordens hatte er das Recht in jedes Judenhaus einzutreten und Bekehrungsversuche anzustellen. Dinah hatte sich auf dem Divan niedergelassen, als sich die Thüre öffnete, und der Graf hereintrat. Schnell zog die Jungfrau den Schleier über das Gesicht. „Die Gestirne des Himmels verhüllen sich," sagte der Graf in der bilderreichen Sprache des Südländers; „aber kein Gewölk ist dicht genug, um sie den forschenden Augen des Astrologen zu entziehen, der in ihnen sein Schicksal liest. Holdeste Jungfrau, ich bin der Graf Pandolfi und als Laienbruder dem neuerrichteten Jesuitenorden beigetreten. Die Aufgabe meines Lebens ist es, der alleinseligmachenden Kirche verirrte Schäfchen zuzuführen. Lassen Sie mich, schönste Jungfrau, bei Ihnen das Werk der Bekehrung beginnen. Nicht der Haß, sondern die Liebe soll mich zum Ziele führen." Dinah war aufgesprungen. „„Herr Graf,"" rief sie entrüstet, „„ich muß Sie dringend ersuchen, innezuhalten und mich mit Ihrer Zudringlichkeit zu verschonen."" Dinah hatte unwillkürlich den Schleier zurückgeschlagen und maß den Grafen mit zornentflammten Blicken. * „Wie schön Du bist in Deinem Zorne," sagte der Graf lächelnd; „aber Dein Zorn ist ohnmächtig. Wir sind die Beherrscher des Landes, und Ihr Juden seid nur geduldete Fremdlinge, die wir zertreten können, wann und wo wir wollen. Aber fern sei es von mir, Dir Uebles zuzufügen; ich verlange ja nicht Deinen Haß, sondern Deine Liebe." „„Verlassen Sie dieses Haus! Wenn mein Verlobter jetzt käme, er könnte sich an Ihnen vergreifen und sich selbst dadurch in's Unglück stürzen."" „Du bist schon verlobt, schönes Kind, und willst die Gattin eines Juden werden, der im dreieckigen, gelben Hute durch die Straße schreitet, gefolgt von den Schimpfreden und Steinwürfen der Gassenbuben?" „„Schande über Euch, daß Ihr uns mit solcher Schmach belastet!"" Der Graf erhob drohend den Finger. „Stille, liebes Kind," sagte er. „ich will Deine verbrecherische Aeußerung nicht gehört haben. Wenn ich sie zur Anzeige brächte, so würdest Du wegen : Beschimpfung der Gesetze und Verordnungen, welche der heilige Vater gegeben, hart bestraft werden." Tie Thüre öffnete sich und Abraham del Monte trat ein. Fragend schaute er auf den Grafen. Dieser stellte sich ihm vor und theilte ihm mit, daß er den Entschluß gefaßt habe, die schöne Dinah für den katholischen Glauben zu gewinnen. Abraham erschrak heftig. Gern hätte er den Zudringlichen zum Hause hinausgeworfen. Noch vor wenigen Monaten, als die Franzosen das Land beherrschten, hätte er das unfehlbar gethan. Jetzt mußte er jede Gewaltthat und jede Beleidigung stillschweigend und demüthig über sich und die Seinen ergehen lassen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des ,J»raelit* große Bleiche 45. Z. GottSleben'» Buchdruckern (Mainzer Anzeiger).