Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1882)
- Date
- 1882-11-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1151 j schen veredelnd eingewirkt, und er hatte sich's im Herzen gelobt, wenn Gott ihm die Huld erwiese, Munitz am Leben zu erhalten, milder zu werden, namentlich seinem Vater gegenüber in die gebührende Stellung als Sohn zurückzutreten. Nur ein Mädchen befand sich durch den Umschwung der Verhältnisse in schwer bedrückter Stimmung, zum Sterben unglücklich .... es war dies Ester Ulschitz! — Das arme Mädchen hatte bei ihrer letzten zufälligen Begegnung mit Benjamin, dessen Bewerbung mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen, sie hatte im höchsten Trotze geschworen, nie das Weib eines Mannes zu werden, der sich einem allgemein gehaßten und verachteten Menschen, überdies gegen dessen Willen aufdrängte, und hatte sich von dem Verzweifelnden gewaltsam losgerissen. Ihr Schwur stand nun allerdings ihrer Verbindung mit Benjamin nicht entgegen, Munitz war nicht mehr der Verachtetste, der Gehaßteste in der Gemeinde, im Gegentheil er war der Geehrteste, der Geliebteste; — aber ihre Heftigkeit, ihr unbeugsamer Trotz, mußten ja Benjamin in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, das Band, das ihn an sie gefesselt, bis zur völligen Unanknüpfbarkeit Zerrissen haben! Und wie richtig war Benjamin von der Stimme seines Herzens geleitet worden! Daß Benjamin den Bruch als einen ernsten, dauernden betrachte und verletzt zurückgetreten, schien ihr zweifellos, der Grund ihrer Weigerung war ja jetzt entfallen, er hätte, wenn er gewollt hätte,' ja zu ihr zurückkehren können. Es war Dienstag Abend, die Familie Ulschitz saß beim Tische auf dem. in einem armseligen, eisernen Leuchter eine dünne Talgkerze ihr trübes Licht verbreitete, der Tisch stand an dem Bette des kranken Knaben. Ulschitz las in einem Sefer, Elke saß träumerisch und betrachtete, ihre arbeitsscheuen, noch immer schönen Hände, und Ester besserte alte Wäsche, die vor ihr auf dem Tische lag, aus. Das arme Mädchen dachte unablässig an ihr verlorenes Lebensglück, ihre Augen verdunkelten sich, sie konnte nicht mehr nähen; um ihre Thränen vor der Stiefmutter zu verbergen, erhob sie sich plötzlich, schritt zum Fenster und kühlte ihr brennendes, bethräntes Antlitz an den kleinen, bleieingefaßten Fensterscheiben. Sie mochte wenige Minuten so gestanden haben, als Männertritte in dem kleinen Flur und der dunklen Küche hörbar wurden, und dann sein manierlich angeklopft wurde. Als Reb Sabel ganz erstaunt, so spät am Abend noch Besuch zu erhalten, „herein" rief, öffnete ein Meschores, in der Hand eine Laterne mit zwei dicken Wachskerzen, die" Thüre. Ester wandte sich um, einen Augenblick glaubte sie zu träumen, das Opfer ihrer aufgeregten Phantasie zu sein; dann aber überlohte Helle Pupurgluth ihre lieblichen Züge, der fremde Meschores zog sich höflich zurück und die beiden Munitz, Vater und Sohn, über traten die Schwelle. Reb Sabel und Elke hatten sich bei der Ankunft der unerwarteten, vornehmen Gäste rasch erhoben. Reb Löb Munitz sah noch etwas bleich und angegriffen aus, aber die Lebenslust, die aus seinen großen, noch immer schönen Augen strahlte, der aufrechte, elastische Gang, hatten sein Aussehen so zu seinen Gunsten verändert, daß man schier glauben mochte, er sei seit den letzten vier Wochen um drei Mal so viel Jahre jünger geworden. Benjamin blieb bescheiden an der Thüre stehen. — Reb Sabel schämte sich der großen Dürftigkeit seiner Wohnung, die am Wochentage jedes Schmuckes entbehrend in der trübseligen Beleuchtung noch ärmlicher aussah. „Was verschafft mir den großen Kowed?" stammelte er, während Elke für die Gäste rasch zwei hölzerne Stühle zum Tische schob, die Messingleuchter mit Wachskerzen, die sie am Freitag Abend anzündete, von dem hohen Waschkasten herunternahm, auf den Tisch stellte, und die Kerzen anbrannte. „Verzeiht," erwiederte Munitz, „daß ich und mein Sohn zu so später ungelegener Stunde, vielleicht Euch störend, bei Euch eintreten; allein, das, was uns hierherführt, ist von größter Wichtigkeit für uns. Auch wären wir schon früher gekommen, doch war ich vor Kurzem noch zu schwach das Zimmer zu verlassen, und war überdies die letzten Tage, auch heute bis spät am Abend durch zahlreiche Besuche verhindert mit meinem Sohne bei Euch zu erscheinen. Mein Sohn Benjamin liebt Eure Tochter, das Mädchen liebt ihn wieder, das Hinderniß, das einer Verbindung der Beiden entgegenstand, ist Gott Lob und Dank beseitigt. Unser Oberrabbiner hat mir's zur Pflicht gemacht, eine Buße zu beenden, die ich, wie er behauptet, nicht in richtiger Form geübt. Durch meinen Freund David Wodnian rr^ fuhr ich, daß Esters Großvater gegen ein Verlöbniß nichts einzuwenden hat, nun frag ich zuerst nochmals Euch, liebe Jungfrau, wollt Ihr meinem Benjamin \ ein treues Weib werden? — und Euch Reb Sabel > und Frau Elke, ob auch Ihr aus vollem Herzen j Eure Einwilligung ertheilt?" \ Esters starke Liebe überwand ihre Schüchternheit, im Ueberströmen ihres warmen Gefühles warf sie sich stürmisch an Benjamins Brust, eine Antwort, die an Klarheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Sabel Ulschitz aber schrie, so laut als er es vermochte: „Ob wir unsere Einwilligung ertheilen?! aus vollem Herzen und aus ganzer Seele, mekaß Reb Löb!" und selbst die böse Elke, fühlte sich dadurch hochgeehrt, daß der vornehme Mann, der in der Gemeinde eine so hervorragende Rolle spielte, auch ihre J \V fi \ I J; , r i